Samstag, 27. Februar 2010

Kürzere Anregungen:

Korrekturen

Haben die Kinder irgendeine Arbeit verfasst, so haben sie sich mit ihrem ganzen Wesen damit verbunden. Dies muss man beim Korrigieren im Bewusstsein haben. Die Korrektur darf die Arbeit nicht "zerstören". Die früher übliche rote Tinte wird nicht als angenehm empfunden. Es geht auch mit einem Bleistift, der zart und unscheinbar auf Fehler hinweist.
Eine Positivitätsübung kann sinnvoll mit dem Betrachten von Schülerarbeiten verbunden werden.
Rudolf Steiner soll etwa sinngemäß gesagt haben: Erst wenn man neun Fehler bewusst übersehen oder ignoriert hat, hat man das Recht, auf den zehnten hinzuweisen.


Geschenke

In Waldorfschulen besteht meist eine enge persönliche Beziehung zwischen Eltern und Lehrern.Dies kann sich auch in großzügigen Geschenken der Eltern an die Lehrer ausdrücken. Dabei sind die Eltern auchnicht immer frei von Hintergedanken.In Niedersachsen gilt eine sehr klare Regelung, was den Umfang von Geschenken an Mitarbeiter von Behörden und öffentlichen Einrichtungen angeht: Ich glaube, der Wert der Geschenke darf 5 Euro nicht übersteigen.An Waldorfschulen sollte eine vergleichbare "sittliche" Grenze gelten. Die Dankbarkeit der Eltern kann ja auch anders ausgedrückt werden.


ENTSPANNUNG

Auch der Waldorflehrer hat ein Recht auf Entspannung und Erholung. Indirekt wird sich das auf die Schüler auswirken. Man wird bald auch entspanntere und erholtere Schüler haben.

Am Wochenende spare er sich eine ganz genau umrissene Zeit aus, wo er nicht an seine Arbeit zu denken versucht. Es kann z.B. die Zeit von Samstagmittag bis Sonntagmittag sein.

Ich habe es schon erlebt, dass ich von Kollegen einen wichtigen, dienstlichen Anruf am Samstagabend gegen 22 Uhr bekam. ...

Wenn man dennoch auch diese Zeit nicht ungenutzt für seine berufliche Fortentwicklung verstreichen lassen will, dann kann man sich z.B. in dieser Zeit dem Studium anthroposophischer Literatur widmen. Was eine gewaltige positive Wirkung auf die nächste Schulwoche haben wird.


Eine gute Vorbereitung

Ob am nächsten Tag eine Unterrichtsstunde gelingt oder nicht, entscheidet sich meist schon bei der Vorbereitung. Da wird bereits die Stunde "gehalten". Da schwingen sich in unsichtbarer Weise die Schüler schon mit mir und durch mich auf den Stoff ein.
Kann ich bei der Vorbereitung schon in mir den zarten Funken der Begeisterung entzünden, dann wird das auch die Schüler anstecken.Habe ich die Schüler bei der Vorbereitung im Geiste vor mir, dann werde ich ihnen auch nichts überstülpen.


Nie ein Buch- niemals vorlesen

Immer wieder sieht man, dass auf dem Tisch des Lehrers ein Buch für den Erzählteil liegt.In der Waldorfschule kann es nur das freie Erzählen geben. Man muss sich so gut vorbereiten, dass man ganz sicher in seinem Stoff ist.Das Buch sollte nicht einmal zur Absicherung für Notfälle überhaupt in die Schule mitgenommen werden.Wichtige Begriffe, Namen oder Daten notiert man sich extra.Das gilt im Grunde auch für die Inhalte des ganzen Hauptunterrichts.


Bewusstmachung der Ungezogenheit

Ist die Klasse unruhig und Sie sagen zu ihr: "Ihr seid so unruhig!", dann nehmen die Kinder diese Bemerkung bewusst in ihr Gedächtnis auf. Zu Hause sagen sie: "Wir sind so unruhig!" Das hören die Eltern nicht gerne, und sie denken sich:"Warum sind die Kinder bei diesem Lehrer so unruhig?..."Eine positive Wirkung auf die Disziplin haben derartige Bemerkungen sowieso nie.Bei einem anderen Lehrer sind sie genauso unruhig, aber er beruhigt die Klasse ohne vergleichbare verbale Äußerungen und sagt - nach längerer Bemühung - beispielsweise: "So, jetzt seid ihr ruhig und wir beginnen mit dem Unterricht." Dann nehmen die Kinder etwas Befriedigendes in ihr Bewusstsein auf. Sie sind mit sich und mit dem Lehrer zufrieden. Das hat langfristig eine positive Wirkung auf das Schülerverhalten.


Disziplin

Wenn eine Klasse sehr unruhig ist, dann beginnt man, eine ganz kleine Gruppe oder Ecke zu disziplinieren, während der Rest noch tobt. Dann erweitert man die Ruhe wieder um einige Kinder, muss aber die ersten streng im Auge behalten, damit sie nicht wieder schwatzen. Dann erzwingt man durch größte Konzentration die Ruhe weiterer Kinder. Gewöhnlich wird dann plötzlich der Moment erreicht, wo sich allgemeine Ruhe in der Klasse von alleine ausbreitet, bzw. wo man durch leicht erhobene Stimme durchdringt und alle Schüler erreicht.



Rechtzeitige Antwort

Ein Lehrer ist zugleich auch seine eigene "Behörde". Manche Regeln öffentlicher Einrichtungen sind auch für ihn sinnvoll.So sollte z.B. jedes Anliegen von außen, jede Anfrage innerhalb einer angemessenen Frist erledigt oder beantwortet werden. Üblich sind höchstens vier Wochen. Besser noch ist es, wenn man beim Erhalt einerschriftlichen Anfrage - auch über Internet - sogleich den Empfang bestätigt und auf die zügige Bearbeitung des Anliegens hinweist.


Offene Kommunikation

Jeder Waldorflehrer, auch der Fachlehrer, muss eine gewisse kommunikative Offenheit für seine Umwelt haben. Zu jeder guten Firma gehört heute eine "Hotline". In übertragener Weise muss das jeder von uns auch haben: eine ziemlich sichere telefonische Erreichbarkeit.Zum Schutz einer gewissen Privatsphäre kann man auch eine tägliche "Telefonsprechstunden-Zeit" an Kollegen und Eltern mitteilen. Aber man muss auch außerhalb dieser Zeiten erreichbar sein. Der Anrufbeanworter ersetzt nicht das persönliche Telefongespräch.Sehr schnell merkt die Umwelt, an der Art der Ereichbarkeit eines Lehres seinen Wesenszug: Schottet er sich ab oder ist er offen für Kommunikation, d.h. auch für meine Sorgen. Wenn er sich abschottet, dann fragt man sich, warum er das tut.


Sommerferien

Auch für Ferienzeiten gilt: Erholung muss sein!
Vonvornherein lege man eine Zeit von vielleicht 2 bis 4 Wochen fest, in der man nichts direkt für den Unterricht tut, nicht an die neuen Epochen des kommenden Schuljahres denkt.Eine Zwischenlösung ist es, sich in den Erzählstoff des kommenden Schuljahres einzulesen: Märchen, Fabeln, Altes Testament, Sagen, Biographien usw. Also Lektüre, die einen unmittelbar seelisch - und nicht gedanklich - berührt, die man gern liest, die sich gewissermaßen von alleine liest oder wo man eigenlich nicht mehr aufhören mag weiterzulesen.Ansonsten lese man im "Buche der Natur"!


