Samstag, 15. Januar 2011

Über das Lernen von Einmaleins und Reihen

Es gibt eine gewisse Tradition in unseren Schulen, wie man die Kinder an das Einmaleins heranführt. Gewöhnlich entwickelt man aus dem lebendigen Zählen heraus die sogenannten „Reihen". Man zählt z.B. rhythmisch 1,2,3, 4 und betont dabei die 4 durch klatschen, stampfen usw., dann so weiter 5,6,7, 8 ....Alle Zahlenreihen können so erarbeitet werden. Schließlich lässt man die dazwischenliegenden Zahlen weg und spricht 4,8,12,16... . Dann geht man häufig sogar soweit, dass man diese Reihen auswendig lernen lässt.
Anschließend ,etwas später, beginnt man dann meist mit dem Erlernen des Einmaleinses: Einmal fünf ist
fünf, zwei mal fünf ist zehn, drei mal fünf ist fünfzehn....
Wobei man auch feststellen kann, dass es manchmal eine gewisse Unklarheit gibt, was man unter dem Wort Einmaleins versteht: Man fragt einen Kollegen oder eine Kollegin, ob schon das Einmaleins geübt wurde und erhält eine bejahende Antwort. Bei genauerem Nachfragen stellt sich dann heraus, dass in Wirklichkeit die Reihen geübt wurden.
Es sei deshalb noch einmal festgehalten, dass es ein Unterschied ist, ob man Reihen lernt oder das Einmaleins lernt.

Nun gibt es zur Vorgehensweise in dieser Angelegenheit sehr genaue Hinweise von Rudolf Steiner in den Lehrplanvorträgen, die man am Ende des Buches "Seminarbesprechungen" (GA 295) findet: "Dann aber beginne man, wenn das Kind mit dem Zahnwechsel fertig ist, ja gleich damit, es das Einmaleins lernen zu lassen, und meinetwillen sogar das Einspluseins; wenigstens sagen wir, bis zur Zahl 6 oder 7. Also das Kind möglichst früh das Einmaleins und das Einspluseins einfach gedächtnismäßig lernen zu lassen, nachdem man ihm nur prinzipiell erklärt hat, was das eigentlich ist, es prinzipiell an der einfachen Multiplikation erklärt hat, die man so in Angriff nimmt, wie wir das gesagt haben. Also kaum dass man imstande ist, dem Kinde den Begriff des Multiplizierens beizubringen, übertrage man ihm auch schon die Pflicht, das Einmaleins gedächtnismäßig zu lernen ".

Es gibt keinen Hinweis Rudolf Steiners auf das Erlernen von Reihen. Nun wäre dagegen auch gar nichts einzuwenden, dass man zuerst Reihen auswendig lernt und danach das eigentliche Einmaleins. Wir sind ja völlig frei zu tun, was wir für richtig halten.

Allerdings  kann man beobachten, dass viele Kinder, wenn sie zuerst die Reihen gelernt haben, trotz intensivstem Üben des Einmaleinses, später beim Multiplizieren mehr oder weniger heimlich, statt dass sie z.B. bei der Aufgabe 5 x 7 sofort innerlich antworten könnten "35", beginnen sie z.B. an ihren fünf Fingern 7, 14, 21, 28, 35 abzählen. Das kann sehr geschwind gehen, so geschwind, das man es als Lehrer eben kaum bemerkt. Werden diese Kinder dann zu Erwachsenen, so kann es sein, dass sie diese Methode immer noch beibehalten, nur dass sie es eben dann rein innerlich tun. Was fehlt, ist, dass quasi automatisch aus dem Gedächtnis das Bild oder der Klang "35" als Antwort auf die Frage: Was ist 5 x 7 ?  auftaucht.

Wer das Einmaleins nicht so richtig fest im Gedächtnis verankert hat, der behält immerfort eine gewisse Unsicherheit oder Verzögerung beim Rechnen. Je nach Begabung kann sich das ganz unterschiedlich auswirken. Sehr gute Rechner können allerdings auch ohne die Stütze des Gedächtnisses sehr schnell solche Rechenoperationen nachholen. So wird verständlich, warum Rudolf Steiner fordert, dass das Einmaleins, also nicht die Reihe, so sehr früh schon gedächtnismäßig geübt werden soll. Man gibt so den Kindern für ihr ganzes Leben die größtmögliche Sicherheit im Rechnen und stärkt obendrein das Gedächtnis.

Nach meiner Erfahrung kann man durchaus im rhythmischen Teil mit den Zahlenreihen arbeiten, sie hüpfen und klatschen lassen, aber auswendig gelernt wird gleichzeitig z.B. nur der ganze folgende Satz als Wortklang: Drei mal acht ist vierundzwanzig, vier mal acht ist zweiunddreißig... Vielleicht gibt es auch eine gewisse Scheu, dies zu tun, weil es völlig dem klassischen Rechnen entspricht und nichts mit der ansonsten von Rudolf Steiner entwickelten Methode, immer von der Ganzheit auszugehen, zu tun hat. Manch einer dreht deshalb auch das Einmaleins um: 56 = 7 x 8, 64 = 8 x 8.... Aber man muss dabei bedenken, dass das Lernen des Einmaleinses überhaupt nichts mit Rechnen im engeren Sinne zu tun hat, sondern nur eine Gedächtnisübung ist, genau wie bei einem Gedicht. Und es hat schon eine gewisse Zweckmäßigkeit, das Einmaleins im klassischen Sinn zu lernen. Natürlich wird man dann beim Rechen selbst alles in allen möglichen Variationen vorwärts und rückwärts üben.
Es empfiehlt sich also, genau dem Wortlaut Rudolf Steiners zu folgen, und sofort das „richtige" Einmaleins gedächtnismäßig zu lernen.