Dienstag, 31. August 2010

Die Länge des „Rhythmischen Teils“

Wenn man die Hauptunterrichte von Klassenlehrern beobachtet, dann fällt auf, dass häufig der erste Teil, der Anfang mit dem rhythmischen Teil, viel Zeit beansprucht. Manchmal gibt es dabei sogar eine Phase, wo einzelne Kinder etwas aus ihrem Privatleben erzählen sollen. Dann folgt bei manchen Sprachübung auf Sprachübung, Lied auf Lied, manchmal wird orchesterreif musiziert, dann vielleicht noch ein Spiel, Sinneswahrnehmungsübungen, Geschicklichkeitstraining usw.

Balanzieren im Rhythmischen Teil des Unterrichtes Foto:http://www.waldorf-kufstein.at/waldorf_schule_unterricht.html

Der Anfang des Unterrichts wird ein Schulkosmos für sich, und man fragt sich, wofür gibt es überhaupt auch noch Eurythmie, Turnen, Musik usw. als spezielle Fachunterrichte. Meint der Klassenlehrer, er müsse alles selbst in die Hand nehmen?

Im Extrem habe ich es schon erlebt, dass ein Klassenlehrer mit einer 7.Klasse 15 - 30 Minuten nur Zungenbrecher sprach, immer der ganze Klassenchor. Und die Schüler machten treu und brav mit; was mich am meisten verwunderte.

Foto: http://www.waldorfschule-nienstedten.de/

Im neuen (internen) Lehrerrundbrief Juli 2010 geht Christoph Wiechert auf die Gliederung des Hauptunterrichtes ein. Er stellt dabei die Frage besonders nach der Länge des rhythmischen Teiles. „Auf jeden Fall darf es nicht zu lange gehen mit dieser Einstimmung, denn der Morgen wird noch vieles bringen... Wie wirkt es auf die Kinder, wenn dieser Teil sich über eine halbe Stunde ausdehnt, oft sogar eine Dreiviertelstunde in Anspruch nimmt?...“

Es folgen nun viele weitere wichtige Fragen und Anregungen, Gewohnheiten des Hauptunterrichtes einmal neu zu bedenken:

„Der ‚Rhythmische Teil’ bekommt Ritualcharakter, wenn zum Beispiel die Schüler der sechsten Klasse am Wochentag ihres Geburtstags ihren Zeugnisspruch vor der Klasse aufsagen müssen. (Wir sehen jetzt ab von der Frage ob diese Gewohnheit psychologisch diesem Alter angemessen ist.) An sich ist die Gewohnheit nicht schlecht. (Auch wenn man nach einem halben Jahr doch hoffen muss, dass der Spruch sich erledigt hat: Der Schüler hat sich weiter entwickelt, über den Spruch hinaus.) Ist dieser Vorgang aber nicht gegriffen, sieht man das Ritual: ein möglichst uninteressierter Schüler sagt seinen Spruch vor einer gelangweilten ‚Masse’ Schüler auf. Der Vorgang bringt niemandem etwas, dauert aber, ab einer gewissen Klassenstärke leicht zehn bis fünfzehn Minuten. Zählt man dazu die übrigen Elemente dieses Morgenteiles, ist schnell kostbarste Zeit verflogen.

So wage ich auch zu bezweifeln, ob Flötespielen am Morgen die richtige Aktivität ist. Man schaue einmal einer Gruppe Kinder zu, die am (frühen) Morgen flötet und einer Gruppe Kinder, die das am (späteren) Vormittag im Musikunterricht machen. Ein großer Unterschied ist wahrzunehmen. (Ein Unterschied, den man merkwürdig genug, am Singen nicht so wahrnimmt.) Auch das viel gelobte Stampfen am Morgen, was bewirkt es? Man sieht, dass es die Kinder müde macht statt wach. Stampfen macht müde, nicht wach.

Der wirkliche Rhythmus, den wir immer beachten müssen, ist nicht der zwischen Teilen des Hauptunterrichtes, sondern der, der sich an den Kindern und Schülern offenbart. Wann ermüden sie, wann werden sie wach? Das ist der Gesichtspunkt. Wer nach diesem Prinzip unterrichtet, baut die Hälfte der Disziplinschwierigkeiten schon dadurch ab...."

Sonntag, 29. August 2010

Schreibschrift - Druckschrift

Vereinfachte Ausgangsschrift
In meiner 6.Klasse beobachte ich, dass immer mehr Kinder die Schreibschrift nicht sehr gerne schreiben, sondern die Druckschrift bevorzugen. Dabei gehen sie mit dieser recht geschickt um und auch die Leserlichkeit ist oft besser als bei einer Schreibschrift.