Die Schule ist aus

Die Schule ist aus. Sie sind in Gedanken aber noch immer bei der Schule. Ein letztes Vorkommnis hängt Ihnen nach. Sinnvoll ist eine Ablenkungsübung: z.B. Blick hinauf zum Himmel und Beobachtung der Wolken und der Abtönung des Himmelsblaus.Sofort fühlen Sie sich befreit. Sie kommen nach Hause, können frisch und frei sich einige Zeit ganz anderen Dingen widmen, bis es dann an die Vorbereitung geht, wo man anfangen kann die Erfahrungen des Tages zu verarbeiten.

Freitag, 26. Februar 2010

Pausenaufsicht

Immer wieder das leidige Thema: Wird die Pausenaufsicht vom Kollegium pflichtgemäß wahrgenommen?
So wie man nie eine vollkommen disziplinierte Klasse haben wird, so wird man auch nie eine voll funktionierende Pausenaufsicht haben. Während man aber an der Disziplin in der Klasse ständig arbeitet und die Kinder immer wieder ermahnt, unterlässt man das bei der Pausenaufsicht.
Auch hier bräuchte es eine unablässige gegenseitige, kollegiale Ermahnung!

Leichter wird es, wenn man beginnt, Freude an den Kindern zu haben und aus seinem Philister-Anteil als Lehrer herauszutreten. Dann wird es plötzlich zu einer Leidenschaft, in der Pause schnell an die frische Luft zu gehen und den Kindern bei ihren Spielen zuzuschauen. Das Geschrei auf dem Schulhof wird dann fast so schön klingen wie Vogelgezwitscher.

Nur nicht dabei schwatzend mit den Kollegen herum stehen, sondern das ganze Bewusstsein ganz bei den Kindern haben.

Donnerstag, 25. Februar 2010

Umgang mit „schwierigen“ Schülern

Von folgender Situation höre ich häufiger:

Ein Schüler verhält sich im Unterricht nicht angemessen. Der Lehrer nimmt ihn nach dem Unterricht beiseite und redet mit ihm. Danach sagt der Lehrer zum Klassenlehrer, dass der Schüler ja in Wahrheit sehr nett sei, wenn man allein mit ihm redet. Im Unterricht aber sei er sehr schwierig.

Dabei bleibt es gewöhnlich. Der Schüler bleibt auch weiterhin mehr oder weniger schwierig zu unterrichten. Der Lehrer denkt, es läge am Schüler.

Dabei muss man aus dem geschilderten Zusammenhang eine ganz andere „Lehre“ ziehen:

Der Lehrer verhält sich im Unterricht nämlich ganz anders als in dem vertraulichen Privatgespräch. Der Schüler bleibt dabei im Grunde immer der gleiche. Die Aufgabe besteht in Wirklichkeit für den Lehrer darin, sich im Unterricht genauso direkt, nah, liebevoll, menschlich jedem einzelnen Schüler zuzuwenden, wie er das im „Privatgespräch“ mit einem Schüler tut. Der Lehrer schlüpft normalerweise im Unterricht in eine Rolle, die nicht sein ganzes Menschentum ausdrückt: Er ist an erster Stelle Lehrer und an zweiter Stelle Mensch. Es sollte anders sein, er sollte immerzu ganz Mensch sein, sich in jedem Moment hauptsächlich menschlich verhalten, dann öffnen sich die Seelen der Kinder und werden in jeder Situation immer netter.

Man mag einwenden, dass man in einer großen Klasse doch nicht allen Schülern so nah sein könne. Aber dem ist nicht so. Wenn man einem Schüler wirklich ganz von Herzen nah ist, dann ist man es bald auch dem zweiten und bald allen. Nähe kann schon ein liebevoller, interessierter Blick mitten im laufenden Unterricht sein. Eine Sekunde - aber eine ganz erfüllte, warme Sekunde.


Die Lösung liegt also darin:

Verhalte dich als Lehrer im Unterricht so, wie im vertraulichen Privatgespräch!


Dienstag, 23. Februar 2010

Hören mit dem ganzen Körper

Rudolf Steiner spricht davon, dass ein kleines Kind noch bis in seinen Magen hinein den Geschmack der Speisen empfinden kann. Erst mit der Zeit zieht sich das Schmecken auf den Mund zurück, es verkümmert dadurch ein wenig, es wird abstrakt und kopfig.

Ähnlich ist es auch mit dem Hören. Es ist eine abstrakte Vorstellung, dass man nur mit den Ohren hört. Man richtet dann auch sein Leben nach dieser Vorstellung ein und hört dann wirklich nur mit den Ohren.

Dabei ist das Hören viel umfangreicher. Der ganze Körper kann der Sinneswahrnehmung des Hörens dienen. Man verfolge einmal in seinem eigenen Leib, wo die verschiedenen Töne in Wirklichkeit eine Resonanz zeigen. Man erlebt, dass man hohe Töne an ganz bestimmten Stellen des Kopfes wahrnimmt und tiefe weiter unten gegen den Unterleib hin.

Auch je nach Instrument wird man ganz unterschiedliche Regionen seines Körpers als Wahrnehmungsorgan empfinden. Bei Geigentönen fühlt sich der Klang wie peripher um einen vibrierend an. Töne von Blasinstrumenten vermeint man mehr in seinen eigenen Atmungsorganen wiedertönen zu hören usw.

Dies ist noch ein ganz neues, weiter zu erforschendes Gebiet. Nach und nach muss der Mensch seine Sinnesempfindungen wieder verlebendigen. Man kann es man auch als wichtige pädagogische Aufgabe betrachten, die Kinder für dieses erweiterte Hören zu sensibilisieren.
Sehr interessant wäre es, weitere Beobachtungen von anderen Menschen zu erfahren.

Rückmeldungen an: kontakt.zum.autor@arcor.de

Samstag, 20. Februar 2010

Freier Religionsunterricht und Handlungen an neuen Schulen

Es gab bisher die Gepflogenheit, dass es bei Schulneugründungen die Auflage gab, dass der freie Religionsunterricht gegeben werden solle.


Dieses ist mit den Jahren immer schwieriger geworden, da auch immer weniger Lehrer sich aktiv mit der Anthroposophie verbinden.

Zur Beurteilung der Zusammenhänge sollte man auch immer ein wenig auf die historische Situation in der ersten Waldorfschule blicken. Rudolf Steiner hatte es überhaupt nicht vorgesehen, Religionsunterricht in der Waldorfschule einzuführen. Forderungen aus der Umwelt haben dazu geführt, dass er den Religionsunterricht „exterritorial“ einführte. Die Kirchen waren für ihren Unterricht selbst verantwortlich; für den freien Unterricht war die Anthroposophische Gesellschaft verantwortlich. Letzteres wird heute gern verschwiegen, da man Bedenken hat, diesen Zusammenhang ehrlich vor die Welt zu stellen.


Auch die Handlungen wurden erst auf Wunsch eingeführt. Eltern und Lehrer wollten eine Feier als Ergänzung des freien Religionsunterrichtes, ähnlich wie die Kirchen sie haben.

Es berücksichtigt gar nicht die individuelle Situation in einer neuen Waldorfschule, wenn man ihr den freien Religionsunterricht als Pflicht auferlegt. Vielleicht besteht vor Ort gar kein Bedürfnis danach.

Auch bei der Einführung der Handlungen erlebt man heute manchmal, dass es nur ganz wenige sind, die die Handlungen in einer Schule einführen wollen. Sie sind nicht getragen von einem starken Bedürfnis bei den Lehrern und Eltern. Dadurch kommt es in der Folge zu einem Siechtum dieser Einrichtung.

Es gibt Schulen, wo außer den wenigen Handlungshaltenden, kaum ein Kollege die Handlungen kennt. Und es kommen sonntags auch gar keine Kinder oder Jugendlichen mehr zu den Handlungen.

Man erhält so Traditionen aufrecht, ohne die aktuellen Lebensprozesse wahrzunehmen und angemessen zu beurteilen.

