Sonntag, 19. September 2010

Wenn Kinder später Lesen lernen

Es gehört nach wie vor zu den größten Eltern- und auch Lehrersorgen, wenn ein Kind nicht in den ersten Schuljahren lesen lernt. Oft kommen dazu auch noch die Sorgen, was das Schreiben und das Beherrschen der Rechtschreibung angeht. Man neigt heute dazu, in diesem Fall Fachleute hinzuzuziehen. Das Kind wird untersucht, getestet, Diagnosen werden erstellt, Förderung und Nachhilfe setzt ein. Ein solches Kind ist von nun an einer enormen Belastung ausgesetzt, da es nicht der Norm entspricht. Sein Entwicklungsstand wird als Schwäche oder gar Krankheit angesehen.

Der Waldorfpädagoge Thomas Jachmann schreibt dazu in seinem Artikel „Die Ausbildung des Gemüts im 2. Jahrsiebt“:

„Sogenannte wissenschaftliche Erkenntnisse postulieren Schwächen und Krankheiten des Schülers, wo vielleicht nur unterschiedliche Entwicklungsverläufe vorliegen, die über die tolerierte Norm hinausgehen und staatliche Erziehungsverordnungen legen einheitlich fest, was zu einem bestimmten Lebenszeitpunkt gewusst und gekonnt werden muss.“ [1]
Nach wie vor gehören Schreiben und Lesen neben dem Rechnen zu den wichtigsten Kulturtechniken. Und so, wie sich die heutige Kultur gestaltet, in der die „Verschriftlichung“ aller Lebensvorgänge immer weiter zunimmt,  hat das Lesen auch einen ganz besonderen Stellenwert.
Nun ist die Fähigkeit, das Lesen zu lernen, bei den Kindern äußerst unterschiedlich. Manche Kinder können schon vor der Einschulung lesen und andere lernen vielleicht erst mühsam in der 4. oder 5. Klasse. Menschenkundlich betrachtet macht es gar keinen Sinn, mit einem Kind, das noch nicht lesen kann oder will, das Lesen direkt anzugehen. Das wäre, wie wenn man von einem Vögelchen, das an seinen Schwingen noch gar keine Schwungfedern entwickelt hat, verlangen würde, dass es fliegen lerne. Es wird versuchen, mit den Flügelstummelchen zu flattern, aber es wird sich kaum erheben können.

Das Lesenlernen erfordert eine Fülle von Sinnes- und Verstandestätigkeiten, die erst einmal entwickelt werden müssen, falls sie nicht schon als Anlage vorhanden sind, wenn das Kind in die Schule kommt. Welch ein schwieriger und komplizierter Prozess das Lesenlernen in Wirklichkeit ist, das beginnt man langsam auch in der Wissenschaft zu verstehen. Der Hirnforscher Ernst Pöppel äußerte sich dazu in einem Interview mit der Tageszeitung „ Die Welt“ am 30 März 2010 in folgender Weise:
„Lesen ist eine der unnatürlichsten Tätigkeiten des menschlichen Gehirns. Deswegen wundert es mich nicht, dass sich Kinder und auch immer mehr Erwachsene vom Lesen abwenden. Das Gehirn hat im Laufe der Evolution keine Strukturen entwickelt, die optimiert für das Lesen wären. Lesen ist ja eine noch recht junge kulturelle Erfindung, die es erst seit rund 4000 Jahren gibt. Die Entdeckung, dass gesprochene Sprache in grafische Elemente umgewandelt werden kann, war die bislang größte Kulturrevolution in der Geschichte der Menschheit...
Das menschliche Gehirn wehrt sich geradezu gegen Lesen. Das anstrengungslose Lernen und Verarbeiten von Informationen wird durch Lesen eher behindert. Diese Erkenntnis der Hirnforschung muss man kennen, wenn man Kindern mit Leseschwierigkeiten helfen will. ...“
Die wichtigste Voraussetzung für die Aufnahme von gelesenen Informationen ist die Konzentration. Ohne sie kann man die Bedeutung von Gelesenem nicht wirklich erfassen und verstehen. Schüler, die sich nicht ausreichend konzentrieren können, haben eben auch Schwierigkeiten beim Lesen.“

Rudolf Steiner drückte das 1919 mit folgenden Worten aus:
„Im Grunde genommen wird das Kind in ganz künstlicher Weise in etwas ihm Fremdes hineingeführt, wenn man es ohne weiteres d a s Lesen und Schreiben lehrt, das heute im dem menschlichen Verkehr üblich ist.“[2]

Der künstlerische Unterrichtsprozess

In der Waldorfschule verfolgt man eine besondere Methode, um an das Schreiben und Lesen heranzugehen. Zunächst einmal wird das Schreiben in einem künstlerischen Prozess erarbeitet. Wir befassen uns mit Zeichnerischem, Malerischem, Rezitatorischem und auch Musikalischem.
„Man tut den Kindern etwas ungeheuer Gutes, wenn man solches an die Kinder heranbringt.
Unsere Kinder werden selbst Schreiben und Lesen aus dem Leben heraus lernen. So ist es beabsichtigt. Sie werden nicht pedantisch dazu angehalten werden, Buchstaben schreiben zu lernen.“[3] „ (Man lehrt ) das Kind .. aus dem künstlerischen Erfassen der Schrift das Schreiben .. und dann aus dem Schreiben das Lesen.“[4]
Das Formenzeichnen bildet eine Grundlage für diesen Prozess. Das Kind soll lernen, auch feine Nuancen in Formgestaltungen zu erfassen und dann selbstständig aufzuzeichnen. Dabei schult es den Sinn, später Buchstabenformen exakt zu erfassen und wiederzugeben.

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Musikalisch-Sprachliche. Wer sein Klangempfinden schult, der wird auch die Lautklänge in den Worten geschickter hören lernen. Manch ein Kind kann beispielsweise nur schwer „f“ und „s“ vom Klang her unterscheiden. Durch Gesang und Rezitation wird dies in der Klassengemeinschaft ständig geübt.

Die Waldorfmethode beschäftigt sich zunächst nur am Rande mit dem Lesen. Es wird nach dem Erlernen der Buchstabenformen viel geschrieben und dann auch an dem Geschriebenen freilassend das Lesen geübt. Für Kinder, die noch kaum lesen können, erleichtert sich der Prozess dadurch, dass häufig auch Texte geschrieben werden, die vorher auswendig gesprochen wurden. Völlig fremde, gedruckte Texte bringt man erst später an die Kinder heran.