Nun stoße ich in der FAZ auf eine interessante Auseinandersetzung über die Schriftarten, die in der Schule gelernt werden. So hat man ja in der Regelschule neben dem Beginn mit den Druckbuchstaben auch noch die vereinfachte Schreibschrift. Dies alles wird nun in Frage gestellt. Man meint, dass es reiche, die Druckschrift zu lernen, dann könnten die Kinder ihre eigene Schrift selber weiter daraus entwickeln.

Interessant ist an der ganzen Sache, dass nun etwas ähnliches passiert, wie bei der Rechtschreibung: Es wird solange herum-reformiert, bis ein gewisses Chaos entsteht, weil keiner mehr weiß, welche Schrift oder Rechtschreibung nun richtig sein soll.

Wenn man die Vorgänge aber genau betrachtet, dann stellt man fest, dass etwas geschieht, was mit dem Charakter unseres Bewusstseins-Seelen-Zeitalters zu tun hat. Die Kinder bekommen mehr Freiheit in ihrer Entwicklung. Die Zwangssysteme "Rechtschreibung" und exakte "Schönschrift" sind etwas aufgeweicht.

Hier Auszüge aus dem Text der FAZ:

"Buchstaben mit Zukunft
Schreibschrift, ade?
Tastaturen haben das Schreiben von Hand in Nischen verdrängt. Welche Schrift sollen Grundschüler in Zukunft lernen? Während darüber noch gestritten wird, fordern Wissenschaftler und Pädagogen das Ende des Schönschreibens.
Von Georg Rüschemeyer


"... Die Frage ist doch vielmehr: Brauchen wir heute überhaupt noch eine verbundene Ausgangsschrift?“
Damit gehört sie zur wachsenden Zahl von Pädagogen, die den Streit um die richtige Schönschrift beenden wollen, indem sie sie komplett abschaffen.
Unter dem Motto „Schluss mit dem Schriften-Wirrwarr!“ hat im Mai der deutsche Grundschulverband eine Initiative zur Abschaffung der drei gebräuchlichen Ausgangsschriften gestartet. Die Alternative ist simpel: Man solle es einfach bei der handgeschriebenen Druckschrift belassen, in der heute Erstklässler im ganzen Land ohnehin Lesen und Schreiben lernen, bevor sie dann in der zweiten Jahrgangsstufe zu den geschwungeneren Ausgangsschriften angehalten werden.

....Der Grundschulverband propagiert nun die sogenannte Grundschrift, handgeschriebene Druckbuchstaben, die zum Teil für den besseren Anschluss mit einem kleinen Wendebogen enden. Diese Grundschrift soll aber nicht wie gestochen kopiert werden, sondern lediglich als Vorlage zum Entwickeln einer eigenen Handschrift dienen, die, wie es die Lehrpläne fordern, auch durchaus verbunden sein soll. Nur dürfen die Kinder unter Anleitung ihrer Lehrerinnen verstärkt selbst ausprobieren, wo beispielsweise eine Buchstabenverbindung sinnvoll ist und wo man stattdessen eher einen „Luftsprung“ einlegt."

Freitag, 27. August 2010

"Wir erziehen nur Automaten..."

„Wir sind uns eigentlich gar nicht stark genug bewusst, wie wir in der Menschheitsentwickelung zurückgekommen sind; die Menschen waren einmal so weit, dass sie die Kinder mehr oder weniger wild haben aufwachsen lassen; dass sie sie gar nicht besonders haben unterrichten lassen. Da hat man nicht eingegriffen in die Freiheit des Menschen, so in die Freiheit eingegriffen, wie wir das tun. Wir fangen an mit 6 Jahren in die Freiheit des Menschen einzugreifen, und müssen, was wir eben dadurch verbrechen, was wir an Freiheit zerstören, dadurch wieder ausbessern, dass wir in der richtigen Weise erziehen. Wir müssen uns klar darüber sein, dass das Wie des Unterrichtens von uns verbessert werden muss, weil wir sonst einem furchtbaren Zustand entgegengehen. Die Leute mögen noch so stark feststellen, wie hoch die Kultur gekommen ist, wie wenig Analphabeten es gibt und so weiter — sie sind doch bloß Abdrücke, Automaten von dem, was in der Schule zubereitet worden ist.“

Rudolf Steiner, Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung, S.66 - GA 302

Mittwoch, 25. August 2010

Singen und Summen

Viel zu unbekannt und zu wenig erspürt ist das, was mit dem beliebten Summen einer Melodie im Unterricht zusammenhängt.