Wohl lechzen die Kinder nach immer mehr Geist und Religion. Diesem Bedürfnis muss jeder Unterricht entgegenkommen. Aber die Einrichtung eines entsprechenden Unterrichtsfaches oder einer kultischen Feier muss von einem ganz, ganz starken Impuls eines gesamten Kollegiums und entsprechender Gruppen von Eltern gewollt und getragen werden.

Es besteht eine große Gefahr für die kollegiale Gemeinschaft, wenn nur wenige Kollegen das tun, was sie für richtig halten, während die Mehrzahl es durch ihr Verhalten negiert. Es wirkt im Kollegium unbewusst kränkend und so auf die Dauer für die Schule schädigend. Auch wenn es nur der gute und beste Wille derjenigen ist, die treu an diesen Einrichtungen festhalten. Erreicht ist erst etwas Gesundendes, wenn die überwiegende Mehrzahl der Kollegen von den Handlungen tief ergriffen wird.

Rückmeldungen an: kontakt.zum.autor@arcor.de


Eine traurige Nachricht:

Eine der besten Ausbildungsstätten der Welt muss schließen:

Das Ende von Emerson College

23.02.10

Von: Michael Mentzel - Themen der Zeit

Weltweit anerkannte Studienstätte in Südengland steht vor dem endgültigen 'Aus'

College muss schliessen

mm/tdz. 17.02.2010

Das Emerson College, eine anthroposophische Studienstätte im südenglischen Forest Row, schließt seine Pforten. Die finanzielle Lage war in den letzten Jahren immer schlechter geworden und am 12. Februar teilte Marc ter Kuile, der Vorsitzende der "Board of Trustees of Emerson College" seinen Mitgliedern den Beschluss des Vorstandes mit, das College endgültig zu schließen. Der "Board of Trustees of Emerson College" ist eine unabhängige Vermögensverwaltung. In seiner Mitteilung schreibt Marc ter Kuile unter anderem, dass sich in den letzten Jahren immer weniger Studenten um einen Studienplatz beworben hätten und das dadurch die notwendige Finanzierung nicht mehr aufrecht zu erhalten gewesen wäre. Die frühere, solide finanzielle Basis sei nicht länger gewährleistet gewesen und so hätten die Gesellschafter beschlossen, ihre gesetzliche Verantwortung gegenüber den aktiven und den ehemaligen Mitarbeitern sowie den Kreditgebern und anderen Anleihgebern wahrzunehmen.

Um die Kredite zurückzahlen zu können, sollen noch mehr Vermögenswerte als bisher, unter anderem Gebäude, veräußert werden. Der Vorstand sieht keine Möglichkeit, die Studentenzahlen kurzfristig zu erhöhen, man hofft aber, den Betrieb bis zum Ende des Studienjahres im Juni 2010 aufrecht erhalten zu können, wenn es gelingt die Liquidität kurzfristig zu erhöhen. Es komme darauf an, jetzt schnell Immobilien zu verkaufen. Zurzeit kämpft das Institut mit monatlichen Verlusten von 80.000 enlischen Pfund, das entspricht ca. 92.000 Euro. Dies sei den Kapitalgebern nicht länger zuzumuten; bei dem derzeitigen Liquiditätsstand könnte der Betrieb allerdings nur noch zwei Wochen aufrecht erhalten werden.

Ein Kauf der Liegenschaften und eine Beteiligung der Anthroposophischen Gesellschaft in England komme aus den unterschiedlichsten Gründen, die auch mit der Bilanzierung zu tun haben, nicht in Betracht. Auch sei man nicht sicher, ob das Institut in der Lage sei, auf lange Sicht wieder kostendeckend arbeiten zu können.

Eine ehemalige Studentin sagte gegenüber unserer Redaktion, sie hoffe sehr, dass durch diese Entscheidung jetzt einige Dinge in Bewegung kommen und neue Impulse entstehen können. Es sei vielleicht auch die Zeit, darüber nachzudenken, wie sich die Anthroposophie zukünftig in die Welt stellen könne. Wobei es wichtig sei, darauf zu achten "was die Welt wolle, nicht was wir wollen".

Das Emerson College wurde 1962 von Francis Edmunds gegründet und ist eine weltweit anerkannte Studienstätte für Menschen jeden Alters, die hier in seminaristischen Kursen ihre persönlichen Lebensperspektiven in künstlerischer Weise erweitern wollen.

*****

Quelle:

Michael Mentzel undhttp://antro

posofieindepers.blogspot.com/2010/02/gesloten.html

_______________________________

Kontakt

Themen der Zeit erreichen Sie unter

info[at]themen-der-zeit.de

Themen der Zeit
Schloss Hamborn 15
33178 Borchen

Freitag, 19. Februar 2010

Strukturveränderungen zur Verbesserung der Waldorfschulen

Viele Waldorfschulen suchen heute mehr denn je ihr Heil in „Strukturveränderungen“. Immer wieder werden neue Verfahrensweisen und Gremien geschaffen, abgeschafft oder umgewandelt. Veranlasst immer mehr z.B. durch von außen kommende Berater und sog. Fachleute.

An manchen Schulen geben sich sogar schon verschiedene Berater die Klinke in die Hand, wie man das auch aus Wirtschaftsbetrieben kennt.

Das Ganze geht einher mit einem Verlust an Eigeninitiative, an schöpferischen Ideen, die man - wie für den Unterricht - nur selber entwickeln kann. Ein Waldorfunterricht, der nicht aus eigener Phantasie heraus entwickelt wurde, sondern sich seine Ideen anderswo holt, hat nicht die Begeisterung und das Leben, das er haben kann, wenn der Lehrer alles „im Schweiße seines Angesichtes“ selber erringt und erkämpft. So ist es auch mit allen schulorganisatorischen Angelegenheiten. Nur die Lehrer selber können das Richtige und Fruchtbare durch ihre eigene Bemühung finden.

Manchmal hört man auch, dass eine Schule wie fremd (oder fern-) gesteuert wirke, seit die Autorität eines Beraters dort das Regiment übernommen hat. Dinge, bei denen das Kollegium sich früher strikt geweigert hat, sie zu tun, werden durch das (Macht-)Wort eines Beraters plötzlich mit Freude und in Windeseile umgesetzt. Daran sieht man natürlich sofort, dass es nur äußerlich geschieht, innerlich sind die Kollegen aber die gleichen geblieben.

Es handelt sich um einen Seelen-Verlust, den man nun in einer solchen Schule spüren kann.

Wo es früher noch Kollegen und Kolleginnen waren, die sich eines Mitkollegen oder einer Mitkollegin angenommen haben, da gibt es jetzt ein Gremium, in dem Leute von Amts wegen sitzen, wo sie sich von Amts wegen um etwas kümmern - nicht mehr aus kollegialem oder menschlichem Interesse. Es ist etwas Funktionärsmäßiges in eine solche Schulen eingezogen.

Als in einer Schule ein erstes Arbeits-Treffen mit einem neuen Schulberater stattgefunden hatte, wurde mit Freude berichtet, dass man sich darüber ausgetauscht habe, dass man sich im Kollegium untereinander zu wenig danke. Der gut bezahlte, von außen kommende Fachmann, der diese Arbeit leitete, schlug vor, dass jemand das „Amt des Dankens“ übernehmen könnte. Er wäre für das Kollegium verantwortlich immer aufzupassen, ob jemanden für seinen Einsatz gedankt werden müsste. Freudig setzte das Kollegium diese Anregung um. Von jetzt an gab es viele, viele Blumensträuße, die in der Konferenz überreicht wurden. Man glaubte, dass man damit ein Problem gelöst habe und ein Stückchen mehr Menschlichkeit und Kollegialität errungen habe.

Kommt ein solcher Dank von Herzen? Nein, er kommt von Amts wegen! Selbst das Danken wird nun von einem Funktionär übernommen. Bei allem, was institutionalisiert wird, geht das Herz und die Seele verloren.

Jeder Kollege, dem an Menschlichkeit liegt, muss sich unablässig darum bemühen, die Arbeit der anderen zu erkennen. Dann wird er sie auch anerkennen können und er wird im rechten Moment die rechten Worte - auch des Dankens - finden. Er wird auch bemerken, wo einer Sorgen und Probleme hat, wenn er selbstlos und unbefangen, den Blick über sein Kollegium schweifen lässt und wird es dann nicht mehr einem dafür zuständigen Gremium überlassen, dass es sich gefälligst um die anderen Kollegen zu kümmern habe. Leider verführt schon die Existenz eines Gremiums dazu, alle Verantwortung auf es abzuwälzen.

Rückmeldungen an: kontakt.zum.autor@arcor.de



Donnerstag, 18. Februar 2010

Eltern in Waldorf-Lehrer-Konferenzen

Herzstück einer Waldorfschule ist die Lehrerkonferenz. Diese Einrichtung, die den Schulleiter ersetzt, ist das wichtigste Organ für den Lebensprozess einer Schule.

Damit die Schule gesund leben kann, müssen alle wichtigen Dinge durch dieses Organ hindurchfließen. Wie das Blut - hin und her, in die Gremien und in die ganze Schule hinein und wieder zurück.

Zur ordentlichen Funktionsweise einer Konferenz gehört auch, dass in ihr nur jene sitzen, die auch aktiv in der Schule unterrichtend tätig sind. Es können nur diejenigen fruchtbar miteinander reden, die aus ihrer unterrichtlichen Erfahrung heraus sprechen und alles Besprochene dann auch im Tun verantworten. Alles andere mag wohl klug sein, aber es bleibt abstrakt.

Irgendwelche Beobachter, Berater, Eltern oder Gäste stören den lebensvollen Prozess. Sie wirken wie Fremdkörper in einem Organismus. Beratung und Hilfe wird man immer außerhalb der Konferenz suchen und das Gelernte dann in sie hinein tragen.

Selbstverständlich sind auch als Ausnahmen weitere Konferenzteilnehmer nach gemeinsamer Übereinkunft möglich und nötig:

-Der Geschäftsführer muss als Berater und Beobachter an allen Konferenzen teilnehmen.

-Wir machten auch die Erfahrung, dass weitere, langjährige, bewährte, treue, zurückhaltende und mit der Waldorfidee stark verbundene Verwaltungsmitarbeiterinnen Fruchtbares zur Konferenz beitragen konnten.

Für die intensive Zusammenarbeit mit der Elternschaft braucht es andere Organe. Eltern, egal in welcher Funktion, haben eine andere Rolle im Schulleben als die Lehrer. Sie sprechen aus anderen Intuitionen und Interessen heraus, auch wenn sie im Einzelfall ein Studium der Waldorfpädagogik absolviert haben sollten.

Rudolf Steiner äußert sich im ersten Band der "Konferenzen" (S.198, 30.Juli 1920) so:
"Es ist gar nicht von vornherein ausgemacht gewesen, dass jeder Fachlehrer im Lehrerkollegium sitzen soll. Es sollte da sein ein engeres Kollegium (daraus wurde später die Interne Konferenz), in dem die Klassenlehrer sind mit den (dienst-) älteren Fachlehrern, und daneben ein erweitertes Kollegium...

Im Kollegium sollten nur die sitzen, die leitende Lehrer sind, ...

Erstens müsste man ausübend sein, wenn man hier sitzt, zweitens müsste man wirklicher Lehrer sein."

Mittwoch, 17. Februar 2010

Sinneserziehung

Es wird viel über Sinneserziehung gesprochen. Es werden auch gelegentlich aufwendige Aktionen in den Klassen in diesem Sinne unternommen.
Aber wie sieht der Alltag in einer Schule aus? Werden die immerwährenden Sinneseindrücke wirklich ausreichend gepflegt?

Ich bin erstaunt, wie viele Jahre Lehrer z.B. an einem Schmutzfleck an einer Wand vorbei gehen können, ohne dass sie einen Lappen in die Hand nehmen würden, um ihn abzuwischen.

Das Schlimmste ist, sich an einen unvollkommenen Zustand zu gewöhnen. Dann gewöhnen sich die Schüler auch daran, mit dem Unvollkommenen zufrieden zu sein.

Der Lehrer wird neben seiner unablässigen Bemühung um die Schüler, jeden Moment nutzen, um auch für eine den Sinnen wohltuende Umgebung zu sorgen.

Das Klassenzimmer wird dann immer einen aufgeräumten Eindruck machen; nichts, was schon länger nicht mehr gebraucht wird, wird herum stehen oder liegen. Die Garderoben werden gelegentlich von vergessenen Teilen befreit. Bilder in Fluren oder Treppenhäusern, die schief hängen, werden gerade gerückt oder abgestaubt. Kritzeleien und Aufkleber nebenbei auch einmal entfernt.

Das alles braucht gar keine große, verabredete Aktionen, sondern geschieht einfach so nebenbei.

Man kann sich auch vornehmen, z.B. als Fachlehrer, dass man den Raum immer ein ganz klein wenig ordentlicher verlässt, als man ihn vorgefunden hat. Dann erstrahlt mit der Zeit eine ganze Schule in Schönheit und Glanz.

Manchmal kommt es mir so vor, dass man deswegen bei so vielen äußerlichen Dingen so unachtsam ist, weil es beim Studium z.B. kein Prüfungsfach gab: "Ordnung und Sauberkeit in Schule und Klassenzimmer". Gerne wäre ich dafür der erste Lehrstuhlinhaber an einer deutschen Universität.

Rückmeldungen an: kontakt.zum.autor@arcor.de

Dienstag, 16. Februar 2010

In jedem Moment für die Schüler da sein...

Steiner lehnte sogar die Führung eines Klassenbuches ab, mit der Begründung, dass der Lehrer dann ja wieder einige Momente von der Klasse abgelenkt sei.

Bei uns verkündeten Mitglieder der Schulführung freudig nach den letzten Sommerferien, dass man zur Verstärkung des Gemeinschaftsgefühls der Klassenlehrer beschlossen habe, jeden Morgen um halb acht in einem kleinen Raum gemeinsam den Wochenspruch zu lesen. Diese Uhrzeit war noch einigermaßen akzeptabel, da noch nicht so viele Schüler da sind. Minuten später beginnen die Schülerscharen schon zu strömen. Ich war aber zugleich überrascht über dieses Vorhaben, da die Kollegen bisher immer erst ziemlich knapp vor Unterrichtsbeginn erschienen.

Als ich am nächsten Morgen zur verabredeten Zeit den genannten Raum aufsuchte, war nur ein Klassenlehrer da, aber schon recht viele Kinder. Enttäuscht, dass der Beschluss nicht eingehalten wurde - aber erleichtert, dass ich sofort wieder bei meinen Kindern sein konnte - ging ich zurück in mein Klassenzimmer.

Später bemerkte ich dann, dass sich die anderen Klassenlehrer ganz kurz vor Unterrichtsbeginn trotz quirlender Schülerscharen noch schnell in den Raum zum Spruch begaben.

In jedem kleinsten Moment, vom Betreten bis zum Verlassen des Schulgeländes soll das Bewusstsein des Lehrers sich auf die Schüler richten. Er wird immer nur die allernötigsten, zwingenden, anderen Dinge tun, wenn sie ihn davon abhalten.

Samstag, 13. Februar 2010

Freude am Unterricht - Unterricht aus Pflichtgefühl

Die Eurythmie als Kulturfaktor ?

Schüler müssen den Unterricht, den sie besuchen auch wollen - "wollen" heißt nicht "mögen". Es ist natürlich ein Ideal, dass Kinder mit Freude und Begeisterung an einem Unterricht teilnehmen.

So erlebe ich es, dass eine Klasse selbst in einem Unterrichtsfach, das sie aus irgendeinem Grunde gar nicht mag, relativ brav mitarbeitet - meist handelt es sich dabei um Englisch oder Französisch.

Schwierig wird es in höheren Klassen immer wieder im Fach Eurythmie. Man konnte in den letzten Jahren verstärkt Äußerungen ehemaliger Schüler hören oder lesen, dass ihre Abneigung gegen dieses Fach ihnen die ganze Waldorfschulzeit im Rückblick verdirbt. Auch bei uns kommt es immer wieder zu individuellen oder zu kleineren Gruppen-Revolten gegen dieses Fach, obwohl es von sehr erfahrenen Pädagoginnen unterrichtet wird.

Wir haben hier im Vergleich zu anderen Fächern das Problem, dass keine gesellschaftliche Anerkennung dieses Faches vorliegt. Wenn beispielsweise den Kindern die Mathematik nicht gefällt, dann sagen alle Leute: Das muss man doch lernen! Und schon geben die Kinder Ruhe und fügen sich widerwillig ihrem Schicksal. Keiner würde wagen, gegen das Fach als solches zu revoltieren.

Bei der Eurythmie aber heißt es: Wofür braucht man das schon, das ist doch nicht so wichtig! Und in der Welt gibt es gar überwiegend verächtliche, spöttische Äußerungen darüber, dass die Waldorfschüler das machen (müssen). Unsere Schüler müssen in der Welt deshalb immer häufiger als Witzfiguren herhalten. Die Medien transportieren dieses Urteil mehr und mehr.

Steiner warnte schon vor fast 90 Jahren: Wenn die Eurythmie nicht in den nächsten Jahren zum Kulturfaktor wird, dann können wir sie in den Schulen nicht mehr unterrichten!

Somit ist die Lage klar: Der Eurythmieunterricht kann heute sogar zum Schaden der Waldorfschulen werden. Man muss also sehr wach verfolgen, wie die Schüler einer Klasse den Unterricht aufnehmen. Es wird wohl immer unterschiedlich sein. Regt sich zu starker Widerwille, wird man den Unterricht wohl aussetzen müssen. Man wird besonders unwilligen Schülern Brücken bauen müssen, damit die Situation nicht eskaliert. In den höchsten Klassen wäre dringend eine Walhfreiheit für den Eurythmieunterricht zu erwägen. Oder ein Wahl-Pflicht-System: Man stellt z.B. drei Fächer (Musik, Eurythmie, Kunst) nebeneinander und die Schüler können sich für eine der Künste entscheiden.

Es hilft nicht, sich auf eine starre Haltung festzulegen und zu denken, man müsse eine Tradition möglichst lange pflegen.

Welche Wirkung wird die Eurythmie auf Seele und Leib haben, wenn sie von negativen Gefühlen begleitet wird? Ihre stärkste positive Wirkung entfaltet sie sicherlich vor dem 14.Lebensjahr. Und vielen Eurythmie-Lehrerinnen und -Lehrern kann es heute noch gelingen, die Klassen mehr oder weniger harmonisch und konfliktfrei bis ins achte Schuljahr hinein zu führen. Danach muss die Eurythmie von einem sie liebenden Bewusstsein begleitet sein, um noch in Wahrheit fruchtbar wirken zu können.

Es muss alles ohne Zwang und Härte geschehen. Gerade in diesem besonderen Fach. Sonst wird das Gute zum Schlechten.

Mittwoch, 10. Februar 2010

Epochenheft - künstlerischer gestalten

Es wird manchmal geäußert, dass Rudolf Steiner, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, die Waldorfpädagogik noch einmal zu reformieren, mehr Gewicht auf das Künstlerische gelegt hätte.

Bei der Führung der Epochenhefte sieht man sich auch vor diese Frage gestellt. Will man die Kinder hauptsächlich mit den Hefteinträgen "beschäftigen", sollen Inhalte festgehalten werden oder geht es um die künstlerische Erziehung? Natürlich wird man alle diese Gesichtspunkte mit jeweils unterschiedlicher Gewichtung in Betracht ziehen.

Der eigentlich beabsichtigte Lerneffekt durch die Epochenheft-Einträge ist in Wahrheit denkbar gering. Weder die Inhalte noch die Rechtschreibung befestigen sich allein durch das Eintragen bei den Kindern in wünschenswerter Weise. Befestigt werden sie nur, wenn wieder und wieder das Bewusstsein der Kinder auf diese Dinge gerichtet wird.
Die rein mechanische Schreibtätigkeit hat fast keinen Wert.

Der größte - wenn auch indirekte - Erziehungswert der Epochenheft-Einträge liegt im Künstlerischen. Wenn das Heft ganz und gar aus künstlerischen Gesichtspunkten heraus gestaltet und gearbeitet wird, dann bildet man zugleich die Kinderseele in harmonischer Weise aus.

Es ist nicht nötig, die Unterrichtsinhalte in möglichst umfangreicher Weise zu dokumentieren. Man könnte viel besser den Inhalt eines Tages z.B. in einem kurzen Gedicht oder in einem Bild zusammenfassen.

Behandelt man Athen und Sparta im Geschichtsunterricht der 5.Klasse, so könnte man einfach ganz groß mit Blockbuchstaben oben auf die Seite "Athen" und unten "Sparta" schreiben; aber in der Art, wie man die jeweiligen Buchstaben gestaltet, kann man den Charakter der athenischen Kultur in Kontrast zu der spartanischen zum Ausdruck bringen. Die Kinder könnten selber in der Gestaltung der jeweiligen Namen ihre Phantasie einbringen.

Ein solcher Epochenheft-Eintrag ist nachhaltiger und wirkungsvoller, als seitenlange, inhaltliche Texte über die beiden Stadtstaaten.

Montag, 8. Februar 2010

Doppelrolle: Lehrer-Eltern

Man kommt leicht in eine schwierige Rolle, wenn man selber Lehrer an einer Schule ist und auch Kinder in dieser Schule hat.

Meine Devise war immer, dass ich mich jeder Kritik an den Lehrern meiner Kinder zu enthalten versuchte, selbst wenn einmal etwas offensichtlich nicht gut lief.

Es gibt ja immer noch genügend andere Eltern oder Lehrer, die sich zu allem äußern können, wenn sie wollen.

Donnerstag, 4. Februar 2010

Tafelbild ?

Es hat immer wieder etwas sehr Unbefriedigendes, wenn man auf dem dunklen Tafelhintergrund ein wirklich schönes Tafelbild erstellen will. Man muss manchmal geradezu "reziprok" vorgehen, indem man z.B. eine stärkere Dunkelheit durch eine besonders intensive Weißfärbung ersetzen muss. Denn gerade dunkle Kreidefarben werden von den Schülern oft gar nicht richtig wahrgenommen.

Um das Tafelbild wirklich zum Leuchten zu bringen, braucht es einen sehr starken Kreideauftrag, was nur wenig Lehrer wagen. Deshalb leuchtet der dunkele, meist grüne Tafelhintergrund stark hindurch und dämpft das ganze Bild ab.
Außerdem badet man bei intensiver Farbgebung am Schluss förmlich in einem Meer von Kreidestaub, da die Tafel schließlich nur noch einen Bruchteil der Kreide annimmt, der Rest bröselt schon beim Auftragen herunter.

Eine Kollegin trägt aus diesem Grund die Kreide feucht auf. So wirkt sie stärker. Man muss aber sehr geschickt vorgehen, sonst wirkt alles recht verwischt.

Ein Ausweg ist es, die Bilder auf große Papierbögen zu malen. Normalerweise kann man solche Papierbögen mit kleinen Magneten an der Tafel befestigen. Die Farbe kann beliebig sein: Buntstifte, Kreide, Wachsmaler, Pastellkreide - je nach Papier. Die Blätter kann man aufheben, als Wandschmuck im Klassenzimmer aufhängen oder verschwinden lassen.

In seinem neuen Buch "Malen und Zeichnen - 1. bis 8. Schuljahr" empfiehlt Thomas Wildgruber auch diese Technik. Er erwähnt, dass er in der Klasse immer einen Wechselrahmen habe, der die "Tafelbilder" aufnahm.

Bei mir war es so, dass ich in diesem Schuljahr in einem Klassenraum bin, der eine recht kleine Tafel hat, so dass ich genötigt war, eine neue Lösung für das Tafelbild zu finden.

Mittwoch, 3. Februar 2010

Sitzordnung


Von vielen Lehrern weiß ich, dass sie zweimal oder noch häufiger für die Klasse eine neue Sitzordnung in einem einzigen Schuljahr ausarbeiten.

Von den Schülern her erlebe ich immer wieder ein Drängen nach einem neuen Sitzplan.

Von einem erfahrenen Kollegen, der selbst Waldorfschüler war, hörte ich einmal, dass er alle acht Jahre der Klassenlehrerzeit neben dem selben Kind gesessen habe - nicht gerne. Später habe er aber erkannt, was ihm das gegeben habe.

Es sind häufige Änderungen der Sitzordnung nicht nötig. Einzelne Schüler wird man gelegentlich umsetzen müssen. Andere können sehr, sehr lange nebeneinander sitzen.

Pro Schuljahr ein Sitzpaln müsste ausreichend sein.

Selbstverständlich sitzen im Prinzip immer Jungen neben Jungen und Mädchen neben Mädchen.

Dienstag, 2. Februar 2010

Unterschrift mit Namen - Verantwortung übernehmen

Bei uns findet man immer wieder bei schriftlichen Berichten z.B. in den wöchentlichen Mitteilungen Texte ohne namentliche Unterschrift.

Stattdessen steht darunter z.B "Das Mensateam" oder "Der Vorstand des Waldorfschul-Förderzweiges".

Niemals aber kann ein "Team" einen Text verfassen, das können immer nur individuelle Menschen tun und meistens kann es nur ein einziger sein, der die Hauptformulierung übernommen hat. Die anderen haben es vielleicht durchgesehen, ergänzt, überarbeitet.

In der heutigen Zeit, in der alles auf dem Individuellen beruht und das Gruppenmäßige zurücktreten muss, gehört zu jeder Tat und Handlung die Notwendigkeit einer Zuordnung zu einem Menschen.

Damit trägt dieser Mensch auch die volle Verantwortung für seine Taten und Schriftstücke und muss sie auch tragen. Das erwartet heute die Welt.
Um dieses Tragen von Verantwortung zu vermeiden, werden auch immer wieder neue Gremien und Gruppen gebildet, damit sich die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt.

Es geht in Wahrheit dabei weniger um das Aufteilen von Arbeit, sondern von Verantwortung. Arbeit ließe sich viel effizienter auf andere Weise delegieren. Das Gruppenhafte ist in Wirklichkeit viel arbeitsaufwendiger, als das Übertragen von Verantwortung auf nur eine Person.

Eine Gruppe kann gar keine Verantwortung tragen. Da das aber noch nicht verstanden wird, verschwimmt alles und es kommt zu dramatischen Fehlentwicklungen, die wie ein übermenschliches Unheil angesehen werden, für das aber keiner etwas kann.

In einem Gremium hieß es manchmal: Ich schreibe den Brief und schicke ihn erst einmal an alle per E-Mail. Dann kann jeder seine Meinung und Korrekturen hinzufügen. So kam es zu unendlichem Hin und Her. Oft verliefen die Dinge ganz im Sande. Manche Dinge wurden dann allen so lästig, dass keiner mehr wagte, sie noch anzusprechen. Für kleinere Aktionen wurden manchmal Jahre gebraucht, um sie zu entscheiden oder zu lösen. Nur wo es wirklich einen durch die Welt auferlegten Termin- oder Sachdruck gab, wurde auch dementsprechend gearbeitet. Wo es in der freien Erkenntnis gelegen hätte, etwas zu tun, da begann das Chaotische.

Damit zeigt sich eine Unreife im freien Tun.
Auch der Drang, für alles Gruppen - ab zwei Personen - zu bilden, zeugt von einer Unreife, Charakter und Bedeutung des Individuellen zu erfassen.

Jede Tat braucht die namentliche Zuordnung zu einer Person. Jeder Text eine namentliche Unterschrift.


Montag, 1. Februar 2010

Hochbegabung

"Mit das Wichtigste, was ein Hochbegabter lernen muss, ist doch der Umgang mit Normalbegabten - denn mit denen wird er die meiste Zeit seines Lebens zu tun haben."

Auf den folgenden Artikel möchte ich die Leser gerne hinweisen:
------------------------------------------------------------------------------------
PSYCHOLOGIE
(aus der "WELT)

Hochbegabten-Hysterie hat Deutschland erfasst

VON ANDREAS FASEL 31. Januar 2010

Ein 14-Jähriger studiert an der Uni Cambridge und ist dort der jüngste Student seit 230 Jahren. Schon vor der Pubertät des Jungen erklärte der Vater, dass sein Sohn hochbegabt wäre. Dieser weitverbreitete Irrtum geht Deutschlands Psychologen zunehmend auf die Nerven: Sie sprechen von einer Hochbegabten-Hysterie.

Dennoch stachelt diese Geschichte die weit verbreitete Hoffnung vieler Eltern auf, im eigenen Kind könnte der Kern einer sensationellen Hochbegabung angelegt sein, die in den groben Normalo-Mühlen des Schulsystems nicht keimen kann, sondern zerrieben wird.Jahrzehntelang kam das Thema Hochbegabung in der deutschen Bildungsdiskussion überhaupt nicht vor. Heute ist die Frage "Könnte mein Kind vielleicht hochbegabt sein?" an Kindergärten und Schulen so selbstverständlich geworden wie einst die routinierte Erkundigung, ob man schon die Windpocken gehabt habe.Ist die Intelligenzbestie in Kinderschuhen eine Art elterliches Statussymbol? "Zahllose Elterngespräche kann ich nur so zusammenfassen, dass immer mehr Eltern gern ein hochbegabtes Kind hätten", sagt Detlef H. Rost, Professor für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Universität Marburg und Begründer der "Begabungsdiagnostischen Beratungsstelle BRAIN".Rost ist einer der angesehensten Hochbegabungsforscher in Deutschland - und ein vehementer Kritiker einer um sich greifenden "Hochbegabten-Hysterie". Rost klagt, der zunehmende Ansturm von Eltern in psychologischen Praxen, die ihr Kind für überdurchschnittlich klug und begabt halten, sei besorgnis-erregend.

Dabei deuten Eltern oft krasses Fehlverhalten als bewundernswerte Fähigkeit. Schlechtes Benehmen wird gern als "außergewöhnlich intelligent" missverstanden.

Solche verqueren Umkehrschlüsse seien im Zusammenhang mit dem Thema Hochbegabung besonders häufig anzutreffen, bemerkt Rost. Den Wahn von Eltern und vermeintlichen Experten, in allem und jedem einen Hinweis auf Genialität zu sehen, hat ein österreichisches Fachjournal vor zwei Jahren beschrieben. "Husten Hoch-begabte häufiger?", spotteten die Autoren des Journals des österreichischen Begabtenzentrums (ÖZBF) in ihrem kritischen Aufsatz über "Checklisten zur Identifikation von Hochbegabung". Ihr Fazit: Diese Fragebögen sind wohl doch nicht die richtige Methode, um eine Hochbegabung zu diagnostizieren. In diesen Checklisten, die besonders zahlreich in der Nähe von Beratungsangeboten rund um das Thema Hochbegabung kursieren, seien längst widerlegte oder zumindest fragwürdige Hinweise auf Hochbegabung verarbeitet. Da stehen dann Sätze wie: "Hochbegabte haben oft keine Freunde." Oder: "Hochbegabte brauchen weniger Schlaf." Psychologe Rost berichtet von Eltern, die ihn besorgt fragten, ob ihr Kind seine Begabung verlieren könne, weil es immer so früh schlafen gehe....

"Es gebe aber viel mehr Hochbegabte, die in der Schule eifrig bei der Sache seien," sagt Rost ....


Weiter hier:...http://www.welt.de/wissenschaft/article6051960/Hochbegabten-Hysterie-hat-Deutschland-erfasst.html

Sonntag, 31. Januar 2010

Pädagogisch Handeln

Nehmen wir einmal an, ein Schüler macht bei seinem Zeugnisspruch immer einen bestimmten Fehler, dann wäre die eine Handlungsmöglichkeit, den Fehler zu korrigieren.

So würden die meisten Menschen reagieren.
Diese Handlungsweise könnte man als die normale bezeichnen.

Eine andere Möglichkeit ist die, sich zu merken, dass der Schüler an einer bestimmten Stelle einen Fehler machte. Eine Woche später, würde man dann, bevor der Schüler zu sprechen beginnt, in geschickter Weise gerade diese Stelle hervorheben: "Du hast da eine besonders schöne Stelle in deinem Spruch, lasse deine Stimme da recht klar und hell erklingen...(man spricht betont vor)"
So merkt er gar nicht, dass er einen Fehler machte, und spricht jetzt richtig.
Das wäre als eine pädagogische Vorgehensweise anzusehen.

Samstag, 30. Januar 2010

Gespräche

Einladung zu einem Gespräch

Es fällt immer wieder auf, dass man als Eltern oder Lehrer zu einem Gespräch eingeladen wird oder dass man selber andere zu einem Gespräch einlädt, man aber keinen Hinweis erhält oder gibt, worum es in diesem Gespräch gehen soll.

Man kann dann manchmal so seine Überraschungen erleben, wenn man im Gespräch sitzt.

Es sollte deshalb eine grundsätzliche Regel sein, dass man dem anderen zumindest stichwortartig andeutet, worüber man mit ihm ein Gespräch führen will. Und wenn man selbst eingeladen wird, dann kann man auch darauf beharren, dass man über den Inhalt des zu führenden Gespräches informiert wird.

Falls man über mehrere Themen sprechen will, dann erfordert es die Fairness, dass man alle Themen vorher erwähnt.

Geschieht die Verabredung telefonisch, dann muss man sehr vorsichtig sein, dass man sich nicht durch die Andeutung des Themas schon in das Gespräch verwickeln lässt. Sondern man besteht darauf, dass man eben Genaueres in einem Gespräch in der Schule klären will.

Im Verlaufe des Gespräches halte man sich streng an die verabredeten Gesprächsinhalte und füge möglichst keine weiteren kritischen Punkte – auch nicht aus aktuellem Anlass - hinzu, sondern hebe diese lieber für einen späteren Zeitpunkt auf. Es ist für das Gegenüber ja schon ausreichend, nur mit einem oder mit zwei Problemen konfrontiert zu werden.

Ein kleines Beispiel, was ich vor nicht allzu langer Zeit erlebte:

Ein Vater ruft mich abends an und bittet ganz dringend um ein Gespräch, möglichst gleich morgen Nachmittag. Nach einiger Bemühung um einen geeigneten Termin wage ich es, ihn zu fragen, worüber er denn mit mir sprechen wolle.

Er meinte, dass er mit mir über die weitere Beschulung des Kindes an der Schule sprechen wolle. Daraufhin frage ich, ob es denn wirklich um ein Gespräch darüber ginge und ob meine Gedanken dazu in den Entscheidungsprozess noch einfließen würden oder ob die Entscheidung der Eltern schon gefallen sei. Da gab er zu, dass die Entscheidung bereits getroffen wurde, man wolle sie mir eigentlich nur mitteilen und begründen oder rechtfertigen.

Nun machte ich dem Vater klar, dass er eine solche Entscheidung mir gegenüber nicht rechtfertigen müsse, sondern in völliger Freiheit handeln könne, wie es dem freien Elternwillen entspreche. Auch deswegen seien wir eben eine Freie Waldorfschule.

Dem Vater fiel ein Stein vom Herzen. Ein weiteres Gespräch erübrigte sich.

Elterngespräche nach getroffener Kündigungs-Entscheidung sind völlig überflüssig. Man kann ja nur von ganzem Herzen der Familie und dem Kind alles Gute für die Zukunft wünschen.

Donnerstag, 28. Januar 2010

Welcher Geist waltet in den Waldorfschulen?

Heute ist nichts mehr geist-erfüllt, wenn nicht Menschen bewusst den Geist hineintragen. Anders ist es nur bei Naturgegenständen. Es lebt in einem Unterricht nur so viel Geist, wie der Lehrer persönlich errungen hat und bewusst hineinträgt.

Es wirkt auch in einer Konferenz nur das, was die Menschen bewusst wollen.

Seit einigen Jahren wirkt nicht mehr der gute Geist, der den Höhenflug der Waldorfschulen bewirkte, einfach nur, weil man das Gute will.

Früher konnte sogar durch Dogmatik eine gute Entwicklung wenigstens in Gang gebracht werden. Heute wird Dogmatik sofort zur hohlen Phrase.

Da, wo nicht der selbst errungene, bewusste Geist wirkt, beginnt immer ein anderer Geist den Platz einzunehmen, der Geist der Welt.

Die Devise: Alles, was nett und neu ist und den Eltern gefallen könnte, wird gemacht - ohne Reflexion auf die Menschenkunde - kann die Pädagogik nicht voranbringen.

Samstag, 23. Januar 2010

Rudolf Steiner über Ehrfurcht als Grundlage der Pädagogik

Holger Niederhausen hat auf seiner Internetseite "Wesen der Pädagogik" eine umfangreiche Zusammenstellung aus Vorträgen Rudolf Steiners ausgearbeitet:

Man soll sich nicht sagen: du sollst dies oder jenes in die Kinderseele hineingießen, sondern du sollst Ehrfurcht vor seinem Geiste haben. Diesen Geist kannst du nicht entwickeln, er entwickelt sich selber. Dir obliegt es, ihm die Hindernisse seiner Entwickelung hinwegzuräumen, und das an ihn heranzubringen, das ihn veranlaßt, sich zu entwickeln. Du kannst dem Geist die Hindernisse wegräumen im Physischen und auch noch ein wenig im Seelischen. Was der Geist lernen soll, das lernt er dadurch, daß du ihm diese Hindernisse wegnimmst. Der Geist entwickelt sich auch in allerfrühester Jugend schon am Leben. Aber sein Leben ist dasjenige, das man als Erzieher in seiner Umgebung entfaltet. Die allergrößte Selbstverleugnung ist Aufgabe des Erziehers. Er muß in der Umgebung des Kindes so leben, daß der Kindesgeist in Sympathie das eigene Leben an dem Leben des Erziehers entfalten kann.
19.8.1922, GA 305, S. 74.

Mehr: hier...

Mittwoch, 20. Januar 2010

Pünktlichkeit minus 15 Minuten

..............................................................................................................................Wenn eine Konferenz um 17 Uhr beginnen soll, dann kann sie nicht um 17 Uhr beginnen, wenn die meisten Kollegen erst ganz kurz vor 17 Uhr eintreffen. Damit ein pünktlicher Beginn eines Treffens gewährleistet werden kann, müssen alle Teilnehmer planen, dass sie etwa 15 Minuten vor dem Beginn eintreffen. Es bleibt dann genügend Zeit für herzliche Begrüßungen und kleineren, wichtigen Gedankenaustausch. In Ruhe und Gelassenheit beginnt dann die Arbeit um 17 Uhr. So ist auch die berühmte "akademische Viertelstunde" entstanden.


Donnerstag, 14. Januar 2010

Humor



Immer an das magische "Zauberwort" denken: Humor.

Ständig kommt es zu "kniffligen" Situationen im Umgang des Erziehenden mit den Kindern. Leicht verhärtet sich etwas. Humor löst die Härte wieder auf! Kinder haben es fast immer verdient, dass nach einem Tadel die Seele auch wieder aufgeheitert wird: "Wenn du noch stärker mit dem Stuhl kippelst, dann fällst du herunter. Wir haben dann ein Loch im Fußboden und müssen dich aus dem Keller heraufholen.".

Dienstag, 12. Januar 2010

Epiphanias - Jordantaufe


Aus dem freien Religionsunterricht der 5.Klasse


Um den Schülern ein lebensvolles, anschauliches Bild von den Vorgängen am Jordan zu verschaffen, braucht es bildhafte Vergleiche. Man kann z.B. von dem schönen Bild ausgehen, das da sagt, jeder Mensch habe seinen eigenen, persönlichen Stern. Man sieht nun am Himmel kleinere und größere Sterne. Die Kinder verstehen leicht, dass sich eine unterschiedliche Seelenreife der Menschen in der Helligkeit und Größe der Sterne wiederspiegeln könnte.

Man kann die Gedanken der Kinder nun leicht dahin führen, dass sie selber darauf kommen, dass dann mit der Geburt eines Jesuskindes auch ein großer, sehr heller Stern am Himmel erscheinen müsste.
Nun ist ja auch gleichzeitig mit Epiphanias der Dreikönigstag. Die Kinder verstehen dann sofort, dass den drei Weisen eben gerade deshalb ein solcher Stern erschienen ist. Dass es kein normaler Stern gewesen sein kann, erkennt man schon daran, dass eben nur die besonderen Persönlichkeiten der Könige ihn sehen konnten und nicht alle Menschen. Der Stern blieb gewissermaßen noch im Verborgenen. Aber er war doch da.

Als die Könige nach Jerusalem kamen, verfinsterte sich der Stern. Das kann nur mit der finsteren Seelenausstrahlung der Herodesumgebung zusammenhängen.

Noch immer sind wir beim "Jesus". Noch nicht beim Christus.

Montag, 11. Januar 2010

Masern, Schweinegrippe - Impfunlust





Waldorfschulen kamen ja immer wieder in die Schlagzeilen, weil Waldorfeltern ihre Kinder nicht gegen alle möglichen Krankheiten impfen lassen wollten. In diesen Dingen herrscht heute keine wirkliche Freiheit oder Toleranz mehr. Es wird sozialer Druck aufgebaut, um die Menschen zu konformem Handeln zu zwingen.

Nun zog die Schweinegrippe durch die Welt und die Deutschen zeigten allgemein wenig Lust, sich impfen zu lassen.

Für alle möglichen Krankheiten gibt es Vorsorge-Untersuchungen. Der Mensch stößt auf wenig Verständnis, wenn er nicht alle "empfohlenen" Vorsorge-Untersuchungen über sich ergehen lässt.

Mit der Freiwilligkeit in diesen Dingen ist es ähnlich wie mit dem "Wählen". Wehe, wenn einer sich erlaubt, nicht zur Urne zu gehen! Ständig hört er von allen Seiten die Phrasen, welche Parteien er durch seine Wahlverweigerung unterstützen würde.

Individuelles Handeln ist heute in der Massengesellschaft, die ganz den Dogmen huldigt, die in allen Medien breitgetreten werden, nicht leichter geworden.

Die Tendenz dieser modernen Gesellschaft hat Juli Zeh in ihrem Buch "Corpus Delicti" konsequent "hochgerechnet" oder fortgeschrieben:



Juli Zeh: Corpus Delicti


– Rezension des Romans - von der INTERNET-SEITE Gegenwarts-Literaturen


Die negative Utopie einer Gesundheitsdiktatur ist ganz aktuell

Ruth Lisa Knapp


Juli Zeh warnt in ihrem neuen Roman vor einem Staat, der auf lückenlose Überwachung setzt. Einer Frau, die Widerstand leistet, wird der Prozess gemacht.

Juli Zeh entwirft in ihrem vierten Roman "Corpus Delicti" das Szenario einer nahen Zukunft, um auf bedenkliche Tendenzen in der Gegenwart aufmerksam zu machen. In der Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist der Himmel leer, Geist, Gefühl und Freiheit sind keine Werte mehr. Sie wurden ersetzt durch Hygiene, Gesundheit, Sicherheit. Das alles beherrschende Regime, die METHODE, überwacht und straft im Namen der Vernunft = Normalität. Der Mensch ist auf den Körper reduziert, das Leben aufs reibungslose Funktionieren. Das totalitäre Potenzial aktueller Entwicklungen wird konsequent zu Ende gedacht.

Leben unter der Gesundheitsdiktatur der METHODE

Über den im Oberarm implantierten Chip können die Daten eines jeden ausgelesen werden. Schlaf- und Ernährungsberichte sind an die Behörden zu liefern, Blutdruck- und Urinwerte sind regelmäßig zu messen und mitzuteilen. Das tägliche Sporttraining ist Pflicht, Sensoren in den Toiletten melden verdächtige Substanzen, Nikotin und Alkohol sind absolut tabu. Die Menschen leben in keimfreien Würfelhäusern, versorgt von Sonnen- und Windenergie. Der Weg in die Natur ist abgesperrt, die Medien sind gleichgeschaltet, man glaubt der DNA-Probe, nicht den Beteuerungen eines Menschen. Die zentrale Partnervermittlung ZPV sorgt für Lebenspartner mit dem richtigen Immunsystem. Prävention und Kontrolle sind alles, eigene Entscheidungen nicht vorgesehen.

Die Hauptfigur Mia Holl entwickelt sich von der Angepassten zur Kämpferin

In diesem Staatswesen der nahen Zukunft gerät die 30-jährige Biologin Mia Holl in die Mühlen der Justiz. Zunächst sind ihre Vergehen gering, die Trauer über den Selbstmord ihres Bruders hat sie aus der Bahn geworfen, sie hat einige ihrer Bürgerpflichten versäumt und wird verwarnt. Im Zwiespalt zwischen Anpassung und Aufbegehren vertritt sie zunächst beide Seiten, bis im Laufe ihres Prozesses aus der unkritischen Anhängerin der METHODE eine Rebellin wider Willen wird und schließlich eine entschlossene Kämpferin für das Recht des Menschen auf Widerstand gegen das Regime, das Recht auf Schmutz, Risiko und Tod eingeschlossen.
In Gesprächen mit ihrem Anwalt Rosentreter, dem Chefideologen des Regimes Kramer und der "idealen Geliebten", ihrem anderen Ich, findet der Klärungsprozess statt, der sie zur unerbittlichen Gegnerin der METHODE werden lässt. Das gipfelt in einer Proklamation, die sie dem Medienmann Kramer diktiert: "Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet. Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat. (…) Ich entziehe einer Normalität das Vertrauen, die sich selbst als Gesundheit definiert."


Vollständigen Artikel auf Suite101.de lesen: Juli Zeh: Corpus Delicti – Rezension des Romans: Die negative Utopie einer Gesundheitsdiktatur ist ganz aktuell http://deutsche-gegenwartsliteratur.suite101.de/article.cfm/juli_zeh_corpus_delicti