Im obigen Zitat heißt es, dass die Kinder das Lesen aus dem Leben heraus lernen. Verfolgt man die Waldorfmethode konsequent, dann kann ohne jegliche Anstrengung, ohne irgendeine besondere intensivere Leseübung die überwiegende Mehrheit der Kinder einer Klasse am Ende des zweiten Schuljahres mehr oder weniger flüssig lesen.
 Leseschwierigkeiten
Nun gibt es immer einige Kinder, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht lesen können oder nur sehr mangelhaft und die sich überhaupt mit dem Schreiben schwerer tun als andere. Hier beginnen  dann meist die allergrößten Sorgen.
Zunächst einmal sollen hier einige Äußerungen Steiners zur Tatsache des späten Lesenlernens angeführt werden. Steiner sah weniger in dem späten Beginn des Lesens ein Problem, das größere Problem sah er in dem zu früh geforderten Lesenlernen. Die intellektuellen Kräfte, die man für das Lesen braucht, sollten aus menschenkundlichen Erwägungen bei einem Kind nicht zu früh geweckt werden, wenn sie nicht schon von Natur aus vorhanden sind. Diese Kräfte sind gewissermaßen zunächst die gleichen Kräfte, denen wir auf einer anderen Ebene unsere körperliche und seelische Gesundheit verdanken. Werden sie in gezielter Weise von den Erziehern zu früh auf den Leseprozess hingelenkt, obwohl das Kind aus sich selbst heraus noch nicht soweit ist, dann müssen sie von anderswo abgezogen werden.
„Das frühe Lesen‑ und Schreibenlernen in     anderen Schulen ist in vieler Beziehung ein Fehler. Denn nicht darum handelt es sich, dass man die Kinder so schnell wie möglich zu gewissen Fertigkeiten bringt, sondern darum, dass man sie dazu bringt, dass sie einmal im späteren Leben tüchtige Menschen werden...“[5]

Steiner weist an anderer Stelle darauf hin, dass ein zu frühes Lesetraining für das einzelne Kind durchaus negative gesundheitliche Folgen haben kann. Diese treten allerdings nicht unmittelbar im kindlichen Alter auf, sondern zeigen sich erst viel später im Leben:
„Sondern es kommt darauf an, dass es vielleicht gar nicht gut ist für das Kind, wenn es zu früh lesen lernt. Denn da sperrt man auch wiederum für das spätere Leben etwas zu , wenn das Kind zu früh lesen lernt. Lernt das Kind zu früh lesen, dann führt man es zu früh in die Abstraktheit hinein. Und Sie würden unzählige spätere Sklerotiker beglücken für ihr Leben, wenn Sie ihnen nicht zu früh das Lesen beibrächten als Kinder.“[6]

Ja, die Äußerungen Rudolf Steiners gehen sogar noch weiter. Es betrachtete einen relativ späten Lesebeginn sogar als durchaus positiv. Die dadurch aufgesparten Kräfte können für den Menschen im späteren Alter durchaus positive Wirkungen haben. Er weist deshalb in seinen pädagogischen Vorträgen immer wieder darauf hin, dass bedeutende Persönlichkeiten häufig relativ spät mit dem Lesen begannen und auch im Schulalter eher Probleme mit dem Schreiben hatten.
„Erst legen wir uns die Frage vor, ob es überhaupt berechtigt ist, zu verlangen, dass das Kind schon im achten Jahr mit einer gewissen Fertigkeit lesen können, schreiben können soll. ... Wer Goethe genau kennt, der kann auch wissen: Wenn man mit dem, was für einen zwölfjährigen Jungen heute schulmäßige Anforderungen sind, an Goethe herangeht und sich fragt, hat Goethe das wirklich so gekonnt? ‑ wird man sehen, er hat es nicht einmal mit sechzehn Jahren gekonnt und ist doch der Goethe geworden.
Österreich hatte einen bedeutenden Dichter, Robert Hamerling. Er hat natürlich in seiner Jugend sich nicht vorgenommen, ein Dichter zu  werden, das machte sein Genie, aber er wollte Mittelschullehrer werden. Er hatte eine Lehramtsprüfung abgelegt. In seinem Zeugnis steht, dass er im Lateinischen und Griechischen ganz außerordentlich gute Kenntnisse  aufgewiesen habe, dass er aber nicht fähig sei, die deutsche Sprache zu handhaben, sondern dass er nur für die unterste Klasse zum Unterricht tauge. Aber er wurde der bedeutendste neuere Dichter Osterreichs.“[7]

„Lesen und Schreiben, so wie wir es heute haben, ist eigentlich erst etwas für den Menschen im späteren Lebensjahre, so im 11., 12. Lebensjahre. Und je mehr man damit begnadigt ist, kein Lesen und Schreiben vorher fertig zu können, desto besser ist es für die späteren Lebensjahre. ... ich kann da aus eigener Erfahrung sprechen weil ich es nicht konnte mit 14,15 Jahren...“[8]

Hilfen
Der Waldorflehrer wird sich sehr intensiv innerlich mit einem Kind beschäftigen, das in der besprochenen Weise von der Norm abweicht. Er wird versuchen aufzuspüren, was das Besondere des Wesens dieses Kindes ist. Er wird dann vielleicht finden, dass bei ihm eine Verstärkung verschiedener künstlerischer Betätigungen auch außerhalb des regulären Hauptunterrichtes für die Entwicklung seiner Fähigkeiten hilfreich sein kann.
Oftmals kann er auch feststellen, dass das Kind sich immer wieder in ganz besonderer Art im Unterricht äußert. Diese Äußerungen weichen oft von dem ab, wie andere Kinder sich äußern. Solche Unterrichtsbeiträge können zunächst als falsch oder störend empfunden werden. Bei genauerem Hinsehen oder Nachdenken wird man aber manchmal feststellen, dass sich in diesen Äußerungen etwas sehr Individuelles oder Originelles ausdrücken will. Man wird dann diese Kinder in ganz besonderer Weise in seiner Seele tragen und in ihrer persönlichen Entwicklung unterstützen. Man wird auch versuchen, ihnen einen Schutzraum in der Klasse und überhaupt in ihrer ganzen sozialen Umgebung zu gewähren. Manchmal muss man diesen Schutzraum nach außen hin auch mit Mut und Kraft für das Kind erkämpfen.
Immer mehr wird man bei einer besonders intensiven Beschäftigung mit solchen Kindern darauf kommen, dass sie sogar ganz außerordentliche Kräfte oder Fähigkeiten auf Gebieten haben, die in der heutigen Kultur noch gar nicht anerkannt sind. Sie können vielleicht über eine gewisse Hellfühligkeit verfügen und die Gedanken und Gefühle in ihrer Umgebung erspüren. Sie haben manchmal ein viel intensiveres seelisches Erleben als andere Kinder, was sich in starken Phantasiekräften ausdrücken kann. Dieses zu erkennen und dem  Kind in der richtigen Weise entgegenzukommen, ist die große Aufgabe für Eltern und Erzieher.

Dieter Centmayer
Braunschweig im Juli 2010 

[1]  Zu finden unter: http://www.thomasjachmann.de/artikel/11-die-ausbildung-des-gemuets-im-2-jahrsiebt.html)
[2] „Rudolf Steiner in der Waldorfschule“, GA 298, S. 73
[3] Rudolf Steiner, Idee und Praxis der Waldorfschule, GA 297, S.77
[4] a.a.O. S.210
[5] „Rudolf Steiner in der Waldorfschule“, GA 298 S. 73
[6] Rudolf Steiner, „Die pädagogische Praxis von Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis“, GA 306, S.82
[7] „Rudolf Steiner in der Waldorfschule“, GA 298, S. 129 f
[8] Rudolf Steiner, Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit, GA 311, S.34

Freitag, 17. September 2010

Den Blick beim Tadel auf die Sache lenken

"Selbst wenn die Jungen das Allerschlimmste ausfressen, muss man stets die Tat treffen, niemals die Persönlichkeit. Sobald man die Jungen schimpft, ist nicht mehr zurechtzukommen."
Rudolf Steiner in einer Konferenz (31.7.1923)

Unser heutiges Bewusstseinsseelenzeitalter erfordert diesen neuen Umgang mit der Schülerpersönlichkeit. Bei allen schwierigen Erziehungsvorgängen ist darauf zu sehen, dass man nie die Individualität des Schülers trifft.

Es geht dabei um scheinbare Kleinigkeiten in der Ausdrucksweise:
"Du kippelst immer mit dem Stuhl!" oder "Vom Kippeln geht der Stuhl kaputt"
Im ersten Satz ist der Akzent auf "du" gesetzt, auf die Schülerpersönlichkeit. Im zweiten auf den Vorgang oder die Sache.

"Du hast schon wieder ein Kind geschlagen!" oder "Das Kind, das du geschlagen hast, hatte große Schmerzen!"


Donnerstag, 16. September 2010

"Die Zukunft, in der wir leben"


In seinem Buch:

2033
DIE ZUKUNFT IN DER WIR LEBEN
HANDBUCH ZUR WIRKLICHKEITSGESTALTUNG

gibt der Unternehmensberater und Gründer der Aquin-Akademie Bernward Rauchbach einen Ausblick auf die kommenden Jahrzehnte, indem er verschiedene Thesen formuliert:


"Nicht nur zwischen Mensch und Erde oder zwischen Mensch und Mitmensch herrschen Beziehungslosigkeit und Mangel, auch zwischen Schüler und Lehrer klaffen immer größere Schluchten. Die Lehrerschaftensind überaltert, Lehrer, für die es eine naturwissenschaftliche und eine diffuse Bewusstseinsrealität gibt, stehen Schülern gegenüber, die nicht nur wendiger in ihrer Auffassung sind, sondern die Lebenskräfte, Seelen- undGeisteswesen spüren oder gar sehen und in einer endlosen Einsamkeit sich verlieren, da sie niemanden finden, der diese Wahrnehmungen mit ihnen teilt.


Wie sollen zwei Generationen miteinander eine Beziehung aufbauen, die in völlig unterschiedlichen Welten leben? Wiesollen die einen den anderen etwas beibringen, wenn sie nicht verstehen, wie das Begreifen, Verstehen und Interagieren funktioniert bei einemKind, das
umfänglicherwahrnimmt als es der Lehrer jemals zu träumen gewagt hat? Da ist es nur verständlich, dass sich in den Schülerschaften mehr und mehr Eigenständigkeit entwickelt, dass eine ganze Generationaus einem großen Selbstverständnis heraus eigene Ziele formuliert, eigene Wege geht und eigene Begriffe bildet.


Das schöpferische Potential dieser Generation ist unerschöpflich, und so bilden sich Schulen mit einer schöpferischen Didaktik, die mit anderen konkurrieren, in denen die Lehrer und Eltern eine blinde Gewalt bewahren konnten.


Auf diesem Feld wird nur ein graduelles Verständnis zu finden sein, eine wirkliche Beziehung der einen mit den anderen wird es sicher nicht geben, einzig die Nachsicht der Lehrer mit sich selbst und eine
Großzügigkeit im Eröffnen von Freiräumen kann vermittelnd wirken zwischen zwei Generationen, von der die eine zu wissen glaubt, was richtig ist, während die andere tut, was sie tun muss.


Der Schüler lebt überwiegend in einer
vielschichtigen Wirklichkeit, zu der sein Lehrer keinen Zugang hat; er übernimmt aus Autoritätsliebe die Blindheit des Erziehers und findet seinen Lebensweg zur schöpferischen Fähigkeit nur ausnahmsweise.


Das spirituelle Selbstverständnis der Schüler nimmt zu, sie ergreifen Gestaltungseinfluss und die Lehrer setzen nur noch denRahmen und die Ziele. Die gegenseitige Unterstützung der Schüler befreit von der Abhängigkeit des eingeschränkten Lehrerblickfeldes...."

Mittwoch, 15. September 2010

Erziehen mit einem Lachen

Folgender Spruch ist keine billige Redensart, sondern eine Lebensweisheit, die sich besonders Erzieher zu Herzen nehmen könnten. Humor und Lächeln sind oft erlösende Kräfte:

"Es gibt Dinge,
die verdoppeln sich durch Stirnrunzeln,
verdreifachen sich durch Verbote
- und sterben bei einem Lachen."

Joachim Fernau

Freitag, 10. September 2010

Kritik und Unzufriedenheit der Schüler

Aus den Konferenzen mit Rudolf Steiner, GA 300-2, S. 204, vom 9.12.1922:

Rudolf Steiner:
„...Wegen der Unzufriedenheit der Schüler handelt es sich darum, dass man mit den Kindern redet. Bei den Eltern muss man Rundfragen machen. Bei den Schülern wäre es die Aufgabe, dass sie die Ansicht ihrer Lehrer hätten. Wohin kämen wir denn, wenn die Schüler nicht die Ansicht ihrer Lehrer haben? Es wäre dringend notwendig, dass die Schüler die Ansichten ihrer Lehrer verfechten würden. Es ist etwas, was angestrebt werden muss, dass ein viel besserer Einklang bestünde zwischen Lehrern und Schülern, und dass die Schüler für ihre Lehrer durchs Feuer gehen. Es tut mir jedes Mal weh, wenn das nicht hervortritt.

X.: Es ließe sich einiges verbessern, wenn man den Handwerksunterricht vormittags haben könnte.
Dr. Steiner: Wenn das geht, so kann man es machen. Es ist merkwürdig, dass von den Schülern der Stundenplan kritisiert wird. Wie kommt das?

X. Es wird so viel kritisiert von den Kindern.
Dr. Steiner: Das sollte nicht sein. Im allgemeinen muss nur nicht der Kontakt verloren werden mit den Kindern. ich glaube, dass jeder Stundenplan Vorteile und Nachteile haben wird. Wenn im übrigen der Kontakt mit den Schülern besteht, so wird sicher der Stundenplan kein Hindernis bilden....“

Donnerstag, 9. September 2010

Zuspätkommen

Aus den "Konferenzen" mit Rudolf Steiner, GA 300-1, S.158f - vom 23.6. 1920

"Rudolf Steiner: Wie behandeln wir diese Kinder, die zu spät kommen? Ich wurde heute aufgehalten, als ich in die Schule ging. Da gingen drei Schülerinnen. Sie gingen einfach, sie waren nicht betrübt, dass sie zu spät gingen, die gingen sehr gelassen. Die Persönlichkeit, die mit mir ging, sagte: Denen wird es wohl recht sein, wenn sie zu spät kommen?“ Nun wie verhalten wir uns zu den Kindern, die zu spät kommen?

X: Sie eine Viertelstunde früher kommen lassen!

Steiner: Da setzt man sich der Gefahr aus, dass sie nicht kommen. Es muss unter allen Umständen vermieden werden, irgendeine Strafe zu geben, wobei man nachgeben muss. Man darf bei einer Disziplinarischen Maßregel absolut nicht nachzugeben brauchen. Wenn man sagt, ein Kind muss früher kommen, so muss es eingehalten werden, dass man ihm befiehlt, früher zu kommen. Es waren die in der 8 oder 7. Klasse. Da ist man unten durch....

Man darf bei einer Strafe nicht nachgeben, lieber unterlasse man sie.

Das kann unter Umständen auch zum Gegenteil führen: Dann entsteht ein Verein unter den Kindern, sie machen ab, heute bin ich zu spät gekommen, morgen kommst du.... Früher kommen lassen ist nicht so gut, lieber eine Viertelstunde länger dalassen: Das ist etwas, was den Kindern unsympathisch ist.... (Es kommen weitere Ausführungen, aus denen hervorgeht, dass man die Nacharbeitszeit etwa dreimal so lange machen kann wie das Zuspätkommen.)"

Meine Erfahrung ist, dass es in meinen Klassen mit dem Zuspätkommen nicht wirklich von Seiten der Kinder ein Problem gab, sondern dass es bei mir immer Kinder waren, wo es häusliche Probleme gab. Es war dann den Kindern auch nicht angenehm, dass sie zu spät kamen. Viele Kinder haben weite Schulwege. Wurden sie zu spät von den Eltern geweckt, verpassten sie die Bahn oder den Bus, was lange Verspätungen zur Folge hatte. Liegt also keine ausreichende elterliche Fürsorge vor, dann kann man auch von Seiten der Schule nichts erreichen. Man müsste die Eltern in diesem Fall zur Pünktlichkeit erziehen. Bei solchen Kindern hilft es auch nichts, dass man sie länger dableiben lässt.

Mittwoch, 8. September 2010

Anerkennung von außen

Man kann immer wieder erstaunt sein über Rudolf Steiners Konsequenz in vielen Dingen. Er scheut sich dann auch nicht, scharfe Worte zu gebrauchen.
Heute geht es z.B. um die öffentliche Anerkennung dessen, was man in der Waldorfschule macht. Er kann gar nicht deutlich genug hervorheben, dass es in der Welt kein Verständnis dafür geben kann. Die Welt versteht immer nur das, was sie kennt. Nur das kann sie loben und anerkennen. Alles andere verurteilt sie.
So muss man es schon als Alarmzeichen ansehen, wenn etwas Unterrichtsmäßiges öffentlich lobend erwähnt wird:

"R.Steiner (lachend zu einem Lehrer, der erfreut war über eine Anerkennung des Schulrates - der bei ihm hospitiert hatte): Ja, Sie werden sich wohl noch sehr verbessern müssen. ...

Man muss sich klar sein darüber, wenn man die Zufriedenheit der Schulbehörden erzielen würde, dann würde man schließen müssen. Da könnte man die Kinder in eine gewöhnliche Schule schicken. -
(Die Schulbehörden) betrachten die Waldorfschule als Attacke."

(R.Steiner in Konferenzen II, S.66 und 69- 15.3.1922)

Falls jemand meint, dass das heute anders sei, so hätte er einmal erleben sollen, welche Erfahrungen an Gegnerschaft die Braunschweiger Schule mit den Schulbehörden machte, als sie ihren Kleinklassenzug eröffnen wollte. Nur die Politik konnte dem gegensteuern, weil sie aus taktischen Gründen wieder andere Interessen verfolgte als die Beamten der Schulbehörden.

Diese Worte muss man durchaus auch auf die eigenen Eltern beziehen. Sie sollen wohl langfristig mit der Entwicklung ihrer Kinder zufrieden sein. Sie werden aber auch in der Mehrzahl nicht die einzelnen Unterrichtsschritte verstehen und gutheißen können. Bei den langjährigsten Eltern erlebe ich noch Opposition gegen viele Dinge, die ich mache. Und dennoch, sie lassen meistens ihre Kinder bei uns. Warum? Weil sie auf einer anderen Ebene etwas von dem wahren Geist spüren, der im Unterricht lebt. Auch wenn ihnen persönlich dieser Geist fremd ist. Unbewusst spüren sie, dass es ein guter Geist ist. Wenn sie sich dieses Geistes voll bewusst würden, könnte es sein, dass sie sofort gehen würden.

Ein Beispiel: Vor Jahren nahm eine Familie ihre Kinder von der Schule, weil der Vater plötzlich merkte, dass hinter dem Geist der Schule in Wahrheit der Christus steht.

Freitag, 3. September 2010

"Wenn Erziehen nicht mehr geht. Gelassen durch stürmische Zeiten."

Ganz bemerkenswerte, moderne Gedanken zum Umgang mit Kindern um den Zeitpunkt des 14.Lebensjahres herum fand ich in dieser Buchbesprechung:


Jesper Juul, Pubertät

FAZ, 28.7.2010 Neue Sachbücher

“Bloß keine pädagogische Torschlusspanik!
Wenn unsere Töchter und Söhne erst einmal zwölf Jahre alt sind, ist Erziehung nicht mehr möglich."

Wenn das Hormongewitter der Pubertät auf die Kinder niedergeht und ganze Familien in Aufruhr versetzt, versuchen viele Eltern, quasi in erzieherischer Torschlusspanik, noch schnell das nachzuarbeiten, was sie versäumt zu haben glauben. Plötzlich verlangen sie Gehorsam, Pünktlichkeit und Tischmanieren, wollen die Hausaufgaben kontrollieren, mischen sich ungebeten in Kleidungsfragen ein. Meistens funktioniert das nicht.

Eltern sind verzweifelt, wenn die Schulnoten schlechter werden und der Umgangston ruppiger wird, die Kinder sich zurückziehen und ihnen emotional zu entgleiten drohen. Kinder sind verstimmt, wenn die Kritik an ihnen anschwillt und dauernd jemand etwas von ihnen will - zumal sie gerade selbst nicht so genau wissen, was eigentlich mit ihnen los ist. Kurzum: Eltern mühen sich vergeblich, einen verbindlichen Rahmen zu setzen, während die Jugendlichen fortwährend am liebsten diesen Rahmen sprengen würden.

Der dänische Familientherapeut und Autor Jesper Juul, dessen Ratgeber zu Erziehungsfragen auch in Deutschland dankbare Reaktionen hervorrufen, hat jetzt ein Buch über die stürmischen Jahre zwischen zwölf und 16 verfasst. Darin rät er den Eltern vor allem zu einem: Gelassenheit. .... Von Disziplinierungs-Aposteln wie dem früheren Schulleiter des Internats in Salem, Bernhard Bueb, und dem Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff ist der Autor weit entfernt.

Den gestressten Eltern schlägt er vor, sich zu entspannen und ihre Kinder zu genießen: Wer hätte vor zwölf, 13 oder 14 Jahren gedacht, dass sie heute so dermaßen selbständig vor uns stehen würden? Juul, dessen Beratungsinstitut "Familylab" auch einen deutschen Ableger hat, will Eltern in Krisenzeiten den Blick öffnen auf das Wertvolle ihrer Kinder. Er plädiert dafür, prätentiöse Ziele (Abitur z.B.) über Bord zu werfen und die Heranwachsenden ihren eigenen Weg finden zu lassen. Aber genau das fällt so schwer: In einem Land, dessen wichtigste Ressource die Bildung ist, gilt ein guter Schulabschluss gerade in der bürgerlichen Mitte nun mal als Voraussetzung für einen gelungenen Start ins Erwachsenenleben.

Juul dreht den Spieß um, indem er nicht von den Jugendlichen, sondern von ihren Eltern Umdenken verlangt: "Wenn Kinder erst mal zwölf sind, ist Erziehung nicht mehr möglich; jetzt kommt es auf die Beziehung an, die bis dahin entstanden ist." Es gehe nun darum, dass Eltern Heranwachsende nicht von oben herab maßregelten, sondern "gleichwürdig" mit ihnen umgingen: also beispielsweise nicht einfach ins Zimmer platzen, sondern sich eine Art Einladung verschaffen, bevor sie ein Gespräch beginnen.

Als Erwachsener müsse man sich gegenüber einem Jugendlichen seinen "Respekt erst verdienen", mahnt er; Autorität ergebe sich nicht allein aufgrund des Wissens- und Altersgefälles. Die größten Sorgen bereitet den zehn Familien, deren Beratung durch den Autor während eines "Familylab"-Seminars im zweiten Teil des Buches dokumentiert ist, mangelnder schulischer Fleiß - mit einigem Abstand gefolgt von Bequemlichkeit bei der Erledigung häuslicher Arbeiten und zu viel Streit untereinander. ....

(Es) müssten wenigstens die Eltern bedingungslos zu ihrem Kind stehen, fordert er: Denn Kinder sind auf das Ja ihrer Eltern zu ihrer ganzen Existenz angewiesen, nicht auf ihr Nein. Eltern sollten ihre Kinder begleiten und zur Verfügung stehen - aber nicht sie manipulieren oder verändern wollen. Denn das funktioniere mit einem Kind so wenig wie mit einem Partner.“

Mittwoch, 1. September 2010

Üben, üben und noch mal üben!

Der Autor des folgenden Artikels ist kein Lehrer, das muss man vorweg wissen. Einem Lehrer mögen sich wohl eher die Haare sträuben, wenn er den Artikel unten liest.

Man möge ihn auch in Zusammenhang mit dem lesen, was ich vor einigen Tagen als Zitat von Steiner veröffentlichte: Es gab eine Zeit, wo alle Erziehung viel freiheitlicher war als heute: http:/wir-erziehen-nur-automaten.html

In den Köpfen vieler Eltern und Lehrer spukt der Zaubersatz: „Das muss man doch viel mehr üben!" herum - und macht den Kindern das Leben schwer, da man unter „üben“ doch meist eine mechanisch, wiederholende, langweilige Zwangsarbeit versteht.

Der Autor des Artikels meint, dass diese Vorstellung des Übens erst im 19.Jhdt. auftauchte, als sich die Maschinen ausbreiteten.

Dass Lernen mit dem Gefühl zusammenhängt, wird heute vielfach theoretisch geäußert, aber die alltägliche Lernpraxis sieht noch ganz anders aus:

"DIE WELT: 25.08.10

Essay

Krummes Holz

Es gab einmal eine Zeit, da übte man, indem man variierte und improvisierte. Bis das industrielle Wiederholen überhand nahm, man nennt es auch Pauken und Bimsen. Ein Trugschluss

Von Reinhard Kahl

Der Pianist und Komponist Arthur Schnabel meinte, "Üben ist für Kinder ein Schreckgespenst". Er wollte das Wort deshalb am liebsten verbieten. Das war vielleicht eine vorschnelle Antwort auf ein Üben, bei dem der Weg - und erst recht der Umweg - nichts galt. Es gab allerdings Zeiten, da klang Üben ganz anders als das garstige Wort, das der 1951 verstorbene Schnabel streichen wollte. Da drohte Üben nicht den zermürbenden Weg zu einem fernen Ziel an, das dann zumeist gar nicht erreicht wurde und das die Sache oft mehr verleidete als förderte. Üben bedeutet das genaue Gegenteil davon. Es war ursprünglich das Wort für eine Passion. Es stand dafür, etwas und sich selbst zu vervollkommnen. Diese Übungen waren gewiss nicht leidensfrei und auch nicht ohne Anstrengung, aber es waren Übungen, die schon die Anfänger genossen, denn sie machten hellwach. Sie öffneten die Aufmerksamkeit...

In der Musik lässt sich der Wandel wie unter dem Brennglas beobachten. Bachs "Goldberg-Variationen" zum Beispiel waren als Übungsstücke komponiert, aber eben nicht nach dem Muster "jetzt üben und später können". "Üben und Ausüben waren noch Synonyme", schreibt der Musikwissenschaftler Heiner Klug. Er zeigt in seiner Studie "Musizieren zwischen Virtuosität und Virtualität" (www.art-live.de), wie das Üben im 19. Jahrhundert kippte. Bis dahin galt als Übung "jede Beschäftigung mit dem Instrument, Übung war jedes Spiel, unabhängig vom Niveau: vom Anfänger bis zum Meister, der Vortrag inbegriffen."

Die Notenvorlagen in diesen Übungen bezeichnet Klug als "Muster und Anregungsstücke zum Selbsterfinden". Lehrer improvisierten mit ihren Schülern zuweilen wie heutige Jazzmusiker. Jeder Lehrer komponierte - zumindest auch ein bisschen. Musiker in Orchestern waren nicht bloß die Ausführenden. Sie haben die Kompositionen variiert, so wie eine Geschichte weiter erzählt und dabei modifiziert wird. Üben bedeutete bis zum Anbruch des Industriezeitalters sich ständig zu verbessern. Es bestand aus Wiederholen und Variieren.

Diese Einheit zerbrach im 19. Jahrhundert. Das Variieren wurde schwächer und schwächer, bis es aus dem Üben ganz verschwunden war und nur noch als Fehler zurückblieb. Üben wurde aufs Wiederholen beschränkt und strikt aufs richtige Ausführen des vorher eindeutig Definierten ausgerichtet. Lernen wurde zum Drill. ...

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Individuen müssen ihre eigenen Wege (im Lernen) finden. Die scheinen häufig Umwege zu sein, wenn man nur das Ergebnis im Blick hat. Soll zum Beispiel beim Klavierunterricht der Schüler den kürzesten und schnellsten Weg zwischen den längst vom Komponisten geschriebenen Noten und dem bloß noch zu beherrschenden Instrument zurücklegen, dann stört der Eigensinn des wahrhaft Übenden eigentlich nur. Genau das geschah im Laufe der Industrialisierung, als Arbeit und Lernen standardisiert wurden. Dabei wandelte sich die Bedeutung von Üben. Von nun an tönte es: Üben, üben und noch mal üben. Das Individuum sollte den Betrieb nicht aufhalten. Die Arbeitshaltung des Industriezeitalters setzte Technik an die erste Stelle und entwertete das Subjekt. Es wurde gewissermaßen zum Instrument, auf dem andere spielten. "Der Sinn der Übung als Selbstzweck wurde ersetzt durch den neuen der vorbereitenden Übung", fasst der Musikwissenschaftler Klug seine Studie zusammen...

Der Autor (*1948) ist Regisseur und Produzent von Fernseh- und Videodokumentationen, der sich schon sein Leben lang mit Fragen der Bildung und des Lernens befasst."

Quelle: http://www.welt.de/die-welt/debatte/article9183132/Krummes-Holz.html

Dienstag, 31. August 2010

Die Länge des „Rhythmischen Teils“

Wenn man die Hauptunterrichte von Klassenlehrern beobachtet, dann fällt auf, dass häufig der erste Teil, der Anfang mit dem rhythmischen Teil, viel Zeit beansprucht. Manchmal gibt es dabei sogar eine Phase, wo einzelne Kinder etwas aus ihrem Privatleben erzählen sollen. Dann folgt bei manchen Sprachübung auf Sprachübung, Lied auf Lied, manchmal wird orchesterreif musiziert, dann vielleicht noch ein Spiel, Sinneswahrnehmungsübungen, Geschicklichkeitstraining usw.

Der Anfang des Unterrichts wird ein Schulkosmos für sich, und man fragt sich, wofür gibt es überhaupt auch noch Eurythmie, Turnen, Musik usw. als spezielle Fachunterrichte. Meint der Klassenlehrer, er müsse alles selbst in die Hand nehmen?
Im Extrem habe ich es schon erlebt, dass ein Klassenlehrer mit einer 7.Klasse 15 - 30 Minuten nur Zungenbrecher sprach, immer der ganze Klassenchor. Und die Schüler machten treu und brav mit; was mich am meisten verwunderte.

Im neuen (internen) Lehrerrundbrief Juli 2010 geht Christoph Wiechert auf die Gliederung des Hauptunterrichtes ein. Er stellt dabei die Frage besonders nach der Länge des rhythmischen Teiles. „Auf jeden Fall darf es nicht zu lange gehen mit dieser Einstimmung, denn der Morgen wird noch vieles bringen... Wie wirkt es auf die Kinder, wenn dieser Teil sich über eine halbe Stunde ausdehnt, oft sogar eine Dreiviertelstunde in Anspruch nimmt?...“
Es folgen nun viele weitere wichtige Fragen und Anregungen, Gewohnheiten des Hauptunterrichtes einmal neu zu bedenken:
„Der ‚Rhythmische Teil’ bekommt Ritualcharakter, wenn zum Beispiel die Schüler der sechsten Klasse am Wochentag ihres Geburtstags ihren Zeugnisspruch vor der Klasse aufsagen müssen. (Wir sehen jetzt ab von der Frage ob diese Gewohnheit psychologisch diesem Alter angemessen ist.) An sich ist die Gewohnheit nicht schlecht. (Auch wenn man nach einem halben Jahr doch hoffen muss, dass der Spruch sich erledigt hat: Der Schüler hat sich weiter entwickelt, über den Spruch hinaus.) Ist dieser Vorgang aber nicht gegriffen, sieht man das Ritual: ein möglichst uninteressierter Schüler sagt seinen Spruch vor einer gelangweilten ‚Masse’ Schüler auf. Der Vorgang bringt niemandem etwas, dauert aber, ab einer gewissen Klassenstärke leicht zehn bis fünfzehn Minuten. Zählt man dazu die übrigen Elemente dieses Morgenteiles, ist schnell kostbarste Zeit verflogen.
So wage ich auch zu bezweifeln, ob Flötespielen am Morgen die richtige Aktivität ist. Man schaue einmal einer Gruppe Kinder zu, die am (frühen) Morgen flötet und einer Gruppe Kinder, die das am (späteren) Vormittag im Musikunterricht machen. Ein großer Unterschied ist wahrzunehmen. (Ein Unterschied, den man merkwürdig genug, am Singen nicht so wahrnimmt.) Auch das viel gelobte Stampfen am Morgen, was bewirkt es? Man sieht, dass es die Kinder müde macht statt wach. Stampfen macht müde, nicht wach.
Der wirkliche Rhythmus, den wir immer beachten müssen, ist nicht der zwischen Teilen des Hauptunterrichtes, sondern der, der sich an den Kindern und Schülern offenbart. Wann ermüden sie, wann werden sie wach? Das ist der Gesichtspunkt. Wer nach diesem Prinzip unterrichtet, baut die Hälfte der Disziplinschwierigkeiten schon dadurch ab...."

Sonntag, 29. August 2010

Schreibschrift - Druckschrift

Vereinfachte Ausgangsschrift
In meiner 6.Klasse beobachte ich, dass immer mehr Kinder die Schreibschrift nicht sehr gerne schreiben, sondern die Druckschrift bevorzugen. Dabei gehen sie mit dieser recht geschickt um und auch die Leserlichkeit ist oft besser als bei einer Schreibschrift.

Nun stoße ich in der FAZ auf eine interessante Auseinandersetzung über die Schriftarten, die in der Schule gelernt werden. So hat man ja in der Regelschule neben dem Beginn mit den Druckbuchstaben auch noch die vereinfachte Schreibschrift. Dies alles wird nun in Frage gestellt. Man meint, dass es reiche, die Druckschrift zu lernen, dann könnten die Kinder ihre eigene Schrift selber weiter daraus entwickeln.

Interessant ist an der ganzen Sache, dass nun etwas ähnliches passiert, wie bei der Rechtschreibung: Es wird solange herum-reformiert, bis ein gewisses Chaos entsteht, weil keiner mehr weiß, welche Schrift oder Rechtschreibung nun richtig sein soll.

Wenn man die Vorgänge aber genau betrachtet, dann stellt man fest, dass etwas geschieht, was mit dem Charakter unseres Bewusstseins-Seelen-Zeitalters zu tun hat. Die Kinder bekommen mehr Freiheit in ihrer Entwicklung. Die Zwangssysteme "Rechtschreibung" und exakte "Schönschrift" sind etwas aufgeweicht.

Hier Auszüge aus dem Text der FAZ:

"Buchstaben mit Zukunft
Schreibschrift, ade?
Tastaturen haben das Schreiben von Hand in Nischen verdrängt. Welche Schrift sollen Grundschüler in Zukunft lernen? Während darüber noch gestritten wird, fordern Wissenschaftler und Pädagogen das Ende des Schönschreibens.
Von Georg Rüschemeyer


"... Die Frage ist doch vielmehr: Brauchen wir heute überhaupt noch eine verbundene Ausgangsschrift?“
Damit gehört sie zur wachsenden Zahl von Pädagogen, die den Streit um die richtige Schönschrift beenden wollen, indem sie sie komplett abschaffen.
Unter dem Motto „Schluss mit dem Schriften-Wirrwarr!“ hat im Mai der deutsche Grundschulverband eine Initiative zur Abschaffung der drei gebräuchlichen Ausgangsschriften gestartet. Die Alternative ist simpel: Man solle es einfach bei der handgeschriebenen Druckschrift belassen, in der heute Erstklässler im ganzen Land ohnehin Lesen und Schreiben lernen, bevor sie dann in der zweiten Jahrgangsstufe zu den geschwungeneren Ausgangsschriften angehalten werden.

....Der Grundschulverband propagiert nun die sogenannte Grundschrift, handgeschriebene Druckbuchstaben, die zum Teil für den besseren Anschluss mit einem kleinen Wendebogen enden. Diese Grundschrift soll aber nicht wie gestochen kopiert werden, sondern lediglich als Vorlage zum Entwickeln einer eigenen Handschrift dienen, die, wie es die Lehrpläne fordern, auch durchaus verbunden sein soll. Nur dürfen die Kinder unter Anleitung ihrer Lehrerinnen verstärkt selbst ausprobieren, wo beispielsweise eine Buchstabenverbindung sinnvoll ist und wo man stattdessen eher einen „Luftsprung“ einlegt."

Freitag, 27. August 2010

"Wir erziehen nur Automaten..."

„Wir sind uns eigentlich gar nicht stark genug bewusst, wie wir in der Menschheitsentwickelung zurückgekommen sind; die Menschen waren einmal so weit, dass sie die Kinder mehr oder weniger wild haben aufwachsen lassen; dass sie sie gar nicht besonders haben unterrichten lassen. Da hat man nicht eingegriffen in die Freiheit des Menschen, so in die Freiheit eingegriffen, wie wir das tun. Wir fangen an mit 6 Jahren in die Freiheit des Menschen einzugreifen, und müssen, was wir eben dadurch verbrechen, was wir an Freiheit zerstören, dadurch wieder ausbessern, dass wir in der richtigen Weise erziehen. Wir müssen uns klar darüber sein, dass das Wie des Unterrichtens von uns verbessert werden muss, weil wir sonst einem furchtbaren Zustand entgegengehen. Die Leute mögen noch so stark feststellen, wie hoch die Kultur gekommen ist, wie wenig Analphabeten es gibt und so weiter — sie sind doch bloß Abdrücke, Automaten von dem, was in der Schule zubereitet worden ist.“

Rudolf Steiner, Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung, S.66 - GA 302

Mittwoch, 25. August 2010

Singen und Summen

Viel zu unbekannt und zu wenig erspürt ist das, was mit dem beliebten Summen einer Melodie im Unterricht zusammenhängt.

Beim Summen erzeugt der Mensch einen Ton, den er gewissermaßen in seinem Inneren einsperrt. Dieser Klang darf nicht frei in die Welt hinein strömen. Jeder Ton, den der Mensch in seinem Inneren erzeugt, soll aber ein Geschenk für die Welt sein und frei klingend in sie hineinströmen.

Statt dessen sagte Steiner einmal, möge man lieber zumindest einen Vokal singen oder eine Silbe „la-la-la...“

Auch wies Steiner darauf hin, dass man als Mensch mit den menschlichen Stimmorganen nur sprechende oder singende Töne von sich geben soll. Alles eher Mechanische wie schnalzen, pfeifen oder auch summen sei zu vermeiden.

Man spürt an diesen Angaben, wie hoch die Bedeutung des Menschenwesens ist und welch hohe Mittel und Gesinnungen es braucht, damit der junge Mensch kompromisslos zu seinem wahren Menschentum hingeführt wird.

Montag, 23. August 2010

Puppen und Zwerge immer mit Gesicht

In Waldorfzusammenhängen findet man häufig liebevoll gestaltete Puppen, Zwerge und andere wunderbare Stoff-Geschöpfe. Manchmal haben diese aber gar kein richtiges Gesicht.
Für Kinder ab einem gewissen Alter ist es notwendig, dass die Augen, die Nase und der Mund ein wenig angedeutet sind. Sobald das Kind in seinem Leibe wohnt, weiß es, dass das Innere eines Wesens immer durch die Augen in die Welt hinausblickt und dass auch Mund und Nase für ein Gesicht notwendig sind.


Folgende Äußerung dazu findet man bei Rudolf Steiner:

„Der frei gestaltende Geist des Kindes formt aus einem Stück Holz, das ein paar Punkte und Striche für Augen, Nase und Mund hat, eine menschliche Figur. Wenn das Kind aber eine möglichst schön geformte Puppe bekommt, sie hat etwas, woran es gebunden ist; daher haftet dann die innere Geisteskraft an dem, was schon da ist und wird nicht zur eigenen Tätigkeit herausgefordert – sie ist gebunden - , und damit geht die gestaltende Phantasiekraft für das spätere Leben überhaupt fast verloren.“

Rudolf Steiner: „Erziehungspraxis auf der Grundlage spiritueller Erkenntnis“ Berlin, 14. Mai 1906, GA 96

"Wie die Muskeln der Hand stark und kräftig werden, wenn sie die ihnen gemäße Arbeit verrichten, so wird das Gehirn und werden die anderen Organe des physischen Menschenleibes in die richtigen Bahnen gelenkt, wenn sie die richtigen Eindrücke von ihrer Umgebung erhalten. Ein Beispiel wird am besten anschaulich machen, um was es sich handelt. Man kann einem Kinde eine Puppe machen, indem man eine alte Serviette zusammenwindet, aus zwei Zipfeln Beine, aus zwei anderen Zipfeln Arme fabriziert, aus einem Knoten den Kopf, und dann mit Tintenklecksen Augen und Nase und Mund malt. Oder man kann eine sogenannte "schöne" Puppe mit echten Haaren und bemalten Wangen kaufen und sie dem Kinde geben. Es braucht hier gar nicht einmal davon gesprochen zu werden, daß diese Puppe natürlich doch scheußlich ist und den gesunden ästhetischen Sinn für Lebenszeit zu verderben geeignet ist. Die Haupterziehungsfrage dabei ist eine andere. Wenn das Kind die zusammengewickelte Serviette vor sich hat, so muß es sich aus seiner Phantasie heraus das ergänzen, was das Ding erst als Mensch erscheinen läßt. Diese Arbeit der Phantasie wirkt bildend auf die Formen des Gehirns. Dieses schließt sich auf, wie sich die Muskeln der Hand aufschließen durch die ihnen angemessene Arbeit. Erhält das Kind die sogenannte "schöne Puppe", so hat das Gehirn nichts mehr zu tun. Es verkümmert und verdorrt, statt sich aufzuschließen. Könnten die Menschen wie der Geisteswissenschafter hineinschauen in das sich in seinen Formen aufbauende Gehirn, sie würden sicher ihren Kindern nur solche Spielzeuge geben, welche geeignet sind, die Bildungstätigkeit des Gehirns lebendig anzuregen.

Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft(1907)

Samstag, 21. August 2010

Ein "Ur-Waldorf-Zeugnis-Text"

Man vergleiche einmal die Länge eines heutigen Klassenlehrer-Zeugnisses mit diesem Text der noch zu Rudolf Steiners Zeiten von Alexander Strakosch für ein Kind aus der damaligen 8.Klasse geschrieben wurde:

"Max(Name geändert) hatte in diesem Jahr viel mit sich zu tun. Er sollte immer erst sein eigenes Tun und Lassen prüfen, ehe er Ansprüche an andere stellt, dann wird er mehr von sich los kommen und den Weg zu den Herzen seiner Mitmenschen finden.

Im Rechnen und Algebra ging es gut, in Geometrie hat er mit Verständnis und sauber gearbeitet. Seine Aufsätze zeigen rege Gedanken, er kann sich gewandt ausdrücken, die Rechtschreibung ist gut. In Physik, Chemie, Menschenkunde, Geometrie und Geschichte war nicht immer die richtige, energische Teilnahme vorhanden, daher Lücken in seinen sonst guten Kenntnissen.
Der Klassenlehrer:
Alexander Strakosch"

Literaturhinweis: Neuer Erziehungsratgeber

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Einmal hatte ich einen Schüler, der sinngemäß etwa folgendes sagte: "Oh, nächste Woche wird es zu Hause wieder hart werden. Unsere (alleinerziehende) Mutter fährt am Wochenende auf ein 'Seminar' und da bekommt sie immer viele Erziehungsratschläge..."
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In der FAZ vom 21.August 2010, S.34, findet sich eine Buchbesprechung unter der Rubrik "Neue Sachbücher", die ich hier gerne ungekürzt zitieren möchte, da ich fast jedem Satz zustimmen kann.
(Ausgenommen die eine Stelle: "Denn zum einen haben sich die Kinder ihre Eltern nicht ausgesucht..." - natürlich haben die Kinder sich ihre Eltern ausgesucht!) :

"Man erinnere sich, wie man als Kind Konflikte meisterte oder an ihnen scheiterte
In der Erziehungswelt gelten weltfremde Vollkommenheitsideale: Peter Paulig möchte mit seinem Kinderversteherbuch die Ratgebergläubigkeit vieler Eltern erschüttern.

Ist ein Kind geboren, bekommt es viele mehr oder weniger nützliche Dinge geschenkt. Doch das wichtigste ist nicht dabei, meint der Pädagoge Peter Paulig: ein mitwachsendes, ein Leben lang haltbares T-Shirt mit der Aufschrift: Ich bin einmalig! Paulig hat den schon reichlich vorhandenen Erziehungsratgebern einen weiteren hinzugefügt, aber einen, der auf besondere Art zugleich sehr konkret und sehr grundsätzlich ist. Kritisch dem eigenen Genre gegenüber, hat Paulig dennoch Listen mit Geboten, Verboten und bedenkenswerten Punkten verfasst, an denen der Leser sein Erziehungsverhalten ausrichten und prüfen kann: "Bring deinem Kind beständige, gleichmäßige Liebe und Fürsorge entgegen!", "Sei großzügig mit deiner Zeit!", "Verwöhne mich nicht!".

Die Individualität des Kindes widerstreitet dem üblicherweise auf Typologisches gerichteten Fach der Erziehungsratgeber. Es ist Pauligs Verdienst, die Ratgebergläubigkeit zu erschüttern: Es gibt kein Rezept für die gute, garantiert gelingende und am besten auch noch stressfreie Erziehung. Jedes Kind braucht seine eigene. Sklavisch an bestimmten Regeln festzuhalten kann genauso schädlich sein, wie sich allein auf Gefühle oder die innere Stimme zu verlassen. Ratgeber verfahren aus methodologischen Gründen reduktionistisch, das heißt: Sie isolieren bestimmte Merkmale der Eltern-Kind-Beziehung, trennen sie vom sonstigen sozialen Kontext ab und kommen auf diese Weise zu exakten, aber oft sehr weltfremden Befunden.
Um dieser Ratgeber-Falle zu entgehen, so rät Paulig, sollten Eltern sich öfter an die eigene Kindheit erinnern, sich fragen, was ihnen damals Freude machte, Halt gab, wie sie Konflikte erfuhren und meisterten oder an ihnen scheiterten.Viele Eltern, so hat der Autor beobachtet, bemühen sich zwar um die körperlichen Bedürfnisse ihrer Kinder, vernachlässigen aber die Seelenarbeit. Gesunde Ernährung, Vorsorgeuntersuchungen, im Zweifel der Besuch beim Spezialisten, das ist (glücklicherweise) meist selbstverständlich, doch es hapert nicht selten an der Empathie.
Hier hat es der Autor vor allem auf "Wiederkäuer, Spießer und Miesmacher" abgesehen. Wiederkäuer können nicht vergessen und wollen nicht vergeben. Nachtragend und mit Leidensmiene kauen sie ständig auf den Fehlern des Kindes herum und machen ihm das Leben schwer. Spießer, per definitionem "kleinliche, engstirnige Menschen", sehen immer nur die Defizite ihrer Kinder. Miesmacher fühlen sich von schlechten, dummen Menschen umgeben, die "Jugend von heute" ist ihnen zuwider. Manchmal verfallen auch engagierte Eltern aus Gedankenlosigkeit in die eine oder andere dieser unsympathischen Rollen, so Paulig.
Schlechtes Gewissen und weltfremde Vollkommenheitsideale sorgen dafür, dass man den eigenen Eingebungen nicht traut, kurzerhand Verdikte ausspricht, die Kinder nicht geduldig und entschieden genug fordert oder sie "auslagert", indem man sie von einer Aktivität zur nächsten schickt.Ohnehin ist Paulig mit den Eltern nicht allzu zimperlich: Eltern seien schnell bereit, die Schuld für Erziehungsprobleme dem "schwierigen" Kind in die Schuhe zu schieben. Zu Unrecht, meint der Autor. Denn zum einen haben sich die Kinder ihre Eltern nicht ausgesucht. Zum anderen sind Eltern oft selbst ein schlechtes Vorbild, manchmal sind sie zu bequem, manchmal sind sie feige. Manche lassen das Kind gewähren, weil sie Angst haben, seine Liebe zu verlieren, andere setzen herzlos ihre Erziehungsregeln durch und wundern sich, dass keine vertrauensvolle Beziehung aufkommen will. Wieder andere versuchen sich als guter Kumpel, was ihre Sprösslinge peinlich finden.Da ist die Mutter, die sich über ihren lügenden Sohn beschwert und ihn in Anwesenheit des Autors zum Telefon schickt: Er soll behaupten, sie sei einkaufen. Eine andere beschwert sich, dass ihr Sohn zu Hause nichts erzählt, und ruft seine Freunde an, um ihm nachzuspionieren. Da ist der Vater, der den mit einer Ehrenurkunde freudestrahlend vom Sportfest kommenden Sohn an eine Lüge von letzter Woche erinnert, statt sich mit ihm zu freuen.Läuft die Entwicklung des Kindes dann nicht so wie erwartet, stellt sich Rat- und Hilflosigkeit ein.
Paulig, der einen erzieherischen Beratungsdienst, eine pädagogische Akademie und eine Elternschule gegründet hat, berichtet von den typischen Fragen von Eltern, die mit ihren Erziehungsbemühungen nicht weiterkommen. Paulig plädiert für eine einfühlsame Strenge, die das Kind als Individuum ernst nimmt und Zuwendung und Anerkennung an die erste Stelle stellt.Zugleich warnt er davor, Kinder zu sehr zu behüten, ihnen die Möglichkeit auf eigene Erfahrungen zu nehmen oder sie zu verwöhnen. Aufgaben, die ein Kind bewältigen kann, soll es auch übernehmen. Sonst wird allzu schnell aus dem niedlichen kleinen Schatz, dem man jeden Wunsch erfüllt, ein kleiner Tyrann. Beschließt die geschaffte Mutter dann, dass jetzt auf der Stelle alles anders zu werden habe, ist die große Krise programmiert.
Paulig erläutert den Unterschied zwischen (willkürlichen) Strafen und (einsehbaren) Konsequenzen, betont die Bedeutung von Regeln, Revieren und Ritualen und macht natürlich darauf aufmerksam, dass Gewalt keine zulässige Erziehungsmaßnahme ist. Er erzählt von Erlebnissen mit seinen eigenen sechs Kindern und verweist zur Vertiefung einzelner Themen auf andere Ratgeber. Doch er verspricht keine schnellen Lösungen: Es gibt Probleme, die zu lösen Zeit braucht. So gibt es keinen einfachen Trick, um ein verschüchtertes, verschlossenes Kind aus seiner seelischen Festung zu locken. Und es gibt auch Probleme, die sich gar nicht lösen lassen. Vor allem aber geht es darum, Kinder stark zu machen, so dass sie nicht an Ungerechtigkeiten, Bosheiten oder Trennungsschmerz zerbrechen, mit dem wir sie immer früher konfrontieren.Was die Bewertung religiöser Erziehung angeht, der sich nach Pauli niemand entziehen darf, kann man sicher anderer Meinung sein, doch zweifellos hat Paulig ein weises Buch geschrieben, das in seinen Ratschlägen alltagserprobt und in seiner Grundhaltung zutiefst menschlich ist."
Manuela LenzenPeter Paulig: "Das Kinderversteherbuch". Alles, was Eltern wissen wollen. Pattloch Verlag, München 2009. 352 S., geb., 19,95 [Euro].
Text: F.A.Z., 21.08.2010, Nr. 193 / Seite 34

Freitag, 20. August 2010

Fehldiagnose: ADHS

So lautet ein Bericht über die Fehldiagnose: ADHS. Es wird einmal in nicht ferner Zukunft zu den unbegreiflichsten Vorgängen gehören, dass man unsere Kinder in dieser Weise „behandelt“ hat.

ADHS ist auch eine durch die Erziehung bedingte Störung, für die auch die Eltern eine Mitverantwortung tragen. Wie kann ein Kind, das man ungeschützt den vielen Sinneseindrücken der Welt überlässt, überhaupt noch zur Ruhe kommen. Schon die Kleinkinder werden in „Transportgeräte“ gesetzt, wo die Sinneseindrücke auf sie nur so einprasseln!

Dann sieht man an diesem Artikel auch, dass die Früheinschulung vom Entwicklungs