Donnerstag, 30. September 2010

RITALIN

Zum Schutz von Kindern und Jugendlichen – Verordnung von Stimulantien nur in bestimmten Ausnahmefällen - Pressemitteilung

Berlin, 16. September 2010 - Die Verordnungfähigkeit bestimmter Stimulantien wird aufgrund des Risikos, das vor allem für Kinder und Jugendliche mit der Einnahme dieser Medikamente verbunden ist, künftig noch weiter eingeschränkt, als das bisher der Fall ist. Eine entsprechende Entscheidung hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) am Donnerstag in Berlin getroffen. Der G-BA setzte damit Änderungen der Fach- und Gebrauchsinformationen von Methylphenidat-haltigen Arzneimitteln als Ergebnis eines europäischen Risikobewertungsverfahrens in der Arzneimittel-Richtlinie um. 
Bisher sieht die Arzneimittel-Richtlinie des G-BA vor, dass Stimulantien wie Methylphenidat nicht verordnungsfähig sind und nur ausnahmsweise zur Behandlung bestimmter Erkrankungen, wie bei einem Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität (ADS/ADHS) eingesetzt werden dürfen. Die entsprechende Regelung wurde nun noch enger gefasst, indem weitere Anforderungen an Diagnose und ärztliche Fachkenntnis bei der Behandlung gestellt werden.
„Der G-BA hat seine Richtlinie in diesem Punkt zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, denen Methylphenidat gegen ADS oder ADHS verordnet wird, aufgrund des Risikopotentials dieser Arzneimitteltherapie strenger gefasst. Die Diagnose muss künftig noch umfassender als bisher gestellt werden, und die Verordnung dieser Medikamente darf nur noch von Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen erfolgen. Zudem muss die Therapie regelmäßig unterbrochen werden, um ihre Auswirkungen auf das Befinden des Kindes beurteilen zu können", sagte Dr. Rainer Hess, unparteiischer Vorsitzender des G-BA.
Der Beschluss wird dem Bundesministerium für Gesundheit zur Prüfung vorgelegt und tritt nach erfolgter Nichtbeanstandung und der Bekanntmachung im Bundesanzeiger in Kraft. Der Beschlusstext sowie eine entsprechende Erläuterung werden in Kürze im Internet auf folgender Seite veröffentlicht:
http://www.g-ba.de/informationen/beschluesse/zum-aufgabenbereich/7/

Mittwoch, 29. September 2010

Pechtag - Glückstag

(Anekdotisches aus der Schule )


Ein Kind kommt weinend nach der Pause in das Schulhaus und jammert, es habe seine Mütze und einen Handschuh verloren!
Der Lehrer tröstet es und sagt, es solle nun in aller Ruhe noch einmal auf dem Schulhof suchen und könne dann ja verspätet in den Unterricht kommen.
Als es später zurück kommt, weint es noch lauter: „Jetzt habe ich auch noch den zweiten Handschuh und meinen Geldbeutel verloren.“

Dafür gab es auch schon folgendes erfreulicheres Erlebnis:

Meine Jacke hängt nicht mehr an der Garderobe!“ Man schickt das Kind noch einmal hinaus, es solle recht gründlich an allen Garderoben suchen, die Jacke könnte heruntergefallen sein oder eine andere Jacke könnte ja auch darüber hängen.
Nach einiger Zeit kommt das Kind strahlend wieder in das Klassenzimmer. Es trägt zwei Jacken über dem Arm: „Nun habe ich auch meinen Anorak wiedergefunden!“     

Dienstag, 28. September 2010

Hinweis auf einen Artikel: "Die Selbstüberschätzung"

In meinem Tagebuch finden Sie den Artikel

Selbstüberschätzung - der Overconfidence-Effekt:

Wissen Kinder, was sie tun ?

Sollen sie es wissen?
Wissen Erwachsene, was sie tun?

Ein neuer Lehrer beginnt mit seiner Unterrichtstätigkeit in einer Klasse. Die Kinder sind und bleiben laut, tun was sie wollen, der Unterricht kommt nicht voran. Später äußern die Kinder im Gespräch über diese Situation, dass sie erwarten, dass ein Lehrer sich „durchsetzt“, dass er für Ruhe sorgt, nicht dass sie von sich aus ruhig seien. Sie wissen, dass es eine Autorität braucht, die über der Klasse steht und alles reguliert.

Warum räumst du dein Zimmer nicht auf? Knalle doch nicht so mit der Türe! Im nächsten Moment geschieht es wieder: “Merkst du nicht......Weißt du nicht....Warum tust du das...?“

Solche oder ähnliche Sätze hört man Erzieher und Eltern ständig äußern. Betrachten Sie diese Äußerungen bitte einmal ganz genau: Man erwartet, dass das Kind mit vollem Bewusstsein bei seinen Handlungen dabei wäre: Merkst du nicht! Und dass es genau überlegen würde, was es tun will, bevor es zur Tat schreitet: Weißt du nicht! Warum! Bei den meisten Gesprächen mit Kinder können Sie die Erfahrung machen, dass es eben nicht „merkt“ und nicht „weiß“! Und das ist auch gut so! Dafür sind es ja Kinder. Und es wäre eine Segen, wenn der Erwachsene selbst alle diese Bedingungen erfüllen würde. Deshalb sprechen wir alle diese Bemerkungen auch in den Wind. Kinder denken nicht über ihr Verhalten nach.

Zu wissen, was man tut, welche Folgen das eigene Tun hat, das kann nur ein Erwachsener mit einem voll entwickelten Selbstbewusstsein. Das Kind verfügt über kein volles Selbstbewusstsein. Dieses Wissen hatte die Menschheit schon seit langem, deshalb hat sie die Schwelle des Erwachsenwerdens sogar bis in die Gesetze hinein definiert und auf 18 bis 21 Jahre festgelegt. Aber im Alltagsbewusstsein ist uns das Gefühl für diesen Unterschied verloren gegangen. Wir stellen Forderungen an unsere Kinder, die wir nicht einmal an Erwachsene richten würden. Und die Unmöglichkeit des Kindes, unsere Forderung zu erfüllen interpretieren wir häufig als bösen Willen oder Ungezogenheit.

Das Kind lebt und handelt ganz und gar aus seinen Bedürfnissen, Gefühlen und Lebensimpulsen heraus. Ohne einen Gedanken oder ein Wissen über sein Tun, wenn es noch ganz im rechten Sinne Kind ist.

In vielen Dingen handelt es so, wie wir uns verhalten, wenn wir Auto fahren. Denken wir darüber nach, wie wir die Kupplung drücken müssen, bevor wir den Fuß bewegen? Wenn wir jeden Handgriff bedenken würden, bevor wir ihn tun, dann könnten wir nicht Auto fahren. Unser Handeln ist reine Gewohnheit geworden! Aber es kann durchaus lange gedauert haben und mühsam gewesen sein, bis wir uns diese Gewohnheit erarbeitet haben.

Dem Kinde dienen nun die ganzen ersten Lebensjahre dazu, sich ähnliche Gewohnheiten einzuprägen. Zunächst ganz durch die Nachahmung der Umgebung, später dann auch durch Hilfe und Einwirkung der Mitmenschen. Durch die zu erlernenden Gewohnheiten wächst das Kind in die Gemeinschaft der Menschen hinein, sein Lebensstil harmonisiert sich mit dem seiner Umwelt. Soziale Gemeinschaft wird möglich.