Beim Summen erzeugt der Mensch einen Ton, den er gewissermaßen in seinem Inneren einsperrt. Dieser Klang darf nicht frei in die Welt hinein strömen. Jeder Ton, den der Mensch in seinem Inneren erzeugt, soll aber ein Geschenk für die Welt sein und frei klingend in sie hineinströmen.

Statt dessen sagte Steiner einmal, möge man lieber zumindest einen Vokal singen oder eine Silbe „la-la-la...“

Auch wies Steiner darauf hin, dass man als Mensch mit den menschlichen Stimmorganen nur sprechende oder singende Töne von sich geben soll. Alles eher Mechanische wie schnalzen, pfeifen oder auch summen sei zu vermeiden.

Man spürt an diesen Angaben, wie hoch die Bedeutung des Menschenwesens ist und welch hohe Mittel und Gesinnungen es braucht, damit der junge Mensch kompromisslos zu seinem wahren Menschentum hingeführt wird.

Montag, 23. August 2010

Puppen und Zwerge immer mit Gesicht

In Waldorfzusammenhängen findet man häufig liebevoll gestaltete Puppen, Zwerge und andere wunderbare Stoff-Geschöpfe. Manchmal haben diese aber gar kein richtiges Gesicht.

Für Kinder ab einem gewissen Alter ist es notwendig, dass die Augen, die Nase und der Mund ein wenig angedeutet sind. Sobald das Kind in seinem Leibe wohnt, weiß es, dass das Innere eines Wesens immer durch die Augen in die Welt hinausblickt und dass auch Mund und Nase für ein Gesicht notwendig sind.


Foto:http://www.colors-of-life.net/

Folgende Äußerung dazu findet man bei Rudolf Steiner:

„Der frei gestaltende Geist des Kindes formt aus einem Stück Holz, das ein paar Punkte und Striche für Augen, Nase und Mund hat, eine menschliche Figur. Wenn das Kind aber eine möglichst schön geformte Puppe bekommt, sie hat etwas, woran es gebunden ist; daher haftet dann die innere Geisteskraft an dem, was schon da ist und wird nicht zur eigenen Tätigkeit herausgefordert – sie ist gebunden - , und damit geht die gestaltende Phantasiekraft für das spätere Leben überhaupt fast verloren.“

Rudolf Steiner: „Erziehungspraxis auf der Grundlage spiritueller Erkenntnis“ Berlin, 14. Mai 1906, GA 96

"Wie die Muskeln der Hand stark und kräftig werden, wenn sie die ihnen gemäße Arbeit verrichten, so wird das Gehirn und werden die anderen Organe des physischen Menschenleibes in die richtigen Bahnen gelenkt, wenn sie die richtigen Eindrücke von ihrer Umgebung erhalten. Ein Beispiel wird am besten anschaulich machen, um was es sich handelt. Man kann einem Kinde eine Puppe machen, indem man eine alte Serviette zusammenwindet, aus zwei Zipfeln Beine, aus zwei anderen Zipfeln Arme fabriziert, aus einem Knoten den Kopf, und dann mit Tintenklecksen Augen und Nase und Mund malt. Oder man kann eine sogenannte "schöne" Puppe mit echten Haaren und bemalten Wangen kaufen und sie dem Kinde geben. Es braucht hier gar nicht einmal davon gesprochen zu werden, daß diese Puppe natürlich doch scheußlich ist und den gesunden ästhetischen Sinn für Lebenszeit zu verderben geeignet ist. Die Haupterziehungsfrage dabei ist eine andere. Wenn das Kind die zusammengewickelte Serviette vor sich hat, so muß es sich aus seiner Phantasie heraus das ergänzen, was das Ding erst als Mensch erscheinen läßt. Diese Arbeit der Phantasie wirkt bildend auf die Formen des Gehirns. Dieses schließt sich auf, wie sich die Muskeln der Hand aufschließen durch die ihnen angemessene Arbeit. Erhält das Kind die sogenannte "schöne Puppe", so hat das Gehirn nichts mehr zu tun. Es verkümmert und verdorrt, statt sich aufzuschließen. Könnten die Menschen wie der Geisteswissenschafter hineinschauen in das sich in seinen Formen aufbauende Gehirn, sie würden sicher ihren Kindern nur solche Spielzeuge geben, welche geeignet sind, die Bildungstätigkeit des Gehirns lebendig anzuregen.

Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft(1907)

Samstag, 21. August 2010

Ein "Ur-Waldorf-Zeugnis-Text"

Man vergleiche einmal die Länge eines heutigen Klassenlehrer-Zeugnisses mit diesem Text der noch zu Rudolf Steiners Zeiten von Alexander Strakosch für ein Kind aus der damaligen 8.Klasse geschrieben wurde:

"Max(Name geändert) hatte in diesem Jahr viel mit sich zu tun. Er sollte immer erst sein eigenes Tun und Lassen prüfen, ehe er Ansprüche an andere stellt, dann wird er mehr von sich los kommen und den Weg zu den Herzen seiner Mitmenschen finden.

Im Rechnen und Algebra ging es gut, in Geometrie hat er mit Verständnis und sauber gearbeitet. Seine Aufsätze zeigen rege Gedanken, er kann sich gewandt ausdrücken, die Rechtschreibung ist gut. In Physik, Chemie, Menschenkunde, Geometrie und Geschichte war nicht immer die richtige, energische Teilnahme vorhanden, daher Lücken in seinen sonst guten Kenntnissen.
Der Klassenlehrer:
Alexander Strakosch"

Literaturhinweis: Neuer Erziehungsratgeber

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Einmal hatte ich einen Schüler, der sinngemäß etwa folgendes sagte: "Oh, nächste Woche wird es zu Hause wieder hart werden. Unsere (alleinerziehende) Mutter fährt am Wochenende auf ein 'Seminar' und da bekommt sie immer viele Erziehungsratschläge..."
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In der FAZ vom 21.August 2010, S.34, findet sich eine Buchbesprechung unter der Rubrik "Neue Sachbücher", die ich hier gerne ungekürzt zitieren möchte, da ich fast jedem Satz zustimmen kann.
(Ausgenommen die eine Stelle: "Denn zum einen haben sich die Kinder ihre Eltern nicht ausgesucht..." - natürlich haben die Kinder sich ihre Eltern ausgesucht!) :

"Man erinnere sich, wie man als Kind Konflikte meisterte oder an ihnen scheiterte
In der Erziehungswelt gelten weltfremde Vollkommenheitsideale: Peter Paulig möchte mit seinem Kinderversteherbuch die Ratgebergläubigkeit vieler Eltern erschüttern.

Ist ein Kind geboren, bekommt es viele mehr oder weniger nützliche Dinge geschenkt. Doch das wichtigste ist nicht dabei, meint der Pädagoge Peter Paulig: ein mitwachsendes, ein Leben lang haltbares T-Shirt mit der Aufschrift: Ich bin einmalig! Paulig hat den schon reichlich vorhandenen Erziehungsratgebern einen weiteren hinzugefügt, aber einen, der auf besondere Art zugleich sehr konkret und sehr grundsätzlich ist. Kritisch dem eigenen Genre gegenüber, hat Paulig dennoch Listen mit Geboten, Verboten und bedenkenswerten Punkten verfasst, an denen der Leser sein Erziehungsverhalten ausrichten und prüfen kann: "Bring deinem Kind beständige, gleichmäßige Liebe und Fürsorge entgegen!", "Sei großzügig mit deiner Zeit!", "Verwöhne mich nicht!".

Die Individualität des Kindes widerstreitet dem üblicherweise auf Typologisches gerichteten Fach der Erziehungsratgeber. Es ist Pauligs Verdienst, die Ratgebergläubigkeit zu erschüttern: Es gibt kein Rezept für die gute, garantiert gelingende und am besten auch noch stressfreie Erziehung. Jedes Kind braucht seine eigene. Sklavisch an bestimmten Regeln festzuhalten kann genauso schädlich sein, wie sich allein auf Gefühle oder die innere Stimme zu verlassen. Ratgeber verfahren aus methodologischen Gründen reduktionistisch, das heißt: Sie isolieren bestimmte Merkmale der Eltern-Kind-Beziehung, trennen sie vom sonstigen sozialen Kontext ab und kommen auf diese Weise zu exakten, aber oft sehr weltfremden Befunden.
Um dieser Ratgeber-Falle zu entgehen, so rät Paulig, sollten Eltern sich öfter an die eigene Kindheit erinnern, sich fragen, was ihnen damals Freude machte, Halt gab, wie sie Konflikte erfuhren und meisterten oder an ihnen scheiterten.Viele Eltern, so hat der Autor beobachtet, bemühen sich zwar um die körperlichen Bedürfnisse ihrer Kinder, vernachlässigen aber die Seelenarbeit. Gesunde Ernährung, Vorsorgeuntersuchungen, im Zweifel der Besuch beim Spezialisten, das ist (glücklicherweise) meist selbstverständlich, doch es hapert nicht selten an der Empathie.
Hier hat es der Autor vor allem auf "Wiederkäuer, Spießer und Miesmacher" abgesehen. Wiederkäuer können nicht vergessen und wollen nicht vergeben. Nachtragend und mit Leidensmiene kauen sie ständig auf den Fehlern des Kindes herum und machen ihm das Leben schwer. Spießer, per definitionem "kleinliche, engstirnige Menschen", sehen immer nur die Defizite ihrer Kinder. Miesmacher fühlen sich von schlechten, dummen Menschen umgeben, die "Jugend von heute" ist ihnen zuwider. Manchmal verfallen auch engagierte Eltern aus Gedankenlosigkeit in die eine oder andere dieser unsympathischen Rollen, so Paulig.
Schlechtes Gewissen und weltfremde Vollkommenheitsideale sorgen dafür, dass man den eigenen Eingebungen nicht traut, kurzerhand Verdikte ausspricht, die Kinder nicht geduldig und entschieden genug fordert oder sie "auslagert", indem man sie von einer Aktivität zur nächsten schickt.Ohnehin ist Paulig mit den Eltern nicht allzu zimperlich: Eltern seien schnell bereit, die Schuld für Erziehungsprobleme dem "schwierigen" Kind in die Schuhe zu schieben. Zu Unrecht, meint der Autor. Denn zum einen haben sich die Kinder ihre Eltern nicht ausgesucht. Zum anderen sind Eltern oft selbst ein schlechtes Vorbild, manchmal sind sie zu bequem, manchmal sind sie feige. Manche lassen das Kind gewähren, weil sie Angst haben, seine Liebe zu verlieren, andere setzen herzlos ihre Erziehungsregeln durch und wundern sich, dass keine vertrauensvolle Beziehung aufkommen will. Wieder andere versuchen sich als guter Kumpel, was ihre Sprösslinge peinlich finden.Da ist die Mutter, die sich über ihren lügenden Sohn beschwert und ihn in Anwesenheit des Autors zum Telefon schickt: Er soll behaupten, sie sei einkaufen. Eine andere beschwert sich, dass ihr Sohn zu Hause nichts erzählt, und ruft seine Freunde an, um ihm nachzuspionieren. Da ist der Vater, der den mit einer Ehrenurkunde freudestrahlend vom Sportfest kommenden Sohn an eine Lüge von letzter Woche erinnert, statt sich mit ihm zu freuen.Läuft die Entwicklung des Kindes dann nicht so wie erwartet, stellt sich Rat- und Hilflosigkeit ein.
Paulig, der einen erzieherischen Beratungsdienst, eine pädagogische Akademie und eine Elternschule gegründet hat, berichtet von den typischen Fragen von Eltern, die mit ihren Erziehungsbemühungen nicht weiterkommen. Paulig plädiert für eine einfühlsame Strenge, die das Kind als Individuum ernst nimmt und Zuwendung und Anerkennung an die erste Stelle stellt.Zugleich warnt er davor, Kinder zu sehr zu behüten, ihnen die Möglichkeit auf eigene Erfahrungen zu nehmen oder sie zu verwöhnen. Aufgaben, die ein Kind bewältigen kann, soll es auch übernehmen. Sonst wird allzu schnell aus dem niedlichen kleinen Schatz, dem man jeden Wunsch erfüllt, ein kleiner Tyrann. Beschließt die geschaffte Mutter dann, dass jetzt auf der Stelle alles anders zu werden habe, ist die große Krise programmiert.
Paulig erläutert den Unterschied zwischen (willkürlichen) Strafen und (einsehbaren) Konsequenzen, betont die Bedeutung von Regeln, Revieren und Ritualen und macht natürlich darauf aufmerksam, dass Gewalt keine zulässige Erziehungsmaßnahme ist. Er erzählt von Erlebnissen mit seinen eigenen sechs Kindern und verweist zur Vertiefung einzelner Themen auf andere Ratgeber. Doch er verspricht keine schnellen Lösungen: Es gibt Probleme, die zu lösen Zeit braucht. So gibt es keinen einfachen Trick, um ein verschüchtertes, verschlossenes Kind aus seiner seelischen Festung zu locken. Und es gibt auch Probleme, die sich gar nicht lösen lassen. Vor allem aber geht es darum, Kinder stark zu machen, so dass sie nicht an Ungerechtigkeiten, Bosheiten oder Trennungsschmerz zerbrechen, mit dem wir sie immer früher konfrontieren.Was die Bewertung religiöser Erziehung angeht, der sich nach Pauli niemand entziehen darf, kann man sicher anderer Meinung sein, doch zweifellos hat Paulig ein weises Buch geschrieben, das in seinen Ratschlägen alltagserprobt und in seiner Grundhaltung zutiefst menschlich ist."
Manuela LenzenPeter Paulig: "Das Kinderversteherbuch". Alles, was Eltern wissen wollen. Pattloch Verlag, München 2009. 352 S., geb., 19,95 [Euro].
Text: F.A.Z., 21.08.2010, Nr. 193 / Seite 34

Freitag, 20. August 2010

Fehldiagnose: ADHS

So lautet ein Bericht über die Fehldiagnose: ADHS. Es wird einmal in nicht ferner Zukunft zu den unbegreiflichsten Vorgängen gehören, dass man unsere Kinder in dieser Weise „behandelt“ hat.

ADHS ist auch eine durch die Erziehung bedingte Störung, für die auch die Eltern eine Mitverantwortung tragen. Wie kann ein Kind, das man ungeschützt den vielen Sinneseindrücken der Welt überlässt, überhaupt noch zur Ruhe kommen. Schon die Kleinkinder werden in „Transportgeräte“ gesetzt, wo die Sinneseindrücke auf sie nur so einprasseln!

Dann sieht man an diesem Artikel auch, dass die Früheinschulung vom Entwicklungs-Gesichtspunkt der Kinder neu bedacht werden muss.

"Wurde einer Million amerikanischer Kinder fälschlicherweise eine Aufmerksamkeitsstörung bescheinigt? Eine neue Studie behauptet dies und verweist auf die Bedeutung des Alters für die Bestimmung des rasant wachsenden Krankheitsbildes. 
Von Joachim Müller-Jung FAZ 19. August 2010
Machen es sich unsere Ärzte zu leicht? Handeln sie vielleicht sogar fahrlässig, wenn sie Kinder als gestört abstempeln und zu kleinen Patienten mit einer großen „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“ machen, die anschließend mit Ritalin oder anderen Stimulanzien vollgepumpt werden? Die Fragen sind nicht neu, aber sie müssen jetzt noch mal auf den Tisch. Eine Million amerikanischer Kinder und Jugendlicher (ein Fünftel aller ADHS-Diagnosen) soll in den vergangenen Jahren fälschlicherweise, gewissermaßen versehentlich, als Zappelphilippe diagnostiziert und entsprechend behandelt worden sein. Falsch diagnostiziert aus dem geradezu banalen Grund, dass ihr Geburtstag ein paar Tage vor dem Stichtag für den Kindergarteneintritt liegt. Sie sind die Jüngsten und schlichtweg unreifer als ihre Gruppen- und Klassenkameraden ..."
Quelle: FAZ "Sind wir alle hyperaktiv?" 20.8.2010

Mittwoch, 18. August 2010

Zur Individualisierung des Unterrichts

Zitat von Rudolf Steiner

"Dasjenige, was jetzt auseinander gesetzt wurde, drängt daraufhin: Immer mehr und mehr zu individualisieren, jeden Menschen als ein Wesen für sich zu betrachten. [...] Beginnen, den inneren Seelenblick voll auf die Individualität hinzulenken, das muss im Unterricht des Menschen kommen. In die Lehrerbildung muss die Gesinnung aufgenommen werden: Individualitäten in den Menschen zu finden. [...] Die Erziehungsfrage ist eine Lehrerbildungsfrage." ( Rudolf Steiner in: Die Erziehungsfrage als soziale Fage, 4. Vortrag, GA 296)

(Gefunden bei Thomas Jachmann; Link siehe hier rechts unten in "Meine Blog-Liste")

Montag, 16. August 2010

Unternehmungen gründlich vorbereiten

Bei allen Unternehmungen, wo man mit einer Klasse aus der Schule in die Welt hinaus gehen will, ist die Vorbereitung wichtiger als die jeweilige Unternehmung.
Man wird schnell herausfinden, dass man für einen Ausflug, der vielleicht einen halben Tag dauert, leicht eine Unterrichtswoche an Vorbereitung braucht. Nur so führt man die Schüler in pädagogisch verantwortbarer Weise in die Welt hinein. Sonst verschenkt und vertut man wertvolle Lebenszeit der Schüler und würde besser mit ihnen in der Schule etwas lernen.

Lehrer greifen oft viel zu schnell bei irgendwelchen Tipps und Angeboten von außen zu, weil sie meinen, dass den Schülern etwas Abwechslung gut täte und dass ein Ausflug den Unterrichtsalltag auflockere.

Das sind aber alles keine ernsthaft pädagogischen Gesichtspunkte. Seelische Abwechslung und Auflockerung gehört in jeden Unterricht hinein. Die Kinder sollen immer möglichst erfrischt aus einer Stunde hinaus in die Pause gehen.

Eine "Unternehmung" ist in Wahrheit das anstrengendste und pädagogisch am schwersten zu greifende Thema.
Und immer muss der Lehrer - wenn es irgendwie menschen-möglich ist - das, was er mit den Kindern besuchen will, vorher gründlich selbst kennen gelernt haben.

Ich erinnere mich noch an die Teilnahme an einer Probe eines Orchesters in der Stadthalle, die sehr empfohlen wurde. Aber die Kinder verstanden schließlich von den Erklärungen kaum etwas und die Musik war auch Geschmackssache. Hätte ich vorher gewusst, was da auf uns zukommt, wäre ich nicht hingegangen.

Samstag, 14. August 2010

Führungen immer selber machen

Alle üblichen Führungen in Museen, Betrieben oder bei anderen Sehenswürdigkeiten gehen gewöhnlich nicht von einem wirklich brauchbaren pädagogischen Gesichtspunkt aus. Sie wenden sich fast immer an den "Kopf" der Schüler.

Ganz abgesehen davon, dass Museen sowieso fast immer die reinste Kopf-Kultur sind und gar kein Leben in sich tragen, sondern fast nur Totes, und man sie von daher bei vernünftiger pädagogischer Überlegung möglichst immer mit den Kindern vermeidet.


Überrascht kann man auch sein, wenn man den allerbesten, allerpraktischsten Handwerker mit den Kindern besucht (z.B. in der 3.Klasse) und er macht den Mund auf, um den Kindern etwas zu erklären, dass dann oft das Aller-Abstrakteste aus diesem "Praktiker"-Mund herauskommt...


Die gleiche Beobachtung kann man auch bei guten Künstlern machen. Sobald sie beginnen, über Kunst zu sprechen, wird es ganz und gar professor-mäßig.

Donnerstag, 12. August 2010

Eurythmie als Kulturfaktor


Im Februar 2010 schrieb ich über Sorgen, was den Eurythmie-Unterricht angeht:


Zu lesen hier: Freude am Unterricht - Unterricht aus Pflichtgefühl
13 Feb. 2010
http://joveniden.blogspot.com/2010/02/freude-am-unterrricht-unterricht-aus.html



Nun habe ich die Original-Textstelle gefunden, die mir damals fehlte. Bei Vorträgen in England am 26.August 1923 (GA 279, S. 38f) sprach Rudolf Steiner über den Waldorfunterricht und die verschiedenen Fächer. Er schildert dabei die positiven Erfahrungen in der ersten Waldorfschule in Stuttgart mit der Wirkung der Eurythmie auf die Entwicklung der Schüler.
Aber er macht dabei ganz deutlich: An erster Stelle muss die Eurythmie eine Kunst sein, die so im öffentlichen Leben steht und anerkannt ist, wie alle anderen Künste auch. Nur dann kann sie in der Schule unterrichtet werden:



„Aber man muss sich klar sein darüber, dass, wenn man einseitig die Eurythmie in die Schule hineinstellen würde, (und) sie nicht als Kunst (in der Öffentlichkeit) würdigen würde, so würde man die Schule missverstehen.

Eurythmie gehört als Kunst zunächst in das Leben hinein wie die anderen Künste.
Und wie wir die anderen Künste lehren, wenn sie draußen blühen, so kann auch Eurythmie in der Schule nur gelehrt werden, wenn sie wirklich als Kunst in der Zivilisation anerkannt und gewürdigt wird.“


Diesen Zustand haben wir nicht erreicht. Die Eurythmie ist keine in der Zivilisation anerkannte und gewürdigte Kunst geworden. Deshalb kann sie bei vielen größeren Schülern nicht in der gewünschten Weise aufgenommen werden und wirken. Die Folge ist, dass in manchen Schülerseelen Gefühle dem Fach gegenüber veranlagt werden, die schädlich sind - nicht nur für die Schüler, sondern auch für die ganze Eurythmie und schließlich auch für das gesamte Waldorfsystem.
Dem müssen wir Rechnung tragen. Auch wenn wir die Eurythmie noch so sehr lieben. Der Verzicht auf die Eurythmie ist etwas ganz Bitteres, aber etwas gewissermaßen durch die Zeitverhältnisse Erzwungenes.
Es wird eine Zeit kommen, wo man sie mit Begeisterung praktizieren wird.

Sonntag, 8. August 2010

ADHS

Vor kurzem hörte ich, wie sich zwei kleine Mädchen, noch im Kindergartenalter, unterhielten. Sie sagten so etwa folgendes:
"Hast du ADHS?"
"Was? Aber ich kenne den ADAC! Ich habe schon ein Auto vom ADAC gesehen!"

Donnerstag, 5. August 2010

Fehler korrigieren

Es gibt noch so unendliche viele Anregungen Rudolf Steiners, die in der Praxis der Waldorfschulen erarbeitet werden müssen.
Ein ganz besonderes Anliegen ist der Umgang mit "Fehlern" und das "Korrigieren". Nicht nur in den öffentlichen Schulen auch bei uns spielt die "Korrektur" eine nicht unerhebliche Rolle. Ganz drastische Ausmaße nimmt sie in der Oberstufe an. Manches ist dort durch die äußeren Forderungen notwendig, vieles aber geschieht freiwillig.

Es gibt nur einen wirklich positiven Umgang mit den sog. Fehlern eines Schülers:

1. Man registriere sie als Lehrer ganz aufmerksam, aber unauffällig, d.h. der Schüler soll nicht bemerken, dass man einen Fehler entdeckt hat..
2. Man denke darüber zu Hause nach und überlege sich, was der sog. Fehler über das Wesen des Schülers aussagt.
3. Man überlege sich pädagogisch geschickte Wege, um dem Schüler an seinen Schwachstellen zu helfen.

Sicher gibt es beim Schreiben und Rechnen Situationen, wo ein Fehler deutlicher sichtbar wird. Da kann man dann alles Erdenkliche unternehmen, um der Sache so wenig Wert und Bedeutung zu geben wie nur möglich.

Ich stieß dazu vor kurzem auf eine Stelle in einem päd. Vortrag Rudolf Steiners, die ich nun zitieren möchte. Leider ist mir die Literaturangabe verloren gegangen:
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„ Es ist leicht, sich vor eine Klasse hinzustellen und in einer Weise herauszubekommen: Der sagt etwas Richtiges, der etwas Falsches! - und dann zu korrigieren das Falsche ins Richtige; aber eine eigentlich erzieherische Tätigkeit wird, dabei nicht ausgeübt. Es ist ganz unwesentlich für die menschliche Entwickelung des Kindes, wenn man das Kind Aufsitze und Schularbeiten machen lässt und sie korrigiert, und das Kind sich überzeugt, dass es Fehler gemacht hat. Das Wesentliche ist, dass man einen feinen Sinn hat
für die Fehler, welche die Kinder machen. Fehler machen die Kinder auf hunderterlei Weise. Jedes Kind macht anders seine Fehler, und wenn man einen feinen Sinn hat dafür, wie verschieden sich die Kinder verhalten mit Bezug auf die Fehler, dann kriegt man heraus, was man zu tun hat, um die Kinder weiter zu bringen.“

Siehe dazu auch Beitrag:
http://joveniden.blogspot.com/2010/01/padagogisch-handeln.html
und
http://joveniden.blogspot.com/2009/12/korrekturen.html

Mittwoch, 4. August 2010

Familienrituale halten gesund

Diesen Artikel halte ich für lesenswert und möchte ihn an Sie weiterreichen:

"Schon ein paar Familienrituale erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder gesund aufwachsen. Wenn Routinen im Alltag eingehalten würden, könnten Kinder Stress besser bewältigen, sagt eine Studie.
Ein geordneter Familienalltag schützt vor psychischen Problemen und Übergewicht. Eine Studie der AOK hat ergeben, dass das bei Kindern sogar in doppelter Hinsicht richtig ist: Familienkultur, Rituale und Vorbildfunktion der Eltern sind demnach für die Gesundheit von Kindern wichtiger als die jeweiligen sozioökonomischen Verhältnisse vor Ort. So könnten beispielsweise Übergewicht und bestimmte psychische Erkrankungen vermieden werden, indem Routinen und Regeln gemeinsam mit den Kindern ausgehandelt und im Alltag eingehalten würden.
Eine zentrale Rolle spielen gemeinsame Mahlzeiten. Vor allem ein ausgewogenes Frühstück jeden Morgen ist die beste Voraussetzung für einen gesunden Start in den Tag. Kinder, die nicht regelmäßig gemeinsam mit ihren Eltern frühstücken, haben demnach ein doppelt so hohes Übergewichtsrisiko. Allerdings sitzen laut Studie nur 64 Prozent der Eltern morgens regelmäßig mit ihren Kindern am Tisch. Doch gerade das gemeinsame Essen morgens gebe Kindern physisch und psychisch Stärke und Sicherheit für den Tag, denn bei dieser Gelegenheit werde in der Regel auch der Tagesablauf besprochen.

Sich Auszeiten gönnen


Auch entspannte Mütter und Väter sind wichtig für die Gesundheit der Kinder: „Eltern sind die Vermittler von Gesundheit“, sagte der Leiter der Untersuchung, Klaus Hurrelmann, deshalb sei es wichtig, dass sich Eltern immer wieder eine Auszeit gönnen. Das fördere ihre Gesundheit und die ihrer Sprösslinge."