Sonntag, 29. Juni 2008

aphoristisch

Neue Strukturen

Überall wird von neuen Strukturen geredet.

Es kommt einem so vor, als ob man meint, dass durch einen neuen Fernsehapparat das Programm besser würde.

Der Schlaf

Die Bedeutung des Schlafes und des „Überschlafens“ wird durch immer weitere, neue Forschungsergebnisse gestützt.
Für die Pädagogik sind diese Erkenntnisse von Bedeutung:


Hier einige Auszüge aus der Zeitschrift „Welt der Wunder“ 7/08 -S.28f.:

"Einsam wacht unser Gehirn, der Nachtschwärmer: Die Melodie von „Yesterday“ kam Paul Mac Cartney über Nacht in den Sinn. Robert L. Stevenson ersann „Mr. Jekyll und Mr.Hyde“ über Nacht....Warum? „Weil unser Gehirn im Schlaf Zusammenhänge herstellt, die im Wachzustand übersehen werden“. .... Ohne Träume gibt es keine Kreativität.....


IDEEN BRAUCHEN SCHLAF
...Jetzt kann die Schaltzentrale der Erinnerung in Ruhe arbeiten. Vorstellungen, Gedanken und Ideen können frei assoziiert werden.


OHNE GEDÄCHTNIS KEINE EINFÄLLE
Das Gedächtnis festigt nachts gelerntes Wissen... Die Schlaffforschung weiß: Während der Tiefschlafphase festigt das Gehirn räumliches und Faktenwissen, während der kurzwelligen REM-Phase starke emotionale Erinnerungen. Auch Fähigkeiten (etwa Klavierspielen) werden in dieser Phase verarbeitet und perfektioniert.



Freitag, 27. Juni 2008

Die Haut

Man stellt immer mehr fest, wie sorglos Kinder und Jugendliche mit ihrer Haut umgehen.
Es wird alles mögliche daraufgekritzelt und daraufgeklebt. Die Haut wird wie ein Stück Papier oder Wand behandelt, dabei handelt es sich bei der Haut um eines unserer kostbarsten Organe. Welche Folgen diese Dinge haben, weiß keiner.
Deutlich wird im folgenden Artikel, dass gewisse Wirkungen sich auch erst nach Jahrzehneten einstellen können.


20. Juni 2008
Auszüge aus einem Artikel aus "Die Welt"

Haut ist viel mehr als eine Hülle

Die Haut ist das größte Organ eines Menschen...
"WELT ONLINE: Was bedeutet Modellcharakter?

Asadullah: Wir verstehen die Haut heute nicht einfach nur als eine leblose Wand und Hülle des Körpers, sondern als ein hochaktives immunologisches Organ. Der Verlauf von Hautentzündungen und die Entwicklung von Hauttumoren lassen sich von einer sehr frühen Phase an verfolgen. Damit hoffen wir, grundsätzliches Wissen über die Eigenschaften der Haut zu gewinnen. Hauttumoren könnten, weil sie sich viel besser studieren lassen als Tumoren im Körperinneren, als Modelle für andere Krebsleiden dienen.
....

Asadullah: Was man gar nicht genug betonen kann, ist ein verantwortungsvoller Umgang mit direkter Sonnenbestrahlung. Das gilt insbesondere für Kinder, die bei Sonnenwetter am Badestrand am besten einen leichten Textilschutz tragen oder zumindest ausreichend durch Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor geschützt sein sollten. Denn die Haut hat ein Gedächtnis. Ein Schaden, der ihr in jungen Jahren zugefügt worden ist, kann sich später als Hautkrebs rächen.


WELT ONLINE: Über welche Zeiträume sprechen wir da? Wenn zum Beispiel ein Fünfjähriger zu viel Sonnenstrahlung erhält, wann ist dann mit einem Hautkrebs zu rechnen?

Asadullah: Zunächst einmal gilt auch hier: Die Menge macht das Gift. Es ist wissenschaftlich belegt, dass häufige Sonnenbrände in der Kindheit das Risiko erhöhen, als Erwachsener an Hautkrebs zu erkranken. Das Tückische ist, dass dies 30 bis 40 Jahre später erfolgt. Wir haben bis heute den Mechanismus nicht verstanden, der mit dieser großen zeitlichen Verzögerung zur Erkrankung führt. Auch diese Frage wäre ein Thema für das Deutsche Hautforschungszentrum.


.... WELT ONLINE: Haben Sie auch einen Ratschlag zur Vermeidung von entzündlichen Hauterkrankungen?

Asadullah: Uns ist bis heute nichts bekannt, wie sich die Entstehung von entzündlichen Hauterkrankungen im Vorfeld verhindern lassen könnte. Ich kann hier nur empfehlen, möglichst schnell zum Hautarzt zu geben, sobald eine Veränderung der Haut festgestellt wird.

Das Interview führte Norbert Lossau

Hochbegabung

Auszüge aus einem Artikel in der FAZ, der für viele Diskussionen äußerst hilfreiche Argumente liefern kann:


Vom Recht der Hochbegabten, nicht ständig gefördert zu werden


26. Juni 2008

Der Psychologe Detlev Rost forscht seit dem Ende der achtziger Jahre über Hochbegabung. Im Gespräch erläutert er die dabei gewonnenen Einsichten über den Zusammenhang besonderer Begabung und Persönlichkeitsmerkmalen.


"Hochbegabte, also Menschen mit einem IQ von mindestens 130, sind Einzelgänger, Sonderlinge, hochsensibel und sozial nicht kompatibel.

Das ist absolut dummes Zeug!


Aber eine gängige Ansicht.

Es steht so auch in fast allen Büchern zum Thema drin. Wenn man sich aber weltweit die methodisch guten Studien ansieht, findet man dafür keinen Beleg. Ganz im Gegenteil, es zeigt sich, dass Hochbegabte mindestens genauso gut abschneiden, was Persönlichkeit und soziale Anpassung angeht, wie durchschnittlich Begabte. Manchmal sogar ein bisschen besser.


Woher kommt der verbreitete Glaube, dass Genie und Wahnsinn sehr dicht beieinanderliegen?

Unser Projekt zum Beispiel ist vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft finanziert worden. Allein die siebentausend Kinder herauszusuchen, daran haben sieben Psychologen ein Jahr lang gearbeitet. Da kann man sich vorstellen, was das kostet. Ein normaler Forscher hat gar nicht so viel Geld. Viele Forschungen werden daher in kleinem Rahmen an Institutionen gemacht, in denen viele Hochbegabte sind: Schulen für Hochbegabte, Elternvereinigungen und so weiter. Nehmen wir Letztere: Wer organisiert sich denn in solchen Gruppen? Ich habe noch nie eine Selbsthilfegruppe für das pflegeleichte Sonnenscheinkind gesehen. Dort sind natürlich problematische Kinder überrepräsentiert. Und dann wird von diesen auf die Hochbegabten überhaupt verallgemeinert - das ist der Fehler.


Aber da muss doch mehr dahinterstecken. Woher kommen denn die vielen Geschichten von genialen Schulversagern und begnadeten Nieten?

Ich habe nicht gesagt, dass es nicht auch Hochbegabte gibt, die Probleme haben. Nur, die Probleme kommen bei Hochbegabten nicht seltener und nicht häufiger vor als bei Normalbegabten. Das hat nichts mit der Begabung zu tun, sondern mit anderen Faktoren. Es ist aber doch so: Für Zeitungen und Talkshows sind doch nur die Fälle interessant, in denen ein Kind große Schwierigkeiten hat, gemobbt wird. Wenn da ein ganz normales Kind sitzt, interessiert das doch keinen.


Wie hat sich der Umgang mit dem Thema Hochbegabung verändert, seitdem Sie 1987 Ihre umfangreiche Studie begannen?

Damals musste man sich noch entschuldigen, wenn man zum Thema Hochbegabung forschte, so tabuisiert war das. Heute muss man sich fast entschuldigen, wenn man nicht über Hochbegabung forscht. Als ich das Projekt begann, galt ich als Exotenvogel. Es wurde mir sogar gedroht, meine Autoreifen aufzuschlitzen. Es war allein schon sehr schwer, die Schulen zur Mitarbeit zu gewinnen.


Vor dem Hintergrund Ihrer Erkenntnisse prangern Sie eine "Hochbegabtenhysterie" in Deutschland an.

Ja, heutzutage ist eine Förderhysterie ausgebrochen. Es gibt sehr viele Eltern, die glauben, ihr Kind würde nur noch aus dem Intellekt bestehen. Diese Eltern achten gar nicht mehr auf die anderen Bedürfnisse des Kindes. Das geht natürlich viel zu weit. Ich will damit nicht sagen, dass man nichts für Hochbegabte tun soll. Aber auch hochbegabte Kinder brauchen Freizeit, hochbegabte Jugendliche müssen auch mal rumhängen und mal nicht gefördert werden.


Sie halten also nichts von gesonderten Förderklassen oder Sonderschulen, wo die Hochbegabten unter sich sind?

Nein, insbesondere wenn die Kinder noch jung sind. Hochbegabte müssen lernen, dass sich der Wert eines Menschen nicht an der Intelligenz oder Begabung festmachen lässt, sondern aus ganz vielen anderen Facetten besteht, die genauso wichtig sind. Und das lernen sie, indem sie mit Normalbegabten zusammen sind. Andersherum müssen durchschnittlich Begabte lernen, dass Hochbegabte genauso nette Zeitgenossen sind wie alle anderen auch. Wenn man Hochbegabte frühzeitig herausnimmt, raubt man beiden Gruppen die Gelegenheit, den Umgang miteinander zu lernen. Sonderschulen sind immer Notlösungen, wenn es normale Schulen nicht schaffen, mit der Variabilität hinsichtlich der Begabungen zurechtzukommen.


Ihre Probanden waren zu Beginn ihrer Studie, Ende der achtziger Jahre, in der dritten Schulklasse. Davon sind heute gewiss viele auf dem Sprung oder schon im Berufsleben. Laufen deren Karrieren ihrem Intellekt entsprechend?

Wir haben festgestellt, dass von den Hochbegabten fast alle studieren. Aber von den durchschnittlich Begabten studieren auch eine ganze Reihe. Hochbegabte ziehen ihr Studium indes deutlich zügiger durch. Sie sind schon als Schüler sehr leistungsorientiert - das setzt sich im Studium fort.


...

Wo läuft die Hochbegabtenförderung besser als in Deutschland?

In Finnland zum Beispiel wird über Förderklassen oder Ähnliches erst gar nicht diskutiert. Der Lehrer richtet sich von Beginn an darauf ein, dass die Klasse sehr heterogen ist und dass er individuell differenzieren muss. Ein Lehrer, der zulässt, dass unterschiedliche Lernwege eingeschlagen werden, hat noch keinem geschadet - auch nicht den Hochbegabten.

Ob in Finnland oder in Deutschland: Geht es nicht zu Lasten der sehr guten Schüler, wenn sich der Lehrer häufig mit den schwächsten Klassenkameraden aufhalten muss? Führt das nicht zu zäher Langeweile bei den Hochbegabten, wenn sie stetig unterfordert werden?

Langeweile ist kein Zeichen für Hochbegabung, sondern für schlechten Unterricht. Es gibt in Deutschland ungefähr 380 000 Hochbegabte - meinen Sie, die langweilen sich alle in der Schule? Zu den paar Hochbegabtenschulen, die wir haben, gehen doch nur etwa fünftausend Kinder.


Viele Einzelschicksale zeigen, dass ständige Unterforderung in der Schule in Verhaltensauffälligkeiten münden können. Von dort ist es bis zum kompletten Schulversager nicht mehr weit.

Dieser Mythos hat sich schon so weit herumgesprochen, dass viele Eltern glauben, mein verhaltensschwieriges Kind ist garantiert hochbegabt. Aber es ist ja nicht so, dass der Lehrer langweiligen Unterricht macht und, zack-bumm, das Kind ist verhaltensgestört. Das Wichtigste an der Hochbegabtenförderung ist eine vernünftige Lehrerförderung und -weiterbildung. Damit ist das meiste getan. Wenn der Lehrer einen guten, spannenden Unterricht macht, wird der Hochbegabte auch in seiner normalen Klasse hinreichend gefördert. Ältere Schüler können sich alle weiteren Anregungen sowieso selber holen, die sie brauchen - zum Beispiel über das Internet."

...
Die Fragen stellte Alex Westhoff.



Text: F.A.Z.

Freitag, 20. Juni 2008

Aus dem Überlebenshandbuch

Hausaufgaben
"Es ist interessant, dass es wenig eindeutigere Stellen bei Rudolf Steiner gibt als die, wo er über Hausaufgaben gesprochen hat, und er hat davon abgeraten, Es ist aber trotzdem so, dass gerade die Lehrer, die Steiner so gerne zitieren, wenn es um den Entwurf für Briefpapier für die Schule geht, an Gedächtnisschwund zu leiden scheinen, wenn sie versuchen, die vielen Hausaufgaben für ihre Schüler zu rechtfertigen.
Der Hauptbeweggrund der Waldorflehrer, die Hausaufgaben geben, ist das Zufriedenstellen der Eltern. Die Eltern hatten selber in der Regel eine konventionelle Schulbildung und, obwohl ihre Herzen der Waldorfmethode sehr verbunden sind, werden ihre Köpfe immer noch stark von ihren eigenen Schulerlebnissen beeinflusst. Wenn die Flitterwochen von Kindergarten und Klassen eins bis vier vorbei sind, dann werden sie unruhig, und sehnen sich nach der bequemen, bekannten "Sicherheitsdecke," zusammengeflickt aus Hausaufgaben, Prüfungen und Noten.
Es ist wie bei der Pünktlichkeit: wenn das Kollegium sich darüber einig wäre, Rudolf Steiners Vorschläge zu befolgen und keine Hausaufgaben zu geben, wären die Eltern im großen und ganzen einverstanden. Aber Waldorflehrer haben oft auch eine konventionelle, vielfach intellektuelle Bildung. Wenn sie im Stoff der höheren Klassen unsicher werden, dann greifen sie nach der gleichen Sicherheitsdecke!
Dann ist die Hausaufgabe eine Art Treffpunkt für Eltern und Lehrer?
Ein Treffpunkt, den man erreicht, indem man den Pfad des geringsten Widerstandes einschlägt! Es ist die Antwort des faulen Mannes auf die pädagogischen Bedürfnisse der älteren Schüler."
Quelle: Eugene Schwartz, Überlebenshandbuch für Waldorflehrer – Maroverlag 2006

Donnerstag, 12. Juni 2008

Säuglinge können an Gesichtern die Gefühle ablesen

wissenschaft.de - Eingebautes Alarmsystem


11.06.2008 - Psychologie

Eingebautes Alarmsystem


Schon mit drei Monaten können Babys Furcht in Gesichtern erkennen und auch deren Ursache ausmachen

Furcht im Blick eines Erwachsenen lenkt schon bei Kindern im Alter von drei Monaten die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand, den ihr Gegenüber fixiert: Er löst im Gehirn der Kleinen eine viel stärkere Reaktion aus als ein Objekt, das zuvor mit einem neutralen Gesichtsausdruck angeschaut wurde, haben Forscher aus Leipzig und New York nachgewiesen. Damit nutzen Kinder schon sehr viel früher als angenommen sogenannte soziale Referenzen – Hinweise und Signale, die aus dem Verhalten anderer Menschen abgeleitet werden. Bisher hatten Forscher vermutet, diese Fähigkeit entwickle sich nicht vor dem Ende des ersten Lebensjahres.



Normalerweise, schreiben die Wissenschaftler, werden Studien mit kleinen Kindern auf Basis von deren Verhalten ausgewertet. Unerwartetes quittieren die Kleinen beispielsweise damit, dass sie es länger anschauen als etwas, an das sie bereits gewöhnt sind. Dazu ist es jedoch nötig, dass die Kinder sich koordiniert bewegen können – und dazu sind sehr junge Säuglinge noch nicht in der Lage. Aus diesem Grund entschieden sich Höhl und ihre Kollegen für einen anderen Ansatz: Sie maßen mit Hilfe von Elektroden die Hirnströme ihrer jungen Probanden und werteten anschließend aus, wie ausgeprägt bestimmte Signale in den verschiedenen Studiensituationen waren.

Auf einem Monitor wurde den Kindern dazu zum Beispiel ein Gesicht gezeigt, dessen Blick auf einen ihnen unbekannten Gegenstand gerichtet war. In einem Teil der Tests trug das Gesicht dabei einen angstvollen Ausdruck, während es in anderen Versuchen eine völlig neutrale Miene zeigte. Anschließend erschienen nur die zuvor gesehenen Gegenstände ohne das Gesicht auf dem Display. In den Hirnstrommessungen fand sich der Unterschied zwischen diesen beiden Situationen eindeutig wieder, entdeckten die Forscher. Vor allem in der rechten Hirnhälfte folgten dem furchtsamen Blick sehr viel ausgeprägtere Signale als dem neutralen – die Kinder richteten ihre Aufmerksamkeit also deutlich mehr auf den angstvoll betrachteten Gegenstand als auf den anderen.

Die Kleinen können demnach bereits emotionale Gesichtsausdrücke wahrnehmen, sie interpretieren und zudem nur auf Basis der Blickrichtung eine Verbindung dieser Emotionen mit Objekten herstellen, schließen die Forscher. Im Gehirn ist dafür wohl hauptsächlich die Amygdala verantwortlich, die auch bei Erwachsenen für das Registrieren und die Interpretation von emotionalen Signalen sowie die Kontrolle der Aufmerksamkeit zuständig ist. Aus Sicht der Evolution betrachtet sei es sinnvoll, dass diese Fähigkeit schon so früh angelegt ist – schließlich sei das Erkennen einer Bedrohung überlebenswichtig. Die Wissenschaftler wollen nun testen, ob auch andere Emotionen als Angst solche Reaktionen bei den Kleinen hervorrufen.


Stefanie Höhl (Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig) et al.: PLoS ONE, Bd. 3, Artikel e2389

ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel

Dienstag, 10. Juni 2008

ADHS: Mancher bleibt ein Leben lang Zappelphilipp

Bitte unbedingt auch den allerletzten Absatz lesen!
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ADHS: Mancher bleibt ein Leben lang Zappelphilipp - Nachrichten Wissenschaft - Medizin - WELT ONLINE

3. Juni 2008
Von Lajos Schöne



Vier bis fünf Prozent aller Kinder leiden am Hyperkinetischen Syndrom, auch ADHS genannt: Sie kaspern und zappeln, sind unkonzentriert, überdreht und flippen schon bei Kleinigkeiten aus. Bei jedem dritten Kind wächst sich das Syndrom nicht aus – Hyperaktive Erwachsene sind oft chaotisch, launisch und sprunghaft.


Hoffmann,Zappel-Philipp
Foto: pa


Jeder dritte Zappelphilipp bleibt ein Zappelphilipp.
Die Hoffnung, das Problem werde sich mit der Zeit schon geben, geht leider nicht immer in Erfüllung. Ein bis zwei Drittel der Betroffenen haben auch noch als Erwachsene mit ADHS zu kämpfen. Sie entwickeln sich zu zerstreuten, sprunghaften und launischen Chaoten.


Im Erwachsenenalter liegt häufig eine Kombination aus Konzentrationsschwäche und gestörter Aufmerksamkeit und Impulsivität vor, berichten die Freiburger Psychiater Alexandra Philipsen, Bernd Heßlinger und Professor Ludger Tebartz van Elst im „Deutschen Ärzteblatt". Dabei seien verschiedene Schweregrade möglich: „Die Störung kann gering ausgeprägt sein und erscheint dann eventuell nur als Variante ‚normaler' Persönlichkeitsmerkmale. Sie kann aber auch zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensführung führen. Man findet bei ADHS deutlich erhöhte Raten für frühe ungeplante Schwangerschaften, Geschlechtskrankheiten, Verkehrsunfälle, Scheidungen, niedrigere Bildungsabschlüsse, häufige Arbeitsplatzwechsel und Arbeitslosigkeit."


Noch in den 90er-Jahren wurde ADHS als eine Störung bei Kindern und Jugendlichen angesehen. Mittlerweile werden an mehreren universitären Spezialambulanzen betroffene Erwachsene untersucht.
Die mangelhafte Kontrolle seiner Affekte macht dem erwachsenen Zappelphilipp in Beruf und Partnerschaft oft schwer zu schaffen. In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) zur Diagnose und Behandlung der ADHS im Erwachsenenalter heißt es dazu: „Der Patient (und sein Partner) berichten von andauernder Reizbarkeit, auch aus geringem Anlass, verminderter Frustrationstoleranz und Wutausbrüchen. Gewöhnlich sind die Wutanfälle nur von kurzer Dauer. Eine typische Situation ist die erhöhte Reizbarkeit im Straßenverkehr im Umgang mit anderen Verkehrsteilnehmern. Die mangelhafte Affektkontrolle wirkt sich nachteilig auf Beziehungen zu Mitmenschen aus."
Die Patienten sind an ihrer motorischen Unruhe zu erkennen: Sie trommeln mit den Fingern oder wippen mit den Füßen, laufen nicht langsam, sondern eher schnell. Sie fühlen sich unwohl, wenn sie längere Zeit ruhig sitzen sollen. Häufig haben sie eine schwer lesbare, unter Zeitdruck zunehmend undeutlicher werdende Schrift.


Als sehr störend empfinden es Mitmenschen, dass die Patienten ständig in Gespräche reinplatzen und dazwischenreden. Viele Zappelphilippe können auch als Erwachsene nicht lange bei einer Sache bleiben. Wegen ihrer gestörten Konzentration lesen sie kaum Bücher und überfliegen in der Zeitung oft nur die Überschriften. Sie sind vergesslich und mit ihren Gedanken scheinbar ständig woanders. Typisch ist das häufige Liegenlassen von Gegenständen und Vergessen von Aufträgen. Der erwachsene Zappelphilipp neigt zu ausgeprägter Unordnung und Chaos am Arbeitsplatz und im Haushalt.
Zur Behandlung der erwachsenen ADHS-Patienten empfehlen die Leitlinien der Psychiater eine Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie. Dank einer Psychtherapie können die Patienten eine Struktur in ihr Leben bringen. Als Arzneien kommen für sie sogenannte Stimulanzien infrage.
„Medikament der ersten Wahl ist nach den deutschsprachigen Leitlinien Methylphenidat", schreiben die Freiburger Forscher. „Nach den vorliegenden Metaanalysen ist die Wirksamkeit von Methylphenidat als sehr gut zu bewerten." Allerdings muss es immer genommen werden – nach dem Absetzen treten die Symptome meist wieder auf. . . .


Viele erwachsene Zappelphilippe haben eines gemein: Wenn etwas sie besonders interessiert, können sie sich regelrecht „zusammenreißen“ und sich diesem Problem äußerst intensiv und anhaltend widmen („Hyperfokussierung“). Ihre oft hohe Kreativität befähigt die zerstreuten Chaoten in manchen Berufen zu großen Leistungen. Viele Erwachsene mit ADHS arbeiten als Manager, Vertreter, Verkäufer, Politiker, Moderatoren, Entertainer, Künstler, Wissenschaftler und Erfinder. Mozart soll ebenso ein später Zappelphilipp gewesen sein wie Albert Einstein oder Salvador Dali. US-Psychologen vermuten, dass auch Ex-Präsident Bill Clinton ein erwachsener Zappelphilipp ist.



ADHS: Mancher bleibt ein Leben lang Zappelphilipp - Nachrichten Wissenschaft - Medizin - WELT ONLINE

Freitag, 6. Juni 2008

Mädchen - Mehrheit im Klassenzimmer

Mädchen wirken positiv

In den letzten Jahren ist die Koedukation, der gemeinsame Unterricht von Jungen und Mädchen, immer wieder in die Diskussion gekommen. Manche wollten sie ganz oder teilweise abschaffen, um den Mädchen ein besseres Lernen in den Naturwissenschaften zu ermöglichen. Andere sahen die Jungen als Bildungsverlierer und wollten eine gezielte Förderung von Jungen eventuell in einem speziellen Jungen Unterricht oder einer Jungenschule. Und wieder andere waren aus religiös kulturellen Gründen ohnehin gegen Koedukation.

Jetzt hat ein israelisches Forscherteam die Wirkung von Mädchen auf die Schulleistung aller Schüler im Klassenzimmer untersucht. Das überraschende Ergebnis ihrer unveröffentlichten Studie: Mädchen im Klassenzimmer sind gut für den Schulerfolg aller. Am besten ist sogar, wenn Mädchen die Mehrheit in der Klasse bilden. Eine Mädchen-Mehrheit von 55 Prozent führt insgesamt zu besseren Schulleistungen der ganzen Klasse und zu weniger Gewalt im Klassenzimmer, wie Analia Schlosser und ihr Kollege Victor Lavy bei ihrer Untersuchung von Schulklassen in der Grundschule, der Mittel und Oberstufe feststellten.

Quelle:Erziehungskunst 6/2008

Freitag, 23. Mai 2008

Zeugnisse

Zeugnisse schreiben – Freud oder Leid?


Wenn man sich in der Waldorflehrerschaft umhört, dann hat man manchmal das Gefühl, dass „für eine große Zahl der Lehrer die Zeugnisse ... eine ... Last geworden sind“ wie Steiner es schon 1924 (s.u.) einmal formulierte.

Wie ein fast unüberwindlicher Berg türmt sich diese Arbeit vor manch einem pflichtbewussten Waldorflehrer auf. Bei unseren Waldorfklassen, in denen häufig über 30 Kinder sind, kann allein die physische Schreibarbeit dem Lehrer oder der Lehrerin erhebliche Schmerzen verursachen. Der Zeitdruck verstärkt den Stress und die Anspannung. Dann will man vor den Sommerferien noch Klassenfahrten und Ausflüge durchführen. Meist gehört auch ein Johannifest und eine letzte Monatsfeier zu den normalen Aufgaben, die besonders die Klassenlehrer zu verantworten haben.

Die Fachlehrer wiederum betreuen verschiedene Klassen und die Anzahl ihrer Zeugniseinträge übersteigt oft schnell die Hundert und überschreitet gelegentlich auch die Zweihundert.

Wie kann man diese große Aufgabe bewältigen? Wie kann man sie ordentlich erledigen? Wie kann man dem Zeugnisschreiben mehr positive Aspekte abgewinnen?


Die Länge der Texte


Grundsätzlich stellt sich die Frage, müssen die Texte so lang sein, wie man sie häufig vorfindet? Könnte nicht auch weniger oder kürzer, mehr sein oder mehr bewirken?

Die Länge der Zeugnisse kommt besonders daher, dass man für den Hauptunterricht z.B. über alle Epochen eines Schuljahres im Zeugnis berichtet. Und im Fachunterricht ist es so, dass gewissermaßen jeder Fachlehrer das Zeugnis in „seinem eigenen Kämmerchen“ schreibt. Dabei will jeder in aller Kürze ganz viel Wichtiges ausdrücken. So addieren sich in den Zeugnissen die vielen Texte und Aussagen der verschiedenen Lehrer zu einer großen Fülle. Aber die Frage ist, inwieweit sich die Einzelheiten zu einer Gesamtheit oder zu einer Einheit zusammenschließen.

Liest man z.B. mehrere Hauptunterrichts-Zeugnisse einer Klasse nacheinander durch, dann kann man häufig feststellen, dass sie schematisch aufgebaut sind: Man findet oft eine Einleitung, die das allgemeine Verhalten eines Schülers charakterisiert, dann wird Epoche für Epoche beschrieben. Ähnlich können auch die Fachzeugnisse aufgebaut sein.

Nun ist es ja so, dass die Zeugnisse in erster Linie für die Eltern geschrieben werden. Diese sollen das alles lesen und angemessen aufnehmen. Der Effekt ist aber für die Eltern der, dass je mehr Aussagen in einem Zeugnis getan werden, desto mehr verliert die Einzelaussage an Gewicht. Man kann die Wirkung der Zeugnisse durchaus einmal von der psychologischen Seite aus betrachten. Viele Zeugnisse sind verwirrend. Es steht so viel darinnen, dass man als Vater oder Mutter am Ende nicht mehr weiß, was man am Anfang gelesen hat. Für das, was die Lehrerschaft häufig mit den Zeugnissen beabsichtigt, bräuchte man eigentlich besonders geschulte Eltern, die die Inhalte in richtiger Weise studieren, verdauen und verarbeiten können.

Der zunehmende Einsatz des Computers unterstützt noch die Tendenz zu immer längeren Texten und vermehrt so die Arbeit für Lehrer und Eltern.

Welche Wege man beschreiten könnte, um die Wirkung der Zeugnisse effektiver zu machen und die Arbeit für den Lehrer in einer anderen Art zu gestalten, dafür sollen in den nachfolgenden Ausführungen einige Anregungen gegeben werden, die sich aus den Hinweisen Rudolf Steiner ableiten lassen.



Biographisches über das Jahr


Zunächst ein paar vom Inhalt her meist bekannte, grundsätzliche Äußerungen Steiners zum Thema „Textzeugnisse“.

Im „Weihnachtskurs für Lehrer“ gehalten in Dornach charakterisiert er am 30.12.1921 die neuen Waldorfzeugnisse in folgender Weise:


Das Kind bekommt, wenn es am Schluss des Jahres in die Ferien geht allerdings ein Zeugnis. Da steht aber eine Art vom Lehrer ganz individuell für das Kind verfasstes Spiegelbild drinnen, etwas Biographisches über das Jahr, und es hat sich überall gezeigt, die Kinder nehmen das mit einer großen Befriedigung auf. Sie lesen da ihr Bild, das man entwirft mit einem entsprechenden Wohlwollen, aber durchaus nicht gefärbt, nicht etwa, dass man etwa irgendwelche Schönfärberei dabei übt. Sie nehmen das mit einer großen Befriedigung hin. Und dann lassen wir einen Spruch folgen, ganz individualisiert für jedes Kind, den jedes Kind in sein Zeugnis hineingeschrieben bekommt. Und dieser Spruch bildet dann für das nächste Jahr eine Art Lebensgeleitspruch. Das ist etwas, was sich, wie ich glaube, schon bewährt hat und auch später noch bewähren wird, mag man es auch sonst nach einem in den letzten Jahren in Deutschland beliebt gewordenen Ausdrucke „Zeugnisersatz» nennen.“ (GA 303, S. 155)



Etwas später (22.6.1923) äußert er sich in einer Ansprache vor Eltern in der ersten Waldorfschule in Stuttgart über die Zeugnisse und betont dabei den Aspekt der Begegnung zwischen Lehrern und Eltern, die in der Waldorfschule eine große Bedeutung habe. Dahinter steht die Tatsache, dass zur damaligen Zeit das Interesse vieler Eltern an der Schule weitaus geringer war als heute. Das staatliche Schulwesen war damals noch autoritärer geprägt als heute und deshalb war auch in der Waldorfschule die Zurückhaltung der Eltern größer, als man das von heute kennt.



Sie wissen, wir geben nicht solche Zeugnisse mit den üblichen Noten wie an öffentlichen Schulen. Wir versuchen, das Kind zu charakterisieren, auf die Individualität einzugehen. Erstens: Sitzt ein Lehrer über der Gestaltung der Zeugnisse und ist sich seiner Verantwortung bewusst, so tritt ihm Rätsel über Rätsel vor das seelische Auge, und er wägt jedes Wort, das er prägen soll. Eine große Erleichterung ist es ihm dabei, wenn er den Eltern gegenübergestanden hat, nicht wegen der Vererbungsverhältnisse, um die sich heute allein der Materialismus kümmert, sondern er sieht die Umgebung, und alles erscheint dann erst im rechten Lichte. Dabei hat man nicht nötig, in indiskreter Weise die Eltern selbst zu beurteilen, sondern er will eben in freundschaftlicher Weise sich den Eltern gegenüberstellen. Wie ich einen Brief an Bekannte und Unbekannte anders schreibe, so auch die Zeugnisse über Schüler mit bekannten und unbekannten Eltern.


Zweitens sollte der Lehrer eigentlich sicher sein, dass ein liebevolles Interesse im Elternhause ruhen würde auf solchen

Zeugnissen...“ (GA 298, S.193)


Die ersten Entwicklungsschritte der Waldorfzeugnisse


Durchaus aufschlussreich ist es, die Entwicklung der Textzeugnisse anhand der Mitteilungen in den Konferenzen historisch nachzuvollziehen. Das Textzeugnis gehört wie die gesamte Waldorfpädagogik zu den revolutionärsten Neuerungen im Erziehungswesen überhaupt.

Nach der Begründung der ersten Schule in Stuttgart musste ein Weg gefunden werden, wie diese Zeugnisse gestaltet werden sollten. Da war die Frage, wie viele Zeugnisse es geben sollte. Zunächst spricht Steiner von zwei Zeugnissen: dem Zwischenzeugnis und dem Jahreszeugnis.

Wie man später einer Bemerkung Steiners entnehmen kann, scheint von Seiten der Eltern die Forderung nach einem Zwischenzeugnis nicht erhoben worden zu sein. So blieb es beim Jahreszeugnis. Hätten die Eltern nachgefragt, dann hätte es ein Zwischenzeugnis gegeben. Man verkennt oft, wie sehr Rudolf Steiner in vielen Dingen auf die Fragen und Bedürfnisse der Menschen um sich herum eingegangen ist. Er hat geradezu immer auf die Fragen gewartet und dann innovative Lösungen angeboten.

Heute kann man ein gesteigertes Informationsbedürfnis vieler Eltern über den Lern- und Entwicklungsstand ihrer Kinder erleben. Man sieht das an der Nachfrage nach Lehrersprechstunden oder Elternsprechtagen. So dass es vielleicht überlegenswert wäre, ob eine zeugnisartige Mitteilung an die Eltern im laufenden Schuljahr ganz abwegig ist. Gerade bei Eltern, mit denen man aus den verschiedensten Gründen nicht so leicht ins Gespräch kommt, könnte eine kurze Mitteilung zur Mitte des Schuljahres durchaus sinnvoll erscheinen. Die Mitteilung während der laufenden Arbeit hat einen ganz anderen Charakter als der Rückblick auf ein vollendetes Schuljahr. Vieles in dieser Hinsicht geschieht ja sowieso bei Elterngesprächen. Aber manche Eltern erreicht man leichter schriftlich.



Die erste Bemerkung zu Zeugnissen in den Lehrerkonferenzen findet man in der Konferenz vom 23.12. 1919:

Es wird nach Zeugnissen gefragt:

R.St.: „Da müsste festgestellt werden, was vorgeschrieben ist. Wir können zwei Zeugnisse geben, eines in der Mitte des Jahres als Interimszeugnis und eines am Ende des Schuljahres. In diesem Zeugnis soll, soweit das die geltenden Bestimmungen zulassen, nur allgemein über die Schüler gesprochen werden. Es soll der Schüler charakterisiert werden und nur dann, wenn ein Fach besonders bemerkenswert ist, soll das erwähnt werden. Es soll alles möglichst gut zensiert werden. ... Beim Übergang in eine andere Schule muss das testiert werden, was von der betreffenden Schule verlangt wird.“ (GA 300/1, S.116)


Ein Lebensdokument


Ein Waldorfzeugnis ist ja ein wichtiges Lebensdokument. Vielleicht machen wir uns manchmal die Bedeutung dieses Dokumentes nicht ganz deutlich. Wer ein wenig Erfahrung mit dem Erstellen eines Berufszeugnisses für einen betrieblichen Mitarbeiter hat, der weiß, wie vorsichtig man im Berufsleben mit einer schriftlichen Beurteilung eines Menschen sein muss. Jede negative Formulierung ist angreifbar, denn der Mensch fühlt sich schnell in seiner Würde verletzt. Auch in unseren Kindern macht sich immer stärker das Gefühl der eigenen Ichheit bemerkbar und die Würde des Kindes ist fast so verletzlich wie die eines Erwachsensen.

Nun macht es einen eminenten Unterschied, ob ich z.B. einen Tadel mündlich äußere oder ob ich ihn schriftlich niederlege. Hat man die Sache einmal „schwarz auf weiß“ oder eben „tintenkönigsblau auf weiß“ vor sich, dann ist sie wie manifestiert. Meine vergangenen Taten werden archiviert. Man kann sie nicht mehr abschütteln. Werden sie mündlich ausgesprochen, dann bleibt eine gewisse Freiheit. Letzteres wirkt mehr in die Zukunft, gibt Chancen und Hoffnungen.

Deshalb spricht im obigen Zitat Rudolf Steiner davon, dass alles möglichst gut zensiert werden soll. Dabei ist es wichtig, dass man mit den Eltern im Kontakt steht; natürlich auch mit den Schülern. Die Schüler sollen immer wissen, wie sie stehen. Hier ist ständig ein offenes Feedback gefordert.

Generell könnte man sagen: In der schriftlichen Mitteilung ist es günstiger, wenn alles von einem positiven Licht beleuchtet wird. Die schwierigeren Dinge übermittelt man besser mündlich im Elterngespräch.

In diesem Zusammenhang ist auch der Hinweis Rudolf Steiners (s.u) zu verstehen, dass das damals übliche Zeugnisheft – die Zeugnisformulare für die kommenden Schuljahre waren wohl in einem Heft bereits vorgedruckt zusammenfasst und wurden Jahr für Jahr ausgefüllt – perforierte Seiten enthalten sollte. Warum? Das Kind sollte die Möglichkeit haben, weniger schmeichelhafte, alte Zeugnisse herauszulösen und verschwinden zu lassen.



Fachzeugnisse und Hauptunterrichtszeugnis


Zunächst finden wir im obigen Zitat die Bemerkung, dass ein Fach nur dann erwähnt werden soll, wenn es besonders bemerkenswert ist. Es war also in der Entstehungszeit der Waldorfzeugnisse noch unentschieden, wie man die Fachunterrichte aufnehmen wird.

Nun ist die Frage des Zusammenklangs der Hauptunterichts- und der Fachzeugnisse eine ganz entscheidende. Wir Waldorflehrer sind ja als „Erziehungskünstler“immer wieder aufgefordert, alle Dinge auch künstlerisch anzugehen. So bietet es sich an, auch beim Zeugnisschreiben ein wenig künstlerisch vorzugehen. So ist der Klassenlehrertext wie der Stamm eines Baumes, aus dem dann noch viele Äste sprießen, die Fachzeugnisse. Wie die Äste organisch zum Baum gehören und seiner Gestaltungskraft entsprechen, so sollten auch die Fachzeugnisse mit dem Hauptunterrichtszeugnis zusammenklingen. Ein jeder Baum hat natürlich starke und tragende Äste neben kleineren und schwächeren; so hat ein Kind stärkere oder schwächere Neigungen. Aber eine Eiche kann eigentlich keinen Birkenast hervorbringen. Wenn das im Zeugnis so erscheint, dann hat man irgendwo die Individualität des Kindes nicht erfasst oder ist nicht auf sie eingegangen. Der Choleriker bleibt z.B. immer cholerisch, im Schreiben genauso wie in der Eurythmie. Auch wenn er in dem einen Fach Unordnung hervorbringt und im anderen Großes leistet. Aber wenn jeder Lehrer nicht nur auf das Äußerliche eingeht, sondern immer auch mit Ehrfurcht und Liebe die Individualität eines Kindes ein klein wenig hindurchleuchten lassen kann, dann wachsen die Inhalte von alleine zusammen.

Steiner dachte es sich so, dass zunächst der Klassenlehrer den Haupttext schreibt, dann die Fachlehrer sich organisch anschließen.

In der Praxis ist es meistens so, dass fast alle Kollegen ihre Zeugnisse für sich zu Hause schreiben und später wird alles zusammengefügt. Ob die Dinge dann zusammenklingen, ist so eher dem Zufall überlassen. Es kann natürlich sein, dass Klassen- und Fachlehrer so häufig zusammensitzen, dass alle ein gemeinsames Bild eines jeden Schülers haben. Dann wird man das auch in den Zeugnissen spüren.

Sollte aber das Zeugnis ein einheitliches Bild des Schülers abgeben, dann ist es hilfreich, wenn zuerst der Klassenlehrer seinen Text den Fachlehrern zur Kenntnis geben kann, und diese anschließend ihr Bild des Kindes formulieren würden.





Bemerkungen in der Konferenz vom 14.6.1920:

Es wird nach den Zeugnissen gefragt.

Dr. Steiner: „Wir sprachen schon einmal darüber. Man müsste schon einzelnes hervorzuheben versuchen, aber nicht in pedantischer Weise. Man müsste versuchen, vielleicht doch am Anfang nur die Personalien zu haben, und dann für jedes Kind zu individualisieren. Dass man zum Beispiel schreibt: "E. liest gut, erzählt anregend", und so, dass man sich selbst den Text bildet. Einen Satz, der frei gegeben ist und in dem man das unterstreicht, was sonst als einzelne Fächer gegeben ist. Vielleicht ist es notwendig, alle Fächer anzuführen, vielleicht nicht. Ich würde das Zeugnis so drucken, dass es nur einen Kopf hat: "Freie Waldorfschule, Jahreszeugnis des Schülers . .“und in der Mitte Platz, dass man schreiben kann.

Jeder wird nach seinem Genius den Schüler charakterisieren. Wenn mehr Lehrer in Betracht kommen, muss jeder einschreiben. Aber es wäre wünschenswert, dass sich die einzelnen Aussagen nicht allzu stark widersprechen; wenn der eine sagt: "Er liest ausgezeichnet", der andere auch etwas sagt, was dem entspricht. Nicht wahr, es fängt einer an, den Schüler zu charakterisieren, derjenige, der sein Klassenlehrer ist. Die anderen schließen sich an. Es kann nicht gut der Klassenlehrer schreiben: "Es ist ein ausgezeichneter Junge", und dann schreibt jemand anderes: "Das ist ein kleines Scheusal." Das muss man schon verschmelzen. .....


X.: Ist eine Kontrolle nötig, dass die Zeugnisse vorgezeigt werden?

Dr. Steiner: „Ich würde einfach die Einführung machen, dass die Eltern, welche wünschen, dass ihre Kinder wieder aufgenommen werden sollen, ihren Namen unter das Zeugnis des vorigen Jahres setzen mögen. Wenn sie nicht mehr kommen, brauchen wir darüber keine Vorschrift zu machen. Wenn sie wiederkommen wollen, sollen die Eltern den Namen daruntersetzen. Es ist ja gegangen ohne Zwischenzeugnis. Ist das verlangt worden von den Eltern, ein Zwischenzeugnis?

Ja, das Kind meldet sich und bringt das Zeugnis, bekommt es am Ende des Jahres wieder, wenn es schon ein Heft ist. Gewiss kann es ein Heft sein, perforiert. Nehmen Sie an, ein Kind ist anfangs schlecht, man muss ihm Tadel hineinschreiben, und es wird dann später besser, dann hat es vielleicht ein Interesse daran, die vorhergehenden Zeugnisse wegzunehmen: also perforiert.

Da kann man ja etwas, was nicht ganz lobend ist, schreiben. Sie können nicht diesen beiden Kindern das Zeugnis ausstellen, dass sie ausgezeichnet schreiben, aber man kann es schon so fassen, indem man, ohne zu zensieren, charakterisiert, wie weit das Kind im Schreiben ist. Bei dieser kleinen M., da würde ich schreiben: "Hat es noch nicht weiter gebracht, als zum mühsamen Nachschreiben einfacher Worte, wobei das Kind sehr häufig unnötige Striche an die Buchstaben anfügt." Die Kinder charakterisieren!“ (GA 300/1, S.147 f)



Tadelnde Äußerungen


Es kann vorkommen, dass man in einem Zeugnis liest, dass das Kind eine schlechte Schrift habe und sein Epochenheft nicht schön führt. Solches schreibt der Klassenlehrer. Bei den Fremdsprachen finden sich dann ähnliche Formulierungen. Ein Jahr später wiederholen sich diese Bemerkungen. Und so geht es Jahr für Jahr weiter.

Vielleicht meinen die Lehrer des Kindes, dass es wichtig sei, den Eltern dies immer wieder mitzuteilen, und erhoffen sich wohl auch Hilfe oder Einflussnahme auf das Kind.

Man verkennt dabei die Möglichkeiten der Eltern wirklich entscheidend in dieser Angelegenheit auf ihre Kinder einzuwirken. Eltern können dafür sorgen, dass das Kind lernt, sein Zimmer ordentlich aufzuräumen, aber Epochenheftführung und Schriftbild sind eher schulische Übungsfelder.

Die Folge immer wiederkehrender negativer Formulierungen in den Zeugnissen ist gelegentlich, dass sich die Eltern über die Kinder ärgern, ohne das Problem angehen zu können. Sie schimpfen oder tadeln und natürlich hat das wenig positive Wirkung auf die kindlichen Fähigkeiten.

In einer nächsten Stufe stumpfen manche Eltern gegen solche Bemerkungen ab und lesen darüber hinweg.

Und in einer weiteren Stufen beginnen sie sich über die Lehrerschaft zu ärgern, dass sie nicht in der Lage ist, dem Kind die Fertigkeiten beizubringen, die sie von dem Kind erwartet. Daher kann es sinnvoll sein, sich zu überlegen, wie stark und wie oft man tadelnde Äußerungen in Zeugnissen formuliert. Wirkungsvoller könnte es sein, in einem Zeugnis die Sache einmal humorvoll zu charakterisieren.




Konferenz vom 26.5.1921

Dr.Steiner: „...Nun möchte ich Sie fragen, ob wir die Zeugnisse wieder so ausstellen wie im vorigen Jahr. Es ist eine gute Art Zeugnisse so auszustellen. Genau so, wie im vorigen Jahr.

X.: Wir haben sie optimistisch gehalten.

Dr. Steiner: Es handelt sich darum, dass man die Sätze richtig fasst. Wenn man nicht gut individualisiert, was schwierig ist, dann wird man, wenn man die Sätze zu streng formuliert, sehr viele zurückstoßen. Es würde sich schon darum handeln, wenn jemand ein großer Nichtsnutz ist, dass man schreibt, es wäre dringend zu wünschen, dass er im nächsten Jahr sich zusammennähme. In der Formulierung würde manches liegen. Auch Mängel positiv ausdrücken aber in bezug auf die Formulierung streng sein.

Da sind wir einig, dass wir die Zeugnisse ausstellen wie im vorigen Jahr. Ein möglichst treues Bild. Unten wiederum für jedes Kind einen Spruch ins Zeugnis, der für die Individualität des Kindes richtunggebend sein kann, als Leitmotiv für die Zukunft. Nun würde ich doch gerne haben, da das Kind dieses Zeugnis behält, dass auf jedem Zeugnis alle Lehrer unterschreiben, die tätig waren an dem Kinde. Gerne würde ich haben wollen, dass jedes Kind alle Unterschriften hat. Es ist nicht unbedeutend, dass die Kinder alle Unterschriften haben von den Lehrern, die an dem Kinde gearbeitet haben. Es soll der Name des Klassenlehrers daraufstehen und dabei auch stehen "Klassenlehrer“ so dass das Kind weiß: zu dem gehört es; und die anderen stehen darunter. Es wäre gut, wenn der Lehrer selbst den Text schreibt, der Klassenlehrer den längsten, und jeder andere Lehrer eine kurze Bemerkung. GA 300/1, S.284 f)




Sachlich charakterisieren und bildhaft beschreiben


Besonders gerne werden von Eltern Zeugnisse aufgenommen, in denen es der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer gelingt, das Kind im Rahmen eines Bildes zu charakterisieren: „Wie ein Wanderer, der aus unbekannten Gegenden seltene Edelsteine mitgebracht hat, so erscheint er. Die kostbarsten Steine hält er noch verborgen, um sie erst auszubreiten, wenn es an der Zeit ist. ...Glockenklar und kräftig erklingt die Stimme beim Rezitieren, wie ein reiner Kristall.... Manche Steine müssen natürlich noch poliert und bearbeitet werden. Diesen Eindruck hat man, wenn man in das Heft der letzten Schreibepoche blickt. Immer wieder rutschen die Buchstaben unter die Zeilenlinie herunter. Manchmal hat man gar Angst, sie könnten aus dem Heft purzeln...“

Man mag diese Schilderung für verbesserungsfähig halten. Aber dem Leser hilft das rote Band des Bildes, das hier verwendet wurde, die Dinge im Gedächtnis zu behalten und das Kind zu verstehen. Es hat etwas Liebevolles und bleibt doch immer sachlich, auch bei den Dingen, die noch zu verbessern sind. Hinzukommt noch der ganz leise Humor, der sich in der Schilderung ausdrückt.

Es wird nicht geschrieben, dass die Schrift nicht gut sei, sondern es wird wertungsfrei beschrieben, was an der Schrift tatsächlich zu beobachten ist.

Dies ist überhaupt der grundsätzliche Schlüssel für die Zeugnis-Charakterisierungen: Die sachliche Beschreibung der Wahrnehmungen. Die Bewertung der Dinge können dann ganz in den Hintergrund treten: „Er liegt meist mit dem Oberkörper auf dem Tisch und die Füße baumeln hinten über die Stuhllehne...“ , statt: „Er sitzt nie ordentlich auf seinem Stuhl.“


Konferenz vom 2.6.1924

Eine Frage wegen der Zeugnisse.

Dr. Steiner: Über Zeugnisse ist nicht gar so viel zu sagen. Wie wir das erste Schuljahr hatten in der Waldorfschule, war es so, dass die Zeugnisse wirklich reizend waren. Es war neu, einmal nicht mit Noten, sondern mit eigener Ausführung die Schüler zu bewerten. Von vielen Seiten wurde das als ungeheuer wohltätig empfunden. Die Sätze sind mit ungeheurer Liebe formuliert. Wenn Sie diese Zeugnisse heute vornehmen, sie sind aus Liebe formuliert.


Als ich aus Anlass der einen Beschwerde die Zeugnisse anschaute fand ich, dass nach und nach die Sache so gekommen ist, dass für eine große Zahl der Lehrer die Zeugnisse ebenso eine solche Last geworden sind, wie draußen in den Schulen, dass man froh ist, wenn man das hinschreibt. Es ist so, dass man sieht, dass keine Liebe mehr darauf verwendet ist. In der trockensten Prosa sind die Dinge formuliert worden. Da ist es schon besser, wir führen 4, 3, 2, 1 ein. Wir müssen mehr Sorgfalt darauf verwenden, in die Formulierung mehr Phantasie hineinzulegen. Mehr Fleiß und Liebe sind anzuwenden, sonst artet es aus, so dass jemand zum Beispiel schreibt: "Kann zwar noch nichts, wird aber schließlich besser gehen“, „benimmt sich ziemlich mangelhaft", und so weiter. Das hat keinen Sinn mehr, ich habe ja nichts dagegen; wenn es als eine zu große Last empfunden wird, so müssen wir in den sauren Apfel beißen und schulmäßige Zeugnisse ausstellen. Das wäre aber schade. Wenn offenbar in den letzten acht Tagen irgendetwas hingeschrieben wird, das dürfte sich nicht einstellen. Es lassen sich nicht Regeln angeben, sonst müsste für jeden Schüler eine besondere Regel da sein. ...


R.St.: „...Man schreibt doch das Zeugnis für diejenigen, welche über das Kind etwas erfahren sollen. Dem Kinde kann man auf viel direktere Art im Laufe des Jahres das mitteilen, was man ihm zu sagen hat. Das Zeugnis sollen die anderen lesen! Dies Zeugnis gibt keine Vorstellung davon, dass der Junge doch das wichtigste Jahr seines Lebens verlebt hat, dass er am Ende des Jahres anders dastand als vorher. Was die positiven Dinge sind, das geht nicht daraus hervor. Um ein solches Zeugnis zu bekommen, hätten wir ihn nicht auf die Waldorfschule bringen müssen. Gewiss kann man sich aufs Schulmeisterross setzen. Wir sollen doch weltmännisch sein.

Die Zeugnisse müssen mit mehr Liebe verfasst werden. Sie sind nicht mit Liebe verfasst. Auf die Schülerindividualität muss man mit mehr Liebe hinsehen. Selbst äußerlich ist dieses Zeugnis schlampig. So etwas schaut schlecht aus. Ein Zeugnis sollte übersichtlich und sauber aussehen. Es wird Kinder geben, wo man veranlasst ist, über die innere Entwickelung zu schreiben. Wenn unsere Einrichtungen so versagen, wäre es besser, wir machen nichts Riskantes. ich fürchte, es wird noch schlimmer werden, weil doch die Sorgfalt für eine solche Individualität nicht da ist. (GA 300/3, S. S.167-9)



Diese Äußerungen Steiners sind sehr deutlich und bewegend. Hilfreich für uns Lehrer ist doch immer dieser Gedanke, dass das Kind mit jedem Schuljahr das wichtigste Jahr seines Lebens in der Schule verbringt oder verbracht hat. Es ist gut, wenn im Zeugnis deutlich wird, wie es sich von Schuljahr zu Schuljahr insgesamt weiterentwickelt hat. Wenn das nicht zu spüren ist, dann muss die Frage entstehen, was die Lehrerschaft ein ganzes Jahr lang für das Kind unternommen hat.


Praktische Vorgehensweise


Besonders hilfreich ist es, wenn man sich während des ganzen Schuljahres immer wieder bei der Nachbereitung am Nachmittag Notizen zu einzelnen Kindern macht. Dabei sind vor allem die Beobachtungen im alltäglichen Unterricht wichtig, wo man gewissermaßen das individuelle Wesen des Kindes wie an einem Zipfel zu fassen bekommt. Man lässt z.B. Kinder in irgendeiner Jahrgangsstufe im Unterricht zur Tafel kommen und eine Aufgabe vorrechnen. Dann hat man in der Art und Weise, wie ein Kind zur Tafel kommt, ob es zögerlich oder zügig aufsteht, ob es fest auftritt oder tänzelt, wie es die Kreide anfasst, wie es den Strich beim Schreiben führt, wie es die Aufgabe löst usw. das ganze Wesen des Kindes ausgebreitet.

Man kann sich diese Dinge meist nur von wenigen Kindern merken, nur bei einigen ist dieser Vorgang auch sehr ausdrucksstark. Bei anderen kann es sein, dass man beim Malen oder im Turnen einen besonderen Eindruck hat. Aber man mache sich am Nachmittag zu einer solchen Offenbarung gleich einige Notizen.

Aus ihnen kann man später mühelos ein gutes Zeugnis entwickeln. In der konkreten, lebendigen Schilderung eines einzigen Vorganges, charakterisiert man gleichzeitig das allgemeine Verhalten des Kindes, seinen Bewegungsduktus, seine Schrift und seine Rechenkenntnisse. Man das dann weiterentwickeln, indem man anknüpft und erwähnt, dass das Kind, so wie es in dem geschilderten Fall an der Tafel geschrieben hat, auch seine Epochenhefte geführt hat. Dass es mit der gleichen Kraft, die im Auftreten seiner Füße lag, Formenzeichnen oder Geometrie betrieben hat. Von einer zentralen Schilderung aus kann man dann nach allen Seiten die anderen Dinge herauswachsen lassen. Es ist gut wenn alles im Zusammenhang steht, denn dann hat man etwas vom Wesen des Kindes erfasst und gibt es an die Eltern weiter. Diese Vorgehensweise hat auch immer etwas Künstlerisches. Und jedes Kind, jeder Mensch ist in Wahrheit ein Kunstwerk und alles bei ihm steht in einem Zusammenhang.

Bei dieser Vorgehensweise braucht man nicht auf alle einzelnen Hauptunterrichtsepochen ausführlicher einzugehen, sondern man kann dann mit ganz knappen Worten anfügen, dass das Kind in ähnlicher Weise auch in den anderen Epochen mitgearbeitet hat. Es kann reichen, die restlichen Epochen in jeweils einem Satz zusammenzufassen.

Bei einem Baum wird man auch nicht jedes einzelne Blatt beschreiben, um ein anschauliches Bild zu vermitteln, sondern mit der Schilderung eines einzigen Blattes hat man schon den Typus erfasst, die anderen Blätter sind dann nur die Variationen des Typus.

Diese Art des Zeugnisschreibens könnte man als eine goetheanistische bezeichnen. In einzelnen Phänomenen drückt sich gewissermaßen das ganze Wesen aus. Die Frage ist nur, einen Ansatzpunkt zu finden. Manchmal braucht es dafür auch eine Eingebung. Es ist das, was Rudolf Steiner andeutet,dass uns Rätsel über Rätsel vor das seelische Auge tritt“. Vor dem Zeugnisschreiben, stehen wir wie vor zwei bis drei Dutzend ungelösten Rätseln. Aber wenn man um die Lösung ringt, dann kommt man innerlich ganz nah an die Kinder heran. Lässt man sich auf diesen zunächst riskanten Prozess ein, dann wird man bei jedem Zeugnisschreiben ein wenig diese Rätsel lösen. Und das ist beglückend. So hört man eben auch von Waldorflehrern, wie sie sich über das Zeugnisschreiben freuen und wie sie hinterher reicher dastehen als vorher.


Dieter Centmayer

Freitag, 16. Mai 2008

Diktatur der Unschuldigen

Von Elke Schmitter

Aus: Spiegel - Online



Wie stellen die Deutschen sich eine gute Kindheit vor? Immer mehr Eltern verzweifeln an ihren kleinen Tyrannen. Der Bestseller eines Psychologen befeuert die Debatte um die richtige Erziehung.
Ein Gespenst geht um in Deutschland. Es ist klein und aus Fleisch und Blut, doch wenn es nachts in der Zimmertür steht, sind die Eltern hilflos gegen Geschrei und Nörgelei, die alles Hätscheln und Kosen, alle Nachgiebigkeit und Liebe nicht verhindern können.


Gehätschelte Kinder in der Freizeit: Nie gab es so wenige, und nie war die Sorge um sie so groß
In der Schule wird es nicht zuhören und nicht still sitzen können, sondern die Lehrerin quälen, und nach vielen erfolglosen Versuchen, es zu einem glücklichen Kind zu machen, wird man ihm etwas namens Ritalin geben müssen, das wie ein Wunder dafür sorgt, dass es sich konzentrieren kann. Und vielleicht wird ja der Psychologe, zu dem es einmal die Woche geht, die restlichen Verhaltensstörungen auch noch in den Griff kriegen.


Das Gespenst trägt den Namen "Kleiner Tyrann". Es ist derart gefürchtet, dass ein Buch mit dem Titel "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" des Autors Michael Winterhoff ein Bestseller geworden ist, von der "Bild"-Zeitung in Auszügen nachgedruckt. Das ist um so erstaunlicher, als das Buch ein wenig unbeholfen geschrieben ist und zugleich anspruchsvoll argumentiert; es ist ohne psychologische Vorbildung kaum verständlich und alles andere als ein Erziehungsratgeber.
Es trifft allerdings auf einen bloßliegenden Nerv, der pocht und klopft und schmerzt - und zwar nicht nur bei jenen, die Kinder haben oder mit ihnen umgehen. Die Frage, wie Kinder zu erziehen sind und wie es gelingt, sie zu guten Erwachsenen zu machen, treibt die ganze Gesellschaft um.
...
Quelle: Spiegel Online
...

Freitag, 2. Mai 2008

Die Pisa - Königin

Enja Riegel in Stuttgart

Aus einer Meldung in der "Erziehungskunst" 5/ 2008

...Es mutet schon ein wenig seltsam an, dass Deutschlands bekannteste Schulerneuerin, die frühere Leiterin der Helene-Lange-Schule, ... frank und frei verkündet, was sie alles von den Waldorfschulen abgeschaut hat....

...war es für viele Zuhörer in der Waldorfschule am Kräherwald wohltuend, von den Waldorf- Elementen zu hören, die zu diesem phönixhaften Aufstieg beigetragen haben...

Beim Zuhören musste man sich immer wieder vergegenwärtigen, dass die von ihr vollzogenen Veränderungen an einer staatlichen Schule stattfanden, die von den Freiräumen einer Schule in freier Trägerschaft nur träumen konnte. ...

Donnerstag, 24. April 2008

Freitag, 18. April 2008

REVOLUTION IM KÖRPER

In folgendem Artikel, sind weniger die sog. wissenschaftlichen Erkenntnisse bemerkenswert, viel mehr ist die Art, wie die menschenkundlichen Zusammenhänge geschildert werden, recht eindrücklich:


Der Jugendliche ... „hat das Gefühl, dass ihm die Welt fremd und die Menschen darin unverständlich geworden sind.

Kein Wunder: Während der Pubertät ist das Gehirn im Ausnahmezustand. Die pubertäre Großbaustelle Gehirn entdeckten Forscher mittels Hirnscans. Im Rahmen
einer Großstudie wurden über 15 Jahre lang die Gehirne von Jugendlichen regelmäßig durchleuchtet.

Ergebnis: In der Pubertät verändert sich das Gehirn in fast allen Bereichen. Vor allem die graue Substanz, verantwortlich für kognitive Aufgaben, wächst und verschaltet sich neu und damit verändert und entwickelt sich auch die Persönlichkeit. Der Umbau gleicht einer zweiten Geburt, kaum ein Stein bleibt auf dem anderen. Und­ verschiedene Hirnareale, darunter Hypothalamus und Hypophyse schicken über Blut und Nervenbahnen Hormone in den Organismus..

Geraten sie aus dem Gleichgewicht, leidet auch die Seele...


Welt der Wunder – 10/07 S. 80

Samstag, 12. April 2008

Die Abenteuer des starken Wanja

Sieben Jahre

Sieben Jahre musste Wanja auf dem Ofen liegen; nur schlafen und Sonnenblumenkerne essen; sieben Säcke voll. Dann waren seine Kräfte so gewaltig, dass er das Dach des Häuschens hochheben konnte, dass der Mond und die Sterne hineinschienen. Nun durfte er nicht länger verweilen, sondern musste sich auf den Weg machen, sein Reich zu finden, in dem er Zar werden sollte.

Diese Geschichte ist ein Bild für das Heranwachsen von menschlichen Kräften im Siebenjahresrhythmus. Die Kräfte, die für die Zukunft bestimmt sind, gedeihen am besten, wenn sie in völliger Ruhe heranreifen können. Würde man es z.B. kulturell zulassen, dass man bis zum 14 Lebensjahr noch nicht an die intellektuellen Kräfte der Kinder appelliert, dann würden sie sich zu ungeahnter Kraft entwicklen.

Dann hätte das Kind später wirklich die Möglichkeit, sein Ich zur vollen Entfaltung zu bringen: Es könnte sich sein eigenes Reich erobern und darin herrschen. Auf dem Weg dorthin würde es mit Kraft und Energie alle Hindernisse überwinden.

Das Häuschen des Wanja, dessen Dach er anheben muss, ist wie ein Ei, dessen Schale gebrochen werden muss, damit das Neugeborene ausschlüpfen kann. Kein Küken würde mehr in das Ei zurückschlüpfen, dem es gerade entboren ist. Man sucht sich natürlich ein neues Heim.

Samstag, 5. April 2008

F.A.Z.-Serie: Gehirntraining

Lebenslanges Lernen ist wie eine Muskelübung

17. März 2008 Als Mitunterzeichnerin des „Hirn-Manifests" von elf bedeutenden Neuroforschern hatte die Leipziger Sprach- und Kognitionsforscherin Angela Friederici den Satz mitgeprägt: Hans kann durchaus lernen, was Hänschen nicht gelernt hat. Selbst skeptische Köpfe wie sie finden dafür inzwischen viele Belege.

Die Hirnforscher sagen uns immer öfter, dass das Gehirn des Menschen trainierbar ist - und trainiert werden soll. Sie sprechen von Neuroplastizität, was bedeutet das?

Plastizität heißt Veränderung. Gemeint ist das, was sich im Gehirn verändert, sowohl an Hirnstruktur wie auch an Funktion in dem Moment, in dem man beispielsweise das Gehirn trainiert. Wir wissen, dass der Input, ob akustischer oder visueller Art, im Gehirn verarbeitet wird. Nun ist die Frage, inwieweit das Gehirn, wenn es hoch trainiert ist auf einen bestimmten Input, diesen sehr viel effizienter oder schneller verarbeiten kann als vorher.


Können Sie uns Beispiele dafür geben?

Man kann etwa Menschen, die schon früh ein Musiktraining hatten und ein entsprechend strukturiertes Hören erlernt hatten, mit Untrainierten vergleichen und dabei sehen, inwieweit Informationsverarbeitung bei ihnen schneller abläuft und welche Hirnareale involviert sind.

..... Es gibt ... schöne positive Beispiele, wie sich das Gehirn durch Inputs verändert.

Welche wären das?

Wir haben uns Kinder aus dem Thomaner-Kindergarten angeschaut, die schon sehr früh Musikerziehung genießen. Viele von denen sind später im Thomaner-Chor. Wir haben sie mit Kindern gleicher Intelligenz und gleichen sozioökonomischen Voraussetzungen verglichen. Die Thomaner-Kinder schneiden später nicht nur in Verhaltenstests besser ab, sie reagieren beispielsweise auch auf Fehler in Sätzen viel eher. Wenn man sich ansieht, welche Hirnareale das bewirken, dann sieht man, dass die Hirnareale, die Sprache verarbeiten, und diejenigen, die Musik verarbeiten, eine große Überlappung zeigen. Wenn ich also das Gehirn mit Musik trainiere, profitiert man gleichzeitig auch bei der Sprachverarbeitung.

Frühes und intensives Musiktraining würden Sie also unbedingt empfehlen?

Unbedingt,... Das Hirn wird insgesamt flexibler.

Stellt man da nicht vielleicht zu große Anforderungen an die Kinder? Eltern kutschieren ihre Kinder heute oft schon im Kindergartenalter von einem Verein zum nächsten. Ist es in dem Alter nicht auch sinnvoll, wenn die Kleinen Raum und Zeit haben, sich einfach hinzusetzen und anderthalb Stunden lang ein Buch anzusehen?

Kinder zu zwingen, etwas zu machen, was sie nicht wollen, ist sicher nicht erfolgreich. Da muss man einfach nur sensibel bleiben. Wenn die Kinder keinen Input mehr haben wollen, dann machen sie mental zu.

Ist das Vor-sich-Hinspielen nicht auch eine Form des Inputs?

Das kommt auf das Alter an. Kleine Kinder beschäftigen sich mit Spielzeug alleine nur ungern, allenfalls für kurze Zeit. Es braucht normalerweise unbedingt die Aufmerksamkeit eines Dritten. Nehmen wir an, die Mutter ist im Zimmer, kümmert sich aber nicht um Kind oder Spielzeug. Schon nach kurzer Zeit wendet sich das Kind der Mutter zu und möchte, dass man sich zu zweit um das Spielzeug kümmert. Mike Tomasello vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, der das beschrieben hat, nennt das "Joint Attention", Aufmerksamkeit von beiden Seiten.

Wird, wenn man den Kindern ständig ins Gehirn schaut, nicht auch ein ungeheurer Druck auf Eltern ausgeübt, sich viel mehr mit der Wissenschaft der Erziehung zu beschäftigen und ständig nach neuen Inputs zu suchen?

Was die Eltern sollen, ist in erster Linie, sich mit den Kindern zu beschäftigen. Dazu kann es reichen, ihnen ein Kinderlied vorzusingen. Das hat inzwischen ja ohnehin fast schon jeder verlernt. Wenn wir wissen, dass wir mit Musik allein im Grunde genommen schon unsere Sprache trainieren, dann wissen wir, was sinnvoll ist. Entscheidend ist: Da, wo die Kommunikation und Interaktion fehlen, lernt das System nicht in der gleichen Art und Weise. Ein gutes Beispiel kommt aus der Welt der Singvögel. Die lernen anfangs ihre Strophen normalerweise von den Eltern. Wenn man den Vogel aber allein irgendwo hinsetzt und er es alleine versuchen soll, passiert nichts. Vor dem Fernseher sitzen finde ich aus dem Grund ganz und gar ungut.

Das Gehirn ist offenkundig ein sehr konservatives Organ, das evolutionär für bestimmte Aufgaben angelegt ist. Gibt es da möglicherweise Grenzen, was die Belastbarkeit und Erweiterungsfähigkeiten angeht, wenn wir etwa an die neuen Medienwelt mit Internet und virtuellen Realitäten denken?

Es gibt den Begriff lebenslanges Lernen. Wenn man das Gehirn am Lernen hält, dann ist es später, auch im Alter und unter komplexen Einflüssen, viel flexibler als viele denken. Aber das hat natürlich auch Grenzen. Was die Trainierbarkeit angeht, ist unser Gehirn vielleicht mit einem Muskel zu vergleichen. Ein Muskel, der lange nicht benutzt worden ist, wird natürlich schwerer zu reaktivieren sein.

Sicher lerne ich als Mittvierziger weniger Neues als ein Kleinkind. Aber lernt man nicht später auch unglaublich viel, nur auf einer anderen Ebene?

Das ist das, womit sich der Berliner Alternsforscher Paul Baltes am Ende immer intensiver beschäftigt hat: mit Weisheit. Das ist eine der Domänen, die im Alter besser sind als in der Jugend. Das sind aber andere Domänen.

Andere, aber deshalb doch nicht weniger wichtige. Muss sich die Hirnforschung in diesem Punkt nicht selbst dynamisieren und dahin kommen, dass sie quasi auch Weisheit messbar macht?

Wenn man an Weisheit interessiert ist, wird man das sicherlich machen. Es wird interessant sein, wie man versucht, so etwas in ein Experiment zu bringen. ...

Das Gespräch führte Joachim Müller-Jung.

F.A.Z.-Serie: Gehirntraining

Wer hören will, muss fühlen

Von Julia Spinola


.....Musik zu machen beansprucht ein kompliziertes Zusammenspiel sehr verschiedener Fähigkeiten. Der Gehörsinn, eine hochentwickelte Feinmotorik, eine sensible Körperwahrnehmung, das sichere Erfassen einer sich sequentiell entfaltenden Gesamtgestalt und die Verarbeitung von Emotionen sind gleichzeitig gefordert. So erstaunt es kaum, dass Wissenschaftler auf ihrer Suche nach der für die Verarbeitung von Musik zuständigen Hirnregion entdeckten, dass ein spezielles „Musikzentrum" überhaupt nicht existiert. Moderne bildgebende Verfahren wie die funktionelle Kernspintomographie zeigen vielmehr, dass Musik die unterschiedlichsten Hirnregionen gleichzeitig aktiviert: Areale, die für die bloße Tonwahrnehmung zuständig sind, ebenso wie Bereiche, die die Motorik steuern oder die räumlich visuelle Wahrnehmung. Neueste Forschungen haben zudem gezeigt, dass an der Verarbeitung von Musik auch das sogenannte Broca-Areal beteiligt ist, eines der beiden Sprachzentren. Ja, es scheint beinahe, als wäre das gesamte Gehirn involviert, wenn wir uns mit Musik beschäftigen.


....Musikalisches Training verbessert die Fähigkeit, reaktionsschnell und sicher komplexe Gestalten zu erfassen, es steigert die Beweglichkeit, wie Altenmüller sagt, die Flüssigkeit des Denkens, das heißt: die Fähigkeit sich rasch von einem Gedanken auf den nächsten einzustellen, und es öffnet Türen in jenem großen, noch weitgehend unerforschten Bereich, der zurzeit unter dem Schlagwort der „emotionalen Kompetenz" subsumiert wird.

So konnten William Forde Thompson und seine Mitarbeiter zeigen, dass musikalisch geschulte Kinder den Ausdruck traurig, fröhlich, ängstlich oder ärgerlich gesprochener Sätze sicherer identifizieren konnten als nichtmusizierende Kinder. Altenmüller beschäftigt sich in seinem laufenden Forschungsprojekt daher mit dem Zusammenhang von Musik und Emotion. Bis er es abgeschlossen haben wird, sollten wir alle kräftig Klavierspielen üben.

"Besuch von Elternabenden sollte Pflicht werden"

newsclick.de - Braunschweiger Zeitung, Wolfsburger Nachrichten, Salzgitter-Zeitung

Lernentwickler Martens: Viele Kinder haben Schwierigkeiten mit der Mathematik

Von Dieter Schäfer

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Viele Grundschulkinder haben Schwierigkeiten mit der Mathematik. Sie haben Probleme mit dem Zählen, keine Vorstellung von Mengen. Der Braunschweiger Lernentwickler Peter Martens fordert ein Umdenken im Elternhaus, Kindergarten und in der Schule.

Nach Einschätzung des 52-jährigen Pädagogen wird Verständnis für Mathematik schon im Mutterleib gelegt. "Mathematik ist auch Rhythmus", sagt Martens. "Das ungeborene Kind reagiert auf Gleichförmigkeit und Unregelmäßigkeit der Bewegungen seiner Mutter." Sei die Mutter hektisch, könne sich das auch auf das Kind auswirken.

Auf die mathematischen Fähigkeiten von Kindern wirke sich allerdings auch die unmittelbare Umgebung des Kindes aus. Die Spielwaren-Industrie setze dem Kind zum großen Teil fertige Produkte vor, nennt Martens ein Beispiel. Dem Kind bleibe wenig Raum, sich gedanklich mit Zusammenhängen auseinanderzusetzen.

Einen deutlichen Zusammenhang zwischen Musik und Mathematik erkennt Martens. Musik sei in Klänge umgewandelter Rhythmus. "Viertel, halbe, dreiviertel Takte, das ist pure Mathematik. Musiker können meist gut rechnen", sagt der Pädagoge.

Computerspiele wirkten auf die Entwicklung von Kindern oft wie eine Vollbremsung. Oft gebe es keine Auseinandersetzung mit den Eltern über Inhalte, Kommunikation finde nicht statt.

Eltern sind nach Meinung des Lernentwicklers jedoch unbedingt gefordert. Um nachhaltige Schäden zu vermeiden, müssten sie sich mit ihrem Nachwuchs über Inhalte ihrer Computerspiele auseinandersetzen.

Mit Nachdruck weist Martens auf die Gleichgültigkeit zahlreicher Eltern hin. Wenige Mütter und Väter besuchten Elternabende der Schule. Auch hier fordert er Veränderung: "Wir haben für Kinder die Schulpflicht. Eltern sollten die Pflicht haben, Informationsabende der Schule zu besuchen."

Der Grundstein dafür, bei Kindern Verständnis für Mathematik zu entwickeln, werde immer häufiger in der Kindertagesstätte gelegt. Viele Erzieherinnen besuchen entsprechende Fortbildungsveranstaltungen.

Vor allem gehe es in diesen Veranstaltungen auch darum, bei den Mädchen und Jungen Verständnis für Raum und Zahlen und so genanntes Fingerrechnen zu entwickeln. Von Bedeutung ist nach Einschätzung des Pädagogen auch das Erkennen von Würfeln und sie zu differenzieren.

Eine besondere Verantwortung sieht Martens in diesem Zusammenhang auch bei der Politik: Würde eine Milliarde Euro für die Bekämpfung von Rechenschwäche ausgegeben, könnte das innerhalb der nächsten Jahrzehnte viel Geld sparen. "Das Beseitigen von Problemen mit dem Rechnen wird in 10 bis 20 Jahren viel Steuergeld kosten, sogar ein Mehrfaches von dem, das wir heute sparen."

"Hausaufgaben bringen nichts"

STUDIE DER UNIVERSITÄT DRESDEN


Wenn es nach Wissenschaftlern der Universität Dresden geht, sollten Lehrer nie wieder Schularbeiten aufgeben. Eine Studie ergab: Ob Schüler Hausaufgaben machen oder nicht, ist eigentlich egal - zu besseren Noten führen sie jedenfalls nicht.
Hausaufgaben sind blöd, Schüler wussten das schon immer. Nach dem Unterricht noch zwei oder drei Stunden Vokabeln pauken und Matheaufgaben lösen - für viele ist das Zeitverschwendung.
Schüler bei den Hausaufgaben: Laut einer Studie der TU Dresden verbessern sie die Leistungen der Schüler nicht
Schüler bei den Hausaufgaben: Laut einer Studie der TU Dresden verbessern sie die Leistungen der Schüler nicht
Tatsächlich bringen Hausaufgaben den Schülern nicht besonders viel, hat eine Studie der Technischen Universität Dresden ergeben. Mehr noch: Sie haben angeblich keinen Effekt auf die Schulleistungen.
"Gute Schüler werden durch Hausaufgaben nicht unbedingt noch besser", sagt Hans Gängler von der Fakultät Erziehungswissenschaften der TU Dresden, "und schlechte Schüler begreifen durch bloßes Wiederholen noch lange nicht, was sie schon am Vormittag nicht richtig verstanden haben." Der Effekt auf die Zeugnisnote werde durch die Schularbeiten nicht beeinflusst - egal ob ein Kind die Mathe-Aufgaben direkt nach der Schule, nachts unter der Bettdecke oder überhaupt nicht mache.
Die Forscher der TU Dresden stützen sich auf eine Studie zu Ganztagsangeboten in Sachsen. 70 Prozent aller sächsischen Ganztagsschüler nehmen mehrmals in der Woche an Hausaufgabenbetreuungen teil. Rund 1300 Schüler und 500 Lehrer wurden befragt. Die Umfrage ergab, dass etwa ein Drittel der Lehrer zugab, nicht einschätzen zu können, ob Hausaufgaben den Schülern überhaupt irgendwas bringen. Bei etwa drei Viertel aller Schüler beobachteten die Lehrer keinen Erfolg. Da ist es nach Ansicht der Wissenschaftler schon fast "empörend" dass Lehrer überhaupt Hausaufgaben aufgeben - in der Annahme, sie würden einen positiven Effekt auf die Schüler haben.
Hausaufgaben sind nur ein "pädagogisches Ritual"
70 Prozent der Schüler gaben zwar an, durch eine Hausaufgabenbetreuung weniger Fehler zu machen und die Aufgaben insgesamt schneller erledigen zu können. Doch nur ein Drittel der Schüler glaubt, dass ihre Noten sich dadurch verbessern. "Wir brauchen deshalb eine andere Kultur der Wissensvermittlung", sagt Andreas Wiere, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Erziehungswissenschaft der TU Dresden.
Die Erziehungswissenschaftler der TU testen zurzeit an zehn sächsischen Ganztagsschulen unterschiedliche Nachmittagsangebote. In zwei Schulen verzichten die Lehrer ganz auf Hausaufgaben in Deutsch, Englisch und Mathe und richten stattdessen Trainingsstunden ein, die sich an dem Leistungsniveau der Schüler orientieren. "Die Schüler erledigen hier keine Aufgaben - sondern sie arbeiten an ihren Defiziten und bekommen zusätzliche Lernmotivation," sagt Andreas Wiere. Für die Forscher aus Dresden ein Modell mit Zukunft.