Nun sind unsere Kinder ja keine Maschinen oder dressierbare Tierchen, sondern sie sind auch schon Individualitäten und können sich nur bis zu einem gewissen Maße in die üblichen Gewohnheiten der bestehenden menschlichen Gemeinschaften einfügen. Die Kinder ändern sich ja und bringen immer neue Impulse aus ihrer vorgeburtlichen Existenz in dieses Leben mit. Sie bringen ja das Neue, die Zukunft mit. Deshalb müssen sie in Konflikt mit ihrer Umgebung geraten. Und so entstehen die Schwierigkeiten. Und gerade bei den „schwierigsten“ Kindern kann es sein, dass sie die größten Impulse mitbringen, wenn es nicht daran liegt, dass sie vom Elternhaus, nicht genügend gute Gewohnheiten vermittelt bekommen haben.

Nun ist das Erwerben von guten Gewohnheiten für das Kind wie für den Erwachsenen durchaus ein dornenreicher Weg. So kann ich z.B. die wohl weniger günstige Gewohnheit haben, z.B. zu schnell zu essen. Die Speisen werden zu schnell hinunter geschluckt, nicht genügend gekaut. Nun wird man durch irgendetwas darauf hingewiesen, dass es gesünder sei, jeden Bissen länger zu kauen. Nun wird man beim Essen erleben, wie schwer es ist, jeden Bissen doppelt so lange im Mund zu behalten. Es wird nur selten gelingen. Es braucht eine ziemliche Wachheit und Bewusstseinsstärke, dass man ständig den eigenen Kauvorgang beobachtet und sich dabei sagt: „Langsam kauen, länger kauen....“ Und das muss man tagelang, wochenlang oder monatelang üben. Sonst wird man bald den ganzen guten Vorsatz vergessen haben.  

Montag, 27. September 2010

"Gemeinsames Essen"

Artikel von :http://www.edizin.de/de/news/archive,s-Q8.mahlzeit-gemeinsames-essen-mit-der-familie-wichtig.html


"Mahlzeit"  
Bonn (mp). Gemeinsame Mahlzeiten in der Familie sind wichtig. Dabei geht es um mehr als die reine Nahrungsaufnahme: Bei Tisch haben Kinder die Möglichkeit, sich in Ruhe mit ihren Eltern und Geschwistern auszutauschen. Daher rät die Ernährungsberatung aid von der immer noch praktizierten Benimmregel "Bei Tisch wird nicht gesprochen" ab. Schweigen bei Tisch ist für Kinder langweilig und sorgt zudem für eine beklemmende Atmosphäre, die den Appetit hemmt.
Anders sieht es aus, wenn die Familie mindestens einmal am Tag in einer geselligen Runde zusammensitzt. Kinder schätzen meist dieses kommunikative Gemeinschaftsereignis. Eltern sollten allerdings darauf achten, dass jeder zu Wort kommt und die anderen zuhören. Es wird besprochen, was am Tag passiert ist, es wird diskutiert und Pläne können geschmiedet werden. Unerfreuliche Themen sollten besser in einer ruhigen Stunde statt beim Essen besprochen werden. Zum einen schmeckt das Essen nicht, wenn die Eltern schimpfen. Zum anderen verbindet ein Kind schnell die gemeinsame Runde mit Schelte und wird dieser Zusammenkunft nicht so viel Gutes abgewinnen können, wie sie eigentlich vermitteln sollte. 
Durch die gemeinsame Mahlzeit in angenehmer Atmosphäre erlebt der Nachwuchs Geborgenheit, bekommt Werte vermittelt und lernt nebenbei Speisen und Getränke kennen. Rituale und Gewohnheiten prägen die späteren Vorlieben oder Abneigungen für bestimmte Speisen. Darüber hinaus orientieren sich die Kleinen an den Tischmanieren und Umgangsformen der Eltern und lernen durch Beobachtung schnell die Tischsitten der Familie. Gut ist es auch, wenn Kinder ab circa fünf Jahren an der gemeinsamen Runde mitarbeiten, indem sie beispielsweise den Tisch decken. Die Bewältigung der eigenen Aufgabe stärkt das Selbstwertgefühl des Nachwuchses und vermittelt ihm, dass eine Sache gut gelingen kann, wenn alle mithelfen.

Samstag, 25. September 2010

Studie: Gute Erziehung macht Kinder toleranter

Sydney  (dts Nachrichtenagentur) – 


"Eine gute Erziehung kann Kinder offenbar zu toleranten und weltoffenen Mitmenschen machen. Das geht aus einer australischen Studie hervor. Schlechte Erziehung kann sich demnach direkt auf die psychische Gesundheit eines Kindes auswirken, fanden Wissenschaftler des Australian Institute of Family Studies (AIFS) heraus. Die Studie zeigt, dass Depressionen und Angstzustände unter jungen Erwachsen rund doppelt so häufig auftreten, wenn die Probanden in ihrer Kindheit misshandelt oder vernachlässigt wurden. Gute Erziehung hingegen hat positive Auswirkungen auf soziale Fähigkeiten, die junge Menschen davor schützen, psychische Probleme zu entwickeln. “Kinder fürsorglicher Eltern zeigten einen höheren Grad an persönlichen Stärken wie soziale Kompetenzen und Toleranz gegenüber anderen Menschen und Vertrauen in Obrigkeiten, wie Behörden oder die Regierung”, sagte Forschungsleiterin Diana Smart. Die Studie stützt sich auf die Daten von 1.000 Personen zwischen 23 und 24 Jahren. Knapp ein Viertel (23 Prozent) der Teilnehmer haben in ihrer Kindheit eine Form von Missbrauch erlitten."

Freitag, 24. September 2010

Bewusstseins-Seelen-Elemente in der Erziehung I

Menschen, die sich zur Waldorfpädagogik hingezogen fühlen, sind dies oft, weil sie sich mit der gegenwärtigen Kultur nicht ganz in Einklang empfinden. Sie haben manchmal Schwierigkeiten mit der abstrakt, technisch, maschinell und intellektuell gewordenen Welt. So betrachten sie die praktischen, die künstlerischen und die gefühlsfördernden Elemente der Waldorfpädagogik als etwas, was sie in der Welt sonst nicht mehr in dieser Weise finden. Sie suchen so oft manches, was in der heutigen Welt verloren gegangen ist. Es hat dieses Suchen so einen vergangenheitsorientierten Charakter. Manche Menschen lieben es heute ja auch, z.B. einen „mittelalterlichen Markt“ zu besuchen.

Damit wird aber der Charakter der Waldorfpädagogik nicht erfasst. Es ist – um es mit einem ganz mangelhaften Vergleich auszudrücken - so, als würde man bei einem Geschenk nur die Verpackung sehen und lieben, aber den Inhalt völlig verkennen. Der Inhalt ist nämlich etwas ganz anderes, etwas so Modernes und Zuküftiges, dass er gar nicht so sehr geliebt wird, wie die „Verpackung“. Gemeint ist die Erziehung der Bewusstseins-Seele.

Studiert man Steiners pädagogische Hinweise, so springt uns ständig das Wort "bewusst" oder „bewusstmachen“ ins Auge.
Künsterlische oder praktische Arbeit fördert zunächst „nur“ das Gefühl. Aber das reicht heute  in unserer Kultur ja nicht mehr aus. Erst das bewusst gemachte Gefühl, erweckt im Kinde die Kräfte und Fähigkeiten, die es für die heutige Welt braucht.

Zum Beispiel sagt Rudolf Steiner zum Ende des 4.Votrages der Allgemeinen Menschenkunde folgendes- man möge dabei immer auf die Unterscheidung achten:

-Wiederholung im Tun wirkt auf das Gefühl
-Wird diese Wiederholung dem Kind bewusst gemacht, wirkt sie auf den Willen:

„Das Richtige liegt gar nicht zunächst darin, dass Sie darauf ausgehen, dem Kinde Ermahnungen, Sittenregeln zu geben, sondern Sie lenken es hin auf irgend etwas, von dem Sie glauben, dass es das Gefühl für das Richtige im Kinde erwecken wird und lassen dies das Kind wiederholentlich tun. Sie müssen eine solche Handlung zur Gewohnheit erheben. Je mehr es bei der unbewussten Gewohnheit bleibt, um so besser ist es für die Entwickelung des Gefühls; je mehr das Kind sich bewusst wird, die Tat aus Hingabe in der Wiederholung zu tun, weil sie getan werden soll, weil sie getan werden muss, desto mehr erheben Sie dies zum wirklichen Willensimpuls. Also mehr unbewusstes Wiederholen kultiviert das Gefühl; vollbewusstes Wiederholen kultiviert den eigentlichen Willensimpuls, denn dadurch wird die Entschlusskraft erhöht. Und die Entschlusskraft, die sonst nur im Unterbewussten bleibt, wird angespornt dadurch, dass Sie das Kind bewusst Dinge wiederholen lassen.
 Wir dürfen also nicht mit Bezug auf die Willenskultur auf das sehen, was beim intellektuellen Leben von besonderer Wichtigkeit ist. Im intellektuellen Leben rechnen wir immer darauf: man bringt einem Kinde etwas bei, und es ist um so besser, je besser es die Sache begriffen hat. Auf das einmalige Beibringen legt man den großen Wert; dann soll die Sache nur behalten, gemerkt werden. Aber was so einmal beigebracht und dann behalten werden kann, das wirkt nicht auf Gefühl und Wille, sondern auf Gefühl und Wille wirkt das, was immer wieder getan wird und was als das durch die Verhältnisse Gebotene für richtig getan angesehen wird.
 Die früheren, mehr naiv patriarchalischen Erziehungsformen haben das auch naiv patriarchalisch angewendet. Es wurde einfach Lebensgewohnheit. In allen diesen Dingen, die so angewendet wurden, liegt durchaus etwas auch gut Pädagogisches. Warum lässt man zum Beispiel jeden Tag dasselbe Vaterunser beten? Wenn der heutige Mensch jeden Tag dieselbe Geschichte lesen sollte, so würde er es gar nicht tun, das würde ihm viel zu langweilig fallen. Der heutige Mensch ist eben auf die Einmaligkeit dressiert. Die Menschen früherer Art haben alle noch das kennengelernt, dass sie nicht nur dasselbe Vaterunser täglich gebetet haben, sondern sie haben auch noch ein Buch mit Geschichten gehabt, die sie jede Woche mindestens einmal gelesen haben. Dadurch waren sie auch dem Willen nach stärkere Menschen als diejenigen, welche aus der heutigen Erziehung hervorgehen; denn auf Wiederholung und bewusster Wiederholung beruht die Willenskultur. Das muss berücksichtigt werden.
 Daher genügt es nicht, in abstracto zu sagen: man muss auch den Willen erziehen. Denn man wird dann glauben, wenn man selber gute Ideen für die Willensausbildung hat und diese durch irgendwelche raffinierte Methoden dem Kinde beibringt, zur Ausbildung des Willens etwas beizutragen. Das nützt aber gar nichts in Wirklichkeit. Es werden doch nur schwache, nervöse Menschen diejenigen, welche man zur Moral ermahnen will.
 Innerlich stark werden die Menschen werden, wenn man zum Beispiel zu den Kindern sagt: Du tust heute dies, und du tust heute das, und ihr beide werdet morgen und übermorgen dasselbe tun. - Da tun sie es auf Autorität hin, weil sie einsehen, dass einer in der Schule befehlen muss. Also: einem jeden eine Art Handlung für jeden Tag zuweisen, die sie dann jeden Tag, unter Umständen das ganze Schuljahr hindurch, vollbringen - das ist etwas, was auf die Willensbildung sehr stark wirkt. Das schafft erstens einen Kontakt unter den Schülern; dann stärkt es die Autorität des Unterrichtenden und bringt die Menschen in eine wiederholentliche Tätigkeit hinein, die stark auf den Willen wirkt."

Mittwoch, 22. September 2010

Schwierige Schüler

Rudolf Steiner hat das Sitzenbleiben abgeschafft, weil er jegliche Selektion für unsozial und unmenschlich hielt. Er wollte auch nicht, dass besonders schwierige Fälle der Schule verwiesen würden:

"Man hat in der Menschheit auch solche Leute, und man hat die Aufgabe, sich ihrer nicht zu entledigen, sondern sie wirklich auch zu behandeln. ... Wir dürfen nicht, weil wir finden, dass Schwierigkeiten vorliegen, irgendeinen Schüler aus der Schule weggeben. Er muss interressiert werden. Es ist mit ihm fertig zu werden, wenn man ihm mit Gründen beikommt..."
Konferenz vom 31.7.1923 - GA 300-3 

In unseren Schulmitteilungen fand ich dazu zufällig heute noch folgendes Zitat von Hennig Köhler:

"Wird ein Schüler zum 'Problemfall', ist das kein Grund sich seiner zu entledigen, sondern ein Grund mehr, ihm beizustehen."

Montag, 20. September 2010

Ergänzung zu "Wenn Kinder später lesen lernen"

Ein Leser sandte mir folgenden Text als Kommentar zu. Es handelt sich um ein Zitat von R.Steiner::

Auszug aus dem Kommentar von RB …
"...Wenn man, wie es heute üblich ist, unsere gegenwärtigen Lese- und Schreibkenntnisse vom sechsten, siebenten Lebensjahre an sich aneignen muss, so ist das eine solche Tortur für die Seele, die sich ihrer besonderen Eigenart nach entwickeln will ... Man muss schon so paradox sprechen. Es ist einmal eine Wahrheit. Es ist nichts zu machen dagegen, es ist eine Wahrheit.» (GA 235, 13. Vortrag vom 23. 03. 1924)

Die heutige "pharmazeutische" Erziehung:

Ein Schüler erzählt in der Straßenbahn einem Mitschüler - etwa sinngemäß, er sei Legastheniker und müsse zwei Medikamente einnehmen. Eines helfe ihm, dass er aufmerksamer sein könne. Dieses aber mache ihn hyperaktiv. Deshalb müsste er ein zweites einnehmen, das ihn beruhige. ...

Sonntag, 19. September 2010

Wenn Kinder später Lesen lernen

Diese Ausarbeitung hatte ich für die Erziehungskunst geschrieben. Von dieser habe ich nun lange Zeit keine Reaktion auf meine Zusendung bekommen, deshalb soll er vorerst einmal hier veröffentlicht werden.


 

Es gehört nach wie vor zu den größten Eltern- und auch Lehrersorgen, wenn ein Kind nicht in den ersten Schuljahren lesen lernt. Oft kommen dazu auch noch die Sorgen, was das Schreiben und das Beherrschen der Rechtschreibung angeht. Man neigt heute dazu, in diesem Fall Fachleute hinzuzuziehen. Das Kind wird untersucht, getestet, Diagnosen werden erstellt, Förderung und Nachhilfe setzt ein. Ein solches Kind ist von nun an einer enormen Belastung ausgesetzt, da es nicht der Norm entspricht. Sein Entwicklungsstand wird als Schwäche oder gar Krankheit angesehen.

Der Waldorfpädagoge Thomas Jachmann schreibt dazu in seinem Artikel „Die Ausbildung des Gemüts im 2. Jahrsiebt“:

„Sogenannte wissenschaftliche Erkenntnisse postulieren Schwächen und Krankheiten des Schülers, wo vielleicht nur unterschiedliche Entwicklungsverläufe vorliegen, die über die tolerierte Norm hinausgehen und staatliche Erziehungsverordnungen legen einheitlich fest, was zu einem bestimmten Lebenszeitpunkt gewusst und gekonnt werden muss.“ [1]
Nach wie vor gehören Schreiben und Lesen neben dem Rechnen zu den wichtigsten Kulturtechniken. Und so, wie sich die heutige Kultur gestaltet, in der die „Verschriftlichung“ aller Lebensvorgänge immer weiter zunimmt,  hat das Lesen auch einen ganz besonderen Stellenwert.
Nun ist die Fähigkeit, das Lesen zu lernen, bei den Kindern äußerst unterschiedlich. Manche Kinder können schon vor der Einschulung lesen und andere lernen vielleicht erst mühsam in der 4. oder 5. Klasse. Menschenkundlich betrachtet macht es gar keinen Sinn, mit einem Kind, das noch nicht lesen kann oder will, das Lesen direkt anzugehen. Das wäre, wie wenn man von einem Vögelchen, das an seinen Schwingen noch gar keine Schwungfedern entwickelt hat, verlangen würde, dass es fliegen lerne. Es wird versuchen, mit den Flügelstummelchen zu flattern, aber es wird sich kaum erheben können.

Das Lesenlernen erfordert eine Fülle von Sinnes- und Verstandestätigkeiten, die erst einmal entwickelt werden müssen, falls sie nicht schon als Anlage vorhanden sind, wenn das Kind in die Schule kommt. Welch ein schwieriger und komplizierter Prozess das Lesenlernen in Wirklichkeit ist, das beginnt man langsam auch in der Wissenschaft zu verstehen. Der Hirnforscher Ernst Pöppel äußerte sich dazu in einem Interview mit der Tageszeitung „ Die Welt“ am 30 März 2010 in folgender Weise:
„Lesen ist eine der unnatürlichsten Tätigkeiten des menschlichen Gehirns. Deswegen wundert es mich nicht, dass sich Kinder und auch immer mehr Erwachsene vom Lesen abwenden. Das Gehirn hat im Laufe der Evolution keine Strukturen entwickelt, die optimiert für das Lesen wären. Lesen ist ja eine noch recht junge kulturelle Erfindung, die es erst seit rund 4000 Jahren gibt. Die Entdeckung, dass gesprochene Sprache in grafische Elemente umgewandelt werden kann, war die bislang größte Kulturrevolution in der Geschichte der Menschheit...
Das menschliche Gehirn wehrt sich geradezu gegen Lesen. Das anstrengungslose Lernen und Verarbeiten von Informationen wird durch Lesen eher behindert. Diese Erkenntnis der Hirnforschung muss man kennen, wenn man Kindern mit Leseschwierigkeiten helfen will. ...“
Die wichtigste Voraussetzung für die Aufnahme von gelesenen Informationen ist die Konzentration. Ohne sie kann man die Bedeutung von Gelesenem nicht wirklich erfassen und verstehen. Schüler, die sich nicht ausreichend konzentrieren können, haben eben auch Schwierigkeiten beim Lesen.“

Rudolf Steiner drückte das 1919 mit folgenden Worten aus:
„Im Grunde genommen wird das Kind in ganz künstlicher Weise in etwas ihm Fremdes hineingeführt, wenn man es ohne weiteres d a s Lesen und Schreiben lehrt, das heute im dem menschlichen Verkehr üblich ist.“[2]

Der künstlerische Unterrichtsprozess

In der Waldorfschule verfolgt man eine besondere Methode, um an das Schreiben und Lesen heranzugehen. Zunächst einmal wird das Schreiben in einem künstlerischen Prozess erarbeitet. Wir befassen uns mit Zeichnerischem, Malerischem, Rezitatorischem und auch Musikalischem.
„Man tut den Kindern etwas ungeheuer Gutes, wenn man solches an die Kinder heranbringt.
Unsere Kinder werden selbst Schreiben und Lesen aus dem Leben heraus lernen. So ist es beabsichtigt. Sie werden nicht pedantisch dazu angehalten werden, Buchstaben schreiben zu lernen.“[3] „ (Man lehrt ) das Kind .. aus dem künstlerischen Erfassen der Schrift das Schreiben .. und dann aus dem Schreiben das Lesen.“[4]
Das Formenzeichnen bildet eine Grundlage für diesen Prozess. Das Kind soll lernen, auch feine Nuancen in Formgestaltungen zu erfassen und dann selbstständig aufzuzeichnen. Dabei schult es den Sinn, später Buchstabenformen exakt zu erfassen und wiederzugeben.

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Musikalisch-Sprachliche. Wer sein Klangempfinden schult, der wird auch die Lautklänge in den Worten geschickter hören lernen. Manch ein Kind kann beispielsweise nur schwer „f“ und „s“ vom Klang her unterscheiden. Durch Gesang und Rezitation wird dies in der Klassengemeinschaft ständig geübt.

Die Waldorfmethode beschäftigt sich zunächst nur am Rande mit dem Lesen. Es wird nach dem Erlernen der Buchstabenformen viel geschrieben und dann auch an dem Geschriebenen freilassend das Lesen geübt. Für Kinder, die noch kaum lesen können, erleichtert sich der Prozess dadurch, dass häufig auch Texte geschrieben werden, die vorher auswendig gesprochen wurden. Völlig fremde, gedruckte Texte bringt man erst später an die Kinder heran.

Im obigen Zitat heißt es, dass die Kinder das Lesen aus dem Leben heraus lernen. Verfolgt man die Waldorfmethode konsequent, dann kann ohne jegliche Anstrengung, ohne irgendeine besondere intensivere Leseübung die überwiegende Mehrheit der Kinder einer Klasse am Ende des zweiten Schuljahres mehr oder weniger flüssig lesen.
 Leseschwierigkeiten
Nun gibt es immer einige Kinder, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht lesen können oder nur sehr mangelhaft und die sich überhaupt mit dem Schreiben schwerer tun als andere. Hier beginnen  dann meist die allergrößten Sorgen.
Zunächst einmal sollen hier einige Äußerungen Steiners zur Tatsache des späten Lesenlernens angeführt werden. Steiner sah weniger in dem späten Beginn des Lesens ein Problem, das größere Problem sah er in dem zu früh geforderten Lesenlernen. Die intellektuellen Kräfte, die man für das Lesen braucht, sollten aus menschenkundlichen Erwägungen bei einem Kind nicht zu früh geweckt werden, wenn sie nicht schon von Natur aus vorhanden sind. Diese Kräfte sind gewissermaßen zunächst die gleichen Kräfte, denen wir auf einer anderen Ebene unsere körperliche und seelische Gesundheit verdanken. Werden sie in gezielter Weise von den Erziehern zu früh auf den Leseprozess hingelenkt, obwohl das Kind aus sich selbst heraus noch nicht soweit ist, dann müssen sie von anderswo abgezogen werden.
„Das frühe Lesen‑ und Schreibenlernen in     anderen Schulen ist in vieler Beziehung ein Fehler. Denn nicht darum handelt es sich, dass man die Kinder so schnell wie möglich zu gewissen Fertigkeiten bringt, sondern darum, dass man sie dazu bringt, dass sie einmal im späteren Leben tüchtige Menschen werden...“[5]

Steiner weist an anderer Stelle darauf hin, dass ein zu frühes Lesetraining für das einzelne Kind durchaus negative gesundheitliche Folgen haben kann. Diese treten allerdings nicht unmittelbar im kindlichen Alter auf, sondern zeigen sich erst viel später im Leben:
„Sondern es kommt darauf an, dass es vielleicht gar nicht gut ist für das Kind, wenn es zu früh lesen lernt. Denn da sperrt man auch wiederum für das spätere Leben etwas zu , wenn das Kind zu früh lesen lernt. Lernt das Kind zu früh lesen, dann führt man es zu früh in die Abstraktheit hinein. Und Sie würden unzählige spätere Sklerotiker beglücken für ihr Leben, wenn Sie ihnen nicht zu früh das Lesen beibrächten als Kinder.“[6]

Ja, die Äußerungen Rudolf Steiners gehen sogar noch weiter. Es betrachtete einen relativ späten Lesebeginn sogar als durchaus positiv. Die dadurch aufgesparten Kräfte können für den Menschen im späteren Alter durchaus positive Wirkungen haben. Er weist deshalb in seinen pädagogischen Vorträgen immer wieder darauf hin, dass bedeutende Persönlichkeiten häufig relativ spät mit dem Lesen begannen und auch im Schulalter eher Probleme mit dem Schreiben hatten.
„Erst legen wir uns die Frage vor, ob es überhaupt berechtigt ist, zu verlangen, dass das Kind schon im achten Jahr mit einer gewissen Fertigkeit lesen können, schreiben können soll. ... Wer Goethe genau kennt, der kann auch wissen: Wenn man mit dem, was für einen zwölfjährigen Jungen heute schulmäßige Anforderungen sind, an Goethe herangeht und sich fragt, hat Goethe das wirklich so gekonnt? ‑ wird man sehen, er hat es nicht einmal mit sechzehn Jahren gekonnt und ist doch der Goethe geworden.
Österreich hatte einen bedeutenden Dichter, Robert Hamerling. Er hat natürlich in seiner Jugend sich nicht vorgenommen, ein Dichter zu  werden, das machte sein Genie, aber er wollte Mittelschullehrer werden. Er hatte eine Lehramtsprüfung abgelegt. In seinem Zeugnis steht, dass er im Lateinischen und Griechischen ganz außerordentlich gute Kenntnisse  aufgewiesen habe, dass er aber nicht fähig sei, die deutsche Sprache zu handhaben, sondern dass er nur für die unterste Klasse zum Unterricht tauge. Aber er wurde der bedeutendste neuere Dichter Osterreichs.“[7]

„Lesen und Schreiben, so wie wir es heute haben, ist eigentlich erst etwas für den Menschen im späteren Lebensjahre, so im 11., 12. Lebensjahre. Und je mehr man damit begnadigt ist, kein Lesen und Schreiben vorher fertig zu können, desto besser ist es für die späteren Lebensjahre. ... ich kann da aus eigener Erfahrung sprechen weil ich es nicht konnte mit 14,15 Jahren...“[8]

Hilfen
Der Waldorflehrer wird sich sehr intensiv innerlich mit einem Kind beschäftigen, das in der besprochenen Weise von der Norm abweicht. Er wird versuchen aufzuspüren, was das Besondere des Wesens dieses Kindes ist. Er wird dann vielleicht finden, dass bei ihm eine Verstärkung verschiedener künstlerischer Betätigungen auch außerhalb des regulären Hauptunterrichtes für die Entwicklung seiner Fähigkeiten hilfreich sein kann.
Oftmals kann er auch feststellen, dass das Kind sich immer wieder in ganz besonderer Art im Unterricht äußert. Diese Äußerungen weichen oft von dem ab, wie andere Kinder sich äußern. Solche Unterrichtsbeiträge können zunächst als falsch oder störend empfunden werden. Bei genauerem Hinsehen oder Nachdenken wird man aber manchmal feststellen, dass sich in diesen Äußerungen etwas sehr Individuelles oder Originelles ausdrücken will. Man wird dann diese Kinder in ganz besonderer Weise in seiner Seele tragen und in ihrer persönlichen Entwicklung unterstützen. Man wird auch versuchen, ihnen einen Schutzraum in der Klasse und überhaupt in ihrer ganzen sozialen Umgebung zu gewähren. Manchmal muss man diesen Schutzraum nach außen hin auch mit Mut und Kraft für das Kind erkämpfen.
Immer mehr wird man bei einer besonders intensiven Beschäftigung mit solchen Kindern darauf kommen, dass sie sogar ganz außerordentliche Kräfte oder Fähigkeiten auf Gebieten haben, die in der heutigen Kultur noch gar nicht anerkannt sind. Sie können vielleicht über eine gewisse Hellfühligkeit verfügen und die Gedanken und Gefühle in ihrer Umgebung erspüren. Sie haben manchmal ein viel intensiveres seelisches Erleben als andere Kinder, was sich in starken Phantasiekräften ausdrücken kann. Dieses zu erkennen und dem  Kind in der richtigen Weise entgegenzukommen, ist die große Aufgabe für Eltern und Erzieher.

Dieter Centmayer
Braunschweig im Juli 2010 

[1]  Zu finden unter: http://www.thomasjachmann.de/artikel/11-die-ausbildung-des-gemuets-im-2-jahrsiebt.html)
[2] „Rudolf Steiner in der Waldorfschule“, GA 298, S. 73
[3] Rudolf Steiner, Idee und Praxis der Waldorfschule, GA 297, S.77
[4] a.a.O. S.210
[5] „Rudolf Steiner in der Waldorfschule“, GA 298 S. 73
[6] Rudolf Steiner, „Die pädagogische Praxis von Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis“, GA 306, S.82
[7] „Rudolf Steiner in der Waldorfschule“, GA 298, S. 129 f
[8] Rudolf Steiner, Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit, GA 311, S.34

Freitag, 17. September 2010

Den Blick beim Tadel auf die Sache lenken

"Selbst wenn die Jungen das Allerschlimmste ausfressen, muss man stets die Tat treffen, niemals die Persönlichkeit. Sobald man die Jungen schimpft, ist nicht mehr zurechtzukommen."
Rudolf Steiner in einer Konferenz (31.7.1923)

Unser heutiges Bewusstseinsseelenzeitalter erfordert diesen neuen Umgang mit der Schülerpersönlichkeit. Bei allen schwierigen Erziehungsvorgängen ist darauf zu sehen, dass man nie die Individualität des Schülers trifft.

Es geht dabei um scheinbare Kleinigkeiten in der Ausdrucksweise:
"Du kippelst immer mit dem Stuhl!" oder "Vom Kippeln geht der Stuhl kaputt"
Im ersten Satz ist der Akzent auf "du" gesetzt, auf die Schülerpersönlichkeit. Im zweiten auf den Vorgang oder die Sache.

"Du hast schon wieder ein Kind geschlagen!" oder "Das Kind, das du geschlagen hast, hatte große Schmerzen!"


Donnerstag, 16. September 2010

"Die Zukunft, in der wir leben"


In seinem Buch:

2033
DIE ZUKUNFT IN DER WIR LEBEN
HANDBUCH ZUR WIRKLICHKEITSGESTALTUNG

gibt der Unternehmensberater und Gründer der Aquin-Akademie Bernward Rauchbach einen Ausblick auf die kommenden Jahrzehnte, indem er verschiedene Thesen formuliert:


"Nicht nur zwischen Mensch und Erde oder zwischen Mensch und Mitmensch herrschen Beziehungslosigkeit und Mangel, auch zwischen Schüler und Lehrer klaffen immer größere Schluchten. Die Lehrerschaftensind überaltert, Lehrer, für die es eine naturwissenschaftliche und eine diffuse Bewusstseinsrealität gibt, stehen Schülern gegenüber, die nicht nur wendiger in ihrer Auffassung sind, sondern die Lebenskräfte, Seelen- undGeisteswesen spüren oder gar sehen und in einer endlosen Einsamkeit sich verlieren, da sie niemanden finden, der diese Wahrnehmungen mit ihnen teilt.


Wie sollen zwei Generationen miteinander eine Beziehung aufbauen, die in völlig unterschiedlichen Welten leben? Wiesollen die einen den anderen etwas beibringen, wenn sie nicht verstehen, wie das Begreifen, Verstehen und Interagieren funktioniert bei einemKind, das
umfänglicherwahrnimmt als es der Lehrer jemals zu träumen gewagt hat? Da ist es nur verständlich, dass sich in den Schülerschaften mehr und mehr Eigenständigkeit entwickelt, dass eine ganze Generationaus einem großen Selbstverständnis heraus eigene Ziele formuliert, eigene Wege geht und eigene Begriffe bildet.


Das schöpferische Potential dieser Generation ist unerschöpflich, und so bilden sich Schulen mit einer schöpferischen Didaktik, die mit anderen konkurrieren, in denen die Lehrer und Eltern eine blinde Gewalt bewahren konnten.


Auf diesem Feld wird nur ein graduelles Verständnis zu finden sein, eine wirkliche Beziehung der einen mit den anderen wird es sicher nicht geben, einzig die Nachsicht der Lehrer mit sich selbst und eine
Großzügigkeit im Eröffnen von Freiräumen kann vermittelnd wirken zwischen zwei Generationen, von der die eine zu wissen glaubt, was richtig ist, während die andere tut, was sie tun muss.


Der Schüler lebt überwiegend in einer
vielschichtigen Wirklichkeit, zu der sein Lehrer keinen Zugang hat; er übernimmt aus Autoritätsliebe die Blindheit des Erziehers und findet seinen Lebensweg zur schöpferischen Fähigkeit nur ausnahmsweise.


Das spirituelle Selbstverständnis der Schüler nimmt zu, sie ergreifen Gestaltungseinfluss und die Lehrer setzen nur noch denRahmen und die Ziele. Die gegenseitige Unterstützung der Schüler befreit von der Abhängigkeit des eingeschränkten Lehrerblickfeldes...."

Mittwoch, 15. September 2010

Erziehen mit einem Lachen

Folgender Spruch ist keine billige Redensart, sondern eine Lebensweisheit, die sich besonders Erzieher zu Herzen nehmen könnten. Humor und Lächeln sind oft erlösende Kräfte:

"Es gibt Dinge,
die verdoppeln sich durch Stirnrunzeln,
verdreifachen sich durch Verbote
- und sterben bei einem Lachen."

Joachim Fernau

Freitag, 10. September 2010

Kritik und Unzufriedenheit der Schüler

Aus den Konferenzen mit Rudolf Steiner, GA 300-2, S. 204, vom 9.12.1922:

Rudolf Steiner:
„...Wegen der Unzufriedenheit der Schüler handelt es sich darum, dass man mit den Kindern redet. Bei den Eltern muss man Rundfragen machen. Bei den Schülern wäre es die Aufgabe, dass sie die Ansicht ihrer Lehrer hätten. Wohin kämen wir denn, wenn die Schüler nicht die Ansicht ihrer Lehrer haben? Es wäre dringend notwendig, dass die Schüler die Ansichten ihrer Lehrer verfechten würden. Es ist etwas, was angestrebt werden muss, dass ein viel besserer Einklang bestünde zwischen Lehrern und Schülern, und dass die Schüler für ihre Lehrer durchs Feuer gehen. Es tut mir jedes Mal weh, wenn das nicht hervortritt.

X.: Es ließe sich einiges verbessern, wenn man den Handwerksunterricht vormittags haben könnte.
Dr. Steiner: Wenn das geht, so kann man es machen. Es ist merkwürdig, dass von den Schülern der Stundenplan kritisiert wird. Wie kommt das?

X. Es wird so viel kritisiert von den Kindern.
Dr. Steiner: Das sollte nicht sein. Im allgemeinen muss nur nicht der Kontakt verloren werden mit den Kindern. ich glaube, dass jeder Stundenplan Vorteile und Nachteile haben wird. Wenn im übrigen der Kontakt mit den Schülern besteht, so wird sicher der Stundenplan kein Hindernis bilden....“

Donnerstag, 9. September 2010

Zuspätkommen

Aus den "Konferenzen" mit Rudolf Steiner, GA 300-1, S.158f - vom 23.6. 1920

"Rudolf Steiner: Wie behandeln wir diese Kinder, die zu spät kommen? Ich wurde heute aufgehalten, als ich in die Schule ging. Da gingen drei Schülerinnen. Sie gingen einfach, sie waren nicht betrübt, dass sie zu spät gingen, die gingen sehr gelassen. Die Persönlichkeit, die mit mir ging, sagte: Denen wird es wohl recht sein, wenn sie zu spät kommen?“ Nun wie verhalten wir uns zu den Kindern, die zu spät kommen?

X: Sie eine Viertelstunde früher kommen lassen!

Steiner: Da setzt man sich der Gefahr aus, dass sie nicht kommen. Es muss unter allen Umständen vermieden werden, irgendeine Strafe zu geben, wobei man nachgeben muss. Man darf bei einer Disziplinarischen Maßregel absolut nicht nachzugeben brauchen. Wenn man sagt, ein Kind muss früher kommen, so muss es eingehalten werden, dass man ihm befiehlt, früher zu kommen. Es waren die in der 8 oder 7. Klasse. Da ist man unten durch....

Man darf bei einer Strafe nicht nachgeben, lieber unterlasse man sie.

Das kann unter Umständen auch zum Gegenteil führen: Dann entsteht ein Verein unter den Kindern, sie machen ab, heute bin ich zu spät gekommen, morgen kommst du.... Früher kommen lassen ist nicht so gut, lieber eine Viertelstunde länger dalassen: Das ist etwas, was den Kindern unsympathisch ist.... (Es kommen weitere Ausführungen, aus denen hervorgeht, dass man die Nacharbeitszeit etwa dreimal so lange machen kann wie das Zuspätkommen.)"

Meine Erfahrung ist, dass es in meinen Klassen mit dem Zuspätkommen nicht wirklich von Seiten der Kinder ein Problem gab, sondern dass es bei mir immer Kinder waren, wo es häusliche Probleme gab. Es war dann den Kindern auch nicht angenehm, dass sie zu spät kamen. Viele Kinder haben weite Schulwege. Wurden sie zu spät von den Eltern geweckt, verpassten sie die Bahn oder den Bus, was lange Verspätungen zur Folge hatte. Liegt also keine ausreichende elterliche Fürsorge vor, dann kann man auch von Seiten der Schule nichts erreichen. Man müsste die Eltern in diesem Fall zur Pünktlichkeit erziehen. Bei solchen Kindern hilft es auch nichts, dass man sie länger dableiben lässt.

Mittwoch, 8. September 2010

Anerkennung von außen

Man kann immer wieder erstaunt sein über Rudolf Steiners Konsequenz in vielen Dingen. Er scheut sich dann auch nicht, scharfe Worte zu gebrauchen.
Heute geht es z.B. um die öffentliche Anerkennung dessen, was man in der Waldorfschule macht. Er kann gar nicht deutlich genug hervorheben, dass es in der Welt kein Verständnis dafür geben kann. Die Welt versteht immer nur das, was sie kennt. Nur das kann sie loben und anerkennen. Alles andere verurteilt sie.
So muss man es schon als Alarmzeichen ansehen, wenn etwas Unterrichtsmäßiges öffentlich lobend erwähnt wird:

"R.Steiner (lachend zu einem Lehrer, der erfreut war über eine Anerkennung des Schulrates - der bei ihm hospitiert hatte): Ja, Sie werden sich wohl noch sehr verbessern müssen. ...

Man muss sich klar sein darüber, wenn man die Zufriedenheit der Schulbehörden erzielen würde, dann würde man schließen müssen. Da könnte man die Kinder in eine gewöhnliche Schule schicken. -
(Die Schulbehörden) betrachten die Waldorfschule als Attacke."

(R.Steiner in Konferenzen II, S.66 und 69- 15.3.1922)

Falls jemand meint, dass das heute anders sei, so hätte er einmal erleben sollen, welche Erfahrungen an Gegnerschaft die Braunschweiger Schule mit den Schulbehörden machte, als sie ihren Kleinklassenzug eröffnen wollte. Nur die Politik konnte dem gegensteuern, weil sie aus taktischen Gründen wieder andere Interessen verfolgte als die Beamten der Schulbehörden.

Diese Worte muss man durchaus auch auf die eigenen Eltern beziehen. Sie sollen wohl langfristig mit der Entwicklung ihrer Kinder zufrieden sein. Sie werden aber auch in der Mehrzahl nicht die einzelnen Unterrichtsschritte verstehen und gutheißen können. Bei den langjährigsten Eltern erlebe ich noch Opposition gegen viele Dinge, die ich mache. Und dennoch, sie lassen meistens ihre Kinder bei uns. Warum? Weil sie auf einer anderen Ebene etwas von dem wahren Geist spüren, der im Unterricht lebt. Auch wenn ihnen persönlich dieser Geist fremd ist. Unbewusst spüren sie, dass es ein guter Geist ist. Wenn sie sich dieses Geistes voll bewusst würden, könnte es sein, dass sie sofort gehen würden.

Ein Beispiel: Vor Jahren nahm eine Familie ihre Kinder von der Schule, weil der Vater plötzlich merkte, dass hinter dem Geist der Schule in Wahrheit der Christus steht.

Freitag, 3. September 2010

"Wenn Erziehen nicht mehr geht. Gelassen durch stürmische Zeiten."

Ganz bemerkenswerte, moderne Gedanken zum Umgang mit Kindern um den Zeitpunkt des 14.Lebensjahres herum fand ich in dieser Buchbesprechung:


Jesper Juul, Pubertät

FAZ, 28.7.2010 Neue Sachbücher

“Bloß keine pädagogische Torschlusspanik!
Wenn unsere Töchter und Söhne erst einmal zwölf Jahre alt sind, ist Erziehung nicht mehr möglich."

Wenn das Hormongewitter der Pubertät auf die Kinder niedergeht und ganze Familien in Aufruhr versetzt, versuchen viele Eltern, quasi in erzieherischer Torschlusspanik, noch schnell das nachzuarbeiten, was sie versäumt zu haben glauben. Plötzlich verlangen sie Gehorsam, Pünktlichkeit und Tischmanieren, wollen die Hausaufgaben kontrollieren, mischen sich ungebeten in Kleidungsfragen ein. Meistens funktioniert das nicht.

Eltern sind verzweifelt, wenn die Schulnoten schlechter werden und der Umgangston ruppiger wird, die Kinder sich zurückziehen und ihnen emotional zu entgleiten drohen. Kinder sind verstimmt, wenn die Kritik an ihnen anschwillt und dauernd jemand etwas von ihnen will - zumal sie gerade selbst nicht so genau wissen, was eigentlich mit ihnen los ist. Kurzum: Eltern mühen sich vergeblich, einen verbindlichen Rahmen zu setzen, während die Jugendlichen fortwährend am liebsten diesen Rahmen sprengen würden.

Der dänische Familientherapeut und Autor Jesper Juul, dessen Ratgeber zu Erziehungsfragen auch in Deutschland dankbare Reaktionen hervorrufen, hat jetzt ein Buch über die stürmischen Jahre zwischen zwölf und 16 verfasst. Darin rät er den Eltern vor allem zu einem: Gelassenheit. .... Von Disziplinierungs-Aposteln wie dem früheren Schulleiter des Internats in Salem, Bernhard Bueb, und dem Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff ist der Autor weit entfernt.

Den gestressten Eltern schlägt er vor, sich zu entspannen und ihre Kinder zu genießen: Wer hätte vor zwölf, 13 oder 14 Jahren gedacht, dass sie heute so dermaßen selbständig vor uns stehen würden? Juul, dessen Beratungsinstitut "Familylab" auch einen deutschen Ableger hat, will Eltern in Krisenzeiten den Blick öffnen auf das Wertvolle ihrer Kinder. Er plädiert dafür, prätentiöse Ziele (Abitur z.B.) über Bord zu werfen und die Heranwachsenden ihren eigenen Weg finden zu lassen. Aber genau das fällt so schwer: In einem Land, dessen wichtigste Ressource die Bildung ist, gilt ein guter Schulabschluss gerade in der bürgerlichen Mitte nun mal als Voraussetzung für einen gelungenen Start ins Erwachsenenleben.

Juul dreht den Spieß um, indem er nicht von den Jugendlichen, sondern von ihren Eltern Umdenken verlangt: "Wenn Kinder erst mal zwölf sind, ist Erziehung nicht mehr möglich; jetzt kommt es auf die Beziehung an, die bis dahin entstanden ist." Es gehe nun darum, dass Eltern Heranwachsende nicht von oben herab maßregelten, sondern "gleichwürdig" mit ihnen umgingen: also beispielsweise nicht einfach ins Zimmer platzen, sondern sich eine Art Einladung verschaffen, bevor sie ein Gespräch beginnen.

Als Erwachsener müsse man sich gegenüber einem Jugendlichen seinen "Respekt erst verdienen", mahnt er; Autorität ergebe sich nicht allein aufgrund des Wissens- und Altersgefälles. Die größten Sorgen bereitet den zehn Familien, deren Beratung durch den Autor während eines "Familylab"-Seminars im zweiten Teil des Buches dokumentiert ist, mangelnder schulischer Fleiß - mit einigem Abstand gefolgt von Bequemlichkeit bei der Erledigung häuslicher Arbeiten und zu viel Streit untereinander. ....

(Es) müssten wenigstens die Eltern bedingungslos zu ihrem Kind stehen, fordert er: Denn Kinder sind auf das Ja ihrer Eltern zu ihrer ganzen Existenz angewiesen, nicht auf ihr Nein. Eltern sollten ihre Kinder begleiten und zur Verfügung stehen - aber nicht sie manipulieren oder verändern wollen. Denn das funktioniere mit einem Kind so wenig wie mit einem Partner.“

Mittwoch, 1. September 2010

Üben, üben und noch mal üben!

Der Autor des folgenden Artikels ist kein Lehrer, das muss man vorweg wissen. Einem Lehrer mögen sich wohl eher die Haare sträuben, wenn er den Artikel unten liest.

Man möge ihn auch in Zusammenhang mit dem lesen, was ich vor einigen Tagen als Zitat von Steiner veröffentlichte: Es gab eine Zeit, wo alle Erziehung viel freiheitlicher war als heute: http:/wir-erziehen-nur-automaten.html

In den Köpfen vieler Eltern und Lehrer spukt der Zaubersatz: „Das muss man doch viel mehr üben!" herum - und macht den Kindern das Leben schwer, da man unter „üben“ doch meist eine mechanisch, wiederholende, langweilige Zwangsarbeit versteht.

Der Autor des Artikels meint, dass diese Vorstellung des Übens erst im 19.Jhdt. auftauchte, als sich die Maschinen ausbreiteten.

Dass Lernen mit dem Gefühl zusammenhängt, wird heute vielfach theoretisch geäußert, aber die alltägliche Lernpraxis sieht noch ganz anders aus:

"DIE WELT: 25.08.10

Essay

Krummes Holz

Es gab einmal eine Zeit, da übte man, indem man variierte und improvisierte. Bis das industrielle Wiederholen überhand nahm, man nennt es auch Pauken und Bimsen. Ein Trugschluss

Von Reinhard Kahl

Der Pianist und Komponist Arthur Schnabel meinte, "Üben ist für Kinder ein Schreckgespenst". Er wollte das Wort deshalb am liebsten verbieten. Das war vielleicht eine vorschnelle Antwort auf ein Üben, bei dem der Weg - und erst recht der Umweg - nichts galt. Es gab allerdings Zeiten, da klang Üben ganz anders als das garstige Wort, das der 1951 verstorbene Schnabel streichen wollte. Da drohte Üben nicht den zermürbenden Weg zu einem fernen Ziel an, das dann zumeist gar nicht erreicht wurde und das die Sache oft mehr verleidete als förderte. Üben bedeutet das genaue Gegenteil davon. Es war ursprünglich das Wort für eine Passion. Es stand dafür, etwas und sich selbst zu vervollkommnen. Diese Übungen waren gewiss nicht leidensfrei und auch nicht ohne Anstrengung, aber es waren Übungen, die schon die Anfänger genossen, denn sie machten hellwach. Sie öffneten die Aufmerksamkeit...

In der Musik lässt sich der Wandel wie unter dem Brennglas beobachten. Bachs "Goldberg-Variationen" zum Beispiel waren als Übungsstücke komponiert, aber eben nicht nach dem Muster "jetzt üben und später können". "Üben und Ausüben waren noch Synonyme", schreibt der Musikwissenschaftler Heiner Klug. Er zeigt in seiner Studie "Musizieren zwischen Virtuosität und Virtualität" (www.art-live.de), wie das Üben im 19. Jahrhundert kippte. Bis dahin galt als Übung "jede Beschäftigung mit dem Instrument, Übung war jedes Spiel, unabhängig vom Niveau: vom Anfänger bis zum Meister, der Vortrag inbegriffen."

Die Notenvorlagen in diesen Übungen bezeichnet Klug als "Muster und Anregungsstücke zum Selbsterfinden". Lehrer improvisierten mit ihren Schülern zuweilen wie heutige Jazzmusiker. Jeder Lehrer komponierte - zumindest auch ein bisschen. Musiker in Orchestern waren nicht bloß die Ausführenden. Sie haben die Kompositionen variiert, so wie eine Geschichte weiter erzählt und dabei modifiziert wird. Üben bedeutete bis zum Anbruch des Industriezeitalters sich ständig zu verbessern. Es bestand aus Wiederholen und Variieren.

Diese Einheit zerbrach im 19. Jahrhundert. Das Variieren wurde schwächer und schwächer, bis es aus dem Üben ganz verschwunden war und nur noch als Fehler zurückblieb. Üben wurde aufs Wiederholen beschränkt und strikt aufs richtige Ausführen des vorher eindeutig Definierten ausgerichtet. Lernen wurde zum Drill. ...

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Individuen müssen ihre eigenen Wege (im Lernen) finden. Die scheinen häufig Umwege zu sein, wenn man nur das Ergebnis im Blick hat. Soll zum Beispiel beim Klavierunterricht der Schüler den kürzesten und schnellsten Weg zwischen den längst vom Komponisten geschriebenen Noten und dem bloß noch zu beherrschenden Instrument zurücklegen, dann stört der Eigensinn des wahrhaft Übenden eigentlich nur. Genau das geschah im Laufe der Industrialisierung, als Arbeit und Lernen standardisiert wurden. Dabei wandelte sich die Bedeutung von Üben. Von nun an tönte es: Üben, üben und noch mal üben. Das Individuum sollte den Betrieb nicht aufhalten. Die Arbeitshaltung des Industriezeitalters setzte Technik an die erste Stelle und entwertete das Subjekt. Es wurde gewissermaßen zum Instrument, auf dem andere spielten. "Der Sinn der Übung als Selbstzweck wurde ersetzt durch den neuen der vorbereitenden Übung", fasst der Musikwissenschaftler Klug seine Studie zusammen...

Der Autor (*1948) ist Regisseur und Produzent von Fernseh- und Videodokumentationen, der sich schon sein Leben lang mit Fragen der Bildung und des Lernens befasst."

Quelle: http://www.welt.de/die-welt/debatte/article9183132/Krummes-Holz.html