Samstag, 22. August 2009

Meinungsbildung im Kollegium, in der Elternschaft und auf Elternabenden

Was sich alltäglich in der Öffentlichkeit abspielt, das ist auch etwas, was in schulischen Zusammenhängen gewusst werden soll. Solange noch nicht die individuelle Freiheit verbunden mit klarer Selbsterkenntnis der Menschen ausreichend an Kraft gewonnen hat, wird man es immer wieder mit Gruppenphänomenen zu tun haben. Man muss sehr bewusst und selbstkritisch sein, wenn man zur Wahrheit vordringen will. Wahrheiten mögen auch heute noch die meisten Menschen nicht gerne hören, denken oder
entwickeln. Man fühlt sich geborgener und sicherer, wenn man sich den Meinungen anderer anschließt, die man fürAutoritäten hält oder die sich selbst zur Autorität machen:

Aus "Nudge" von Thaler/Sunstein FAZ 31.7.2009

"Wenn alle in einem Raum eine Aussage akzeptieren oder Dinge auf eine bestimmte Weise sehen, kann es sein, dass man tatsächlich glaubt, dass die anderen recht haben. Bemerkenswerterweise legen neuere Untersuchungen des ForschungszweigsNeuroimaging den Schluss nahe, dass Menschen in solchen Experimenten nicht nur vorspielen, sie seien der gleichen Auffassung, sondern die Dinge wirklich so sehen wie alle anderen. Wenn hingegen die Teilnehmer anonym antworten können, sind die Antworten in der Regel weniger konform. Es ist also wahrscheinlicher, dass Menschen sich anpassen, wenn sie wissen, dass andere mitkriegen, was sie zu sagen haben. Manchmal ordnen sich Menschen selbst dann der Gruppe unter, wenn sie glauben oder gar wissen, dass alle anderen sich irren.

Gruppen, die einstimmig eine Meinung vertreten, können uns also stark beeinflussen – selbst dann, wenn wir uns sicher sind, dass sie im Unrecht sind.

Was aber ist, wenn es sich um eine komplexe, nicht so einfache Aufgabe handelt? Inwieweit lassen sich Menschen beeinflussen, wenn sie es mit Problemen zu tun haben, die sowohl schwer als auch ungewohnt sind? Einige Schlüsselstudien wurden in den 30er Jahren von dem Psychologen Muzafer Sherif (1937) unternommen.Sherif setzte die Teilnehmer seines Experiments in einen dunklen Raum, wo in einiger Entfernung vor ihnen ein kleiner Lichtpunkt an eine Wand projiziert wurde. Das Licht war auf einen festen Punkt ausgerichtet, aber aufgrund einer optischen Illusion, die autokinetischer Effekt genannt wird, schien es sich zu bewegen. In mehreren Durchgängen bat Sherif die Teilnehmer zu schätzen, wie weit sich das Licht bewegt habe. Bei der Einzelbefragung gab es keine Übereinstimmung zwischen den Teilnehmern. Die Antworten schwankten deutlich, sie unterschieden sich sogar von Durchgang zu Durchgang. Das ist nicht überraschend, denn schließlich hatte sich das Licht gar nicht bewegt. Die Probanden tappten völlig im Dunkeln und gaben willkürliche Schätzungen ab.

Wenn jedoch die Teilnehmer als Gruppe befragt wurden und sie sich öffentlich äußern mussten, näherten sich die individuellen Angaben einander an. Man orientierte sich an den anderen Gruppenmitgliedern und fand einen allgemein akzeptierten Konsens. Die Aussage einer Gruppe konnte sich von der Aussage einer anderen Gruppe jedoch stark unterscheiden. Hier finden wir einen wichtigen Hinweis darauf, wieso scheinbar ähnliche Gemeinschaften, Städte oder sogar Nationen sich jeweils auf ganz verschiedene Überzeugungen und Handlungen einigen – sie haben sich einfach (und willkürlich) auf jeweils andere Ausgangspunkte geeinigt.

Sherif versuchte auch, die Antworten der Befragten zu beeinflussen. Heimlich nahm an manchen Experimenten einer seiner Mitarbeiter teil. Wenn dieser selbstbewusst und fest sprach, hatte seine Einschätzung einen starken Einfluss auf die Gruppe und veränderte die Resultate deutlich. Gab der Mitarbeiter Sherifs eine höhere Schätzung ab als die Teilnehmer, die vor ihm geantwortet hatten, näherten sich die nachfolgenden Probanden seiner Meinung an. Ebenso verhielt es sich, wenn seine Schätzung niedriger ausfiel. Menschen, die konsequent und unbeirrt auftreten, können also Gruppen und deren Verhaltensweisen in eine bestimmte Richtung lenken. Das gilt im privaten ebenso wie im öffentlichen Raum.

Noch bemerkenswerter ist, dass die einzelnen Teilnehmer die Einschätzung der Gruppe völlig verinnerlichten und auch dann an ihr festhielten, wenn sie allein befragt wurden – sogar noch ein Jahr später und auch dann noch, wenn sie neuen Gruppen zugeteilt wurden, deren Mitglieder anderer Meinung waren. Bezeichnenderweise wurde ein solches Gruppenurteil auch von späteren „Generationen“ übernommen. Neue Gruppenmitglieder kamen hinzu, alte schieden aus, doch die Gruppe hielt an ihrer Aussage fest, obwohl die Person, die ursprünglich dafür verantwortlich gewesen war, schon lange nicht mehr dabei war. In einer Reihe von Experimenten, die sich an Sherifs Methode orientierten, konnte nachgewiesen werden, dass ein einmal willkürlich gefasstes Urteil oder eine Tradition sich im Laufe der Zeit verfestigen kann und viele Menschen sich daran orientieren."

Gewissensfragen...

Dieser Beitrag wurde entnommen aus:


10 Fragen zur Gewissensprüfung der Waldorfschulbewegung

von Holger Niederhausen

"Die Waldorfschulen wollen die von Rudolf Steiner begründete Waldorfpädagogik verwirklichen. Gelingt ihnen dies? Werden sie ihrem eigenen Anspruch gerecht? Was wären die Maßstäbe? Was ist das Wesentliche der Waldorfpädagogik? – Zehn Fragen zur Gewissensprüfung. ...


Nehmen wir die Anthroposophie ernst genug?

Sie selbst als Lehrer der Waldorfschule werden sich immer mehr in die Durchschlagskraft des Geistes hineinfinden und die Möglichkeit finden, alle Kompromisse beiseite zu lassen. [...] Wenn solche Leute, die im heutigen pädagogischen Leben drinnenstehen, uns loben, da müssen wir denken, da muß etwas bei uns nicht stimmen. Wir brauchen nicht jeden gleich hinauszuwerfen, der uns lobt, aber wir müssen uns klar sein, daß wir sorgfältig untersuchen, was wir nicht richtig machen, wenn wir gelobt werden von denjenigen, die im heutigen Erziehungswesen drinnenstehen. Das muß unsere gründliche Überzeugung werden. [...] Wir müssen auch innerlich, dem Gemüte nach, tatsächlich Anthroposophen sein im tiefsten Sinne des Wortes als Waldorflehrer [...]

Rudolf Steiner, 24.7.1920, GA 300a, S. 166f.

Wir reden hier viel von Waldorfschul-Prinzip, von neuer Pädagogik. Das Wichtigste ist, daß man im Wachstum bleibt. Jeden Tag ist die Gefahr vorhanden, daß die Dinge sauer werden. Das ist es, worauf es ankommt, daß man nicht vom Kleben an den Gewohnheiten einschläft, wenn man etwas tun soll, wenn man etwas bereiten soll. [...] Es kommt darauf an, daß man eine neue Begeisterung wirklich aufbringt. [...] Innerlich zusammenwachsen mit der Flamme, die sich heute entzündet, auf daß die Michael-Impulse verwirklicht werden!

Rudolf Steiner, 20.7.1924, GA 217a, S. 184."


Donnerstag, 20. August 2009

Geschichten zum ersten Schultag


Eine Tradition



Die Gewohnheit, dass alle Klassenlehrer/innen und Klassenbetreuer/innen bei uns am ersten Schultag eine Ansprache an ihre Klasse halten, geht auf folgendes Gespräch Rudolf Steiners mit der ersten Waldorflehrerschaft zurück:

„Konferenz vom Freitag 17. Juni 1921, 20 Uhr“ (GA 300/2, S. 36 f)

„...Über die Schuleröffnungsfeier am kommenden Samstag.

Dr. Steiner: Ich kann zuerst sprechen, dann alle Lehrer. Ich denke mir, wir machen es mit den Klassenlehrern jeder Klasse und mit Vertretern der Fachgruppen, der Reihe nach, von oben nach unten. Es kann von oben herunter gemacht werden, dass es bei der 10. anfängt. Auch die Fachlehrer sollen reden. 10., 9., 8., Fachlehrer für Eurythmie, Musik Sprachen, Handarbeitsunterricht,Handfertigkeitsunterricht. ...

Jemand bittet um eine Anregung, in welcher Weise gesprochen werden soll.

Dr. Steiner: Sie werden sich doch am Beginn des Schuljahrs voller Inspiration von Zielen und Absichten mit der Klasse befinden. Ich glaube, dass man da eher eine Anregung gibt, was Sie weglassen könnten. Jeder hat seine Absichten und seine Ziele im Sinn. Es wäre verletzend, zuzumuten, dass er sich anhören sollte, was er sagen soll. Es tut einem leid, dass nicht Originaleurythmie gemacht werden kann. Es wäre schön, wenn es gemacht werden könnte. Die Feier muss sehr würdig sein. Es ist eine Misere, dass wir das im Stadtgartensaal haben müssen. Das ist sehr bitter, daß wir nicht die Möglichkeit haben, die Feier hier abzuhalten. Wir kriegten nicht einmal die Kinder hinein, auch wenn wir verzichten auf andere Menschen. Die könnten nur stehen. Es sollte etwas beim Schulanfang von der Lehrerschaft gemacht werden. Wir werden die Kinder teilen, 1.- 6., 7. -10., das wird man im nächsten Jahr machen müssen.“


Nun hat sich eine gewisse Tradition entwickelt, dass man überwiegend besonders in den unteren Klassen stattdessen „Geschichten“ erzählt und weniger einen Einblick in den Stoff und die Intentionen des neuen Schuljahres gibt. Darüber wäre für die Zukunft nachzudenken.

Versucht man vor die Klassen nur erzählerisch ein Bild hinzustellen, dann erreicht man die Kinder in ihrem Gemüt (Gemütsseele). Macht man ihnen das Bild bewusst, erklärt man erzählerisch - nicht gedanklich, wofür das Bild steht, verbindet man ganz eng das Bild mit der alltäglichen Wirklichkeit, dann erreicht man das Kind in seiner Bewusstseinsseele.Bildhaft wird eine Äußerung allein schon dadurch, dass man ganz konkret wird:

Immer wenn ihr euere Schultasche morgens an den Haken am Tisch hängt, dann seid ihr bereit für das Lernen an diesem Tag....

Oder:

So wie ich jetzt auf beiden Beinen aufrecht vor euch stehe, so stehe ich jeden Morgen vor euch in der Klasse und bemühe mich, euch im Lernen voranzubringen. Das Stehen ist anstrengend, aber diese Anstrengung weckt in mir eine besondere Kraft. Ihr erhebt euch zur Begrüßung oder zum Rezitieren. Darin spürt dann auch der Lehrer eine besondere Kraft bei euch. Stellt euch vor, wie stark ihr lernen würdet, wenn ihr im Stehen lerntet.....

Sonntag, 16. August 2009

Zeugnisse mit dem Computer schreiben?

...Umberto Eco hat darüber nachgedacht und schreibt Bemerkenswertes:

L`Espresso, 7. August –

Umberto Eco schreibt seine Kolumne bestimmt nicht mit der Hand. Aber er denkt
darin darüber nach, was die Menschheit mit dem Verlust des Schreibens mit einem Stift verliert: die Langsamkeit. „Die Kunst der Kalligraphie erzieht zur Kontrolle der Hand und der Koordination von Fingern und Gehirn. Stefano Bartezzaghi macht in einem Artikel in der Tageszeitung Repubblica darauf aufmerksam, dass es beim
Schreiben mit der Hand notwendig ist, sich die Phrase vor dem Schreiben zu überlegen. Auf jeden Fall ermöglicht das manuelle Schreiben durch den Widerstand, den Stift und Papier entgegenbringen, eine reflexive Entschleunigung. Viele Schriftsteller, auch wenn sie das Schreiben mit dem Computer gewöhnt sind, haben bisweilen das Gefühl, dass sie gerne wie die Sumerer auf eine Tontafel meißeln würden, um Ruhe in ihr Denken zu bringen. Die jungen Leute schreiben
immer mehr mit dem Computer und dem Handy. Doch die Menschheit hat es gelernt, jene Tätigkeiten, die die Zivilisation als Notwendigkeit ausgemustert hat,
als Tätigkeiten wieder zu entdecken, die sportliche und ästhetische Bedürfnisse befriedigen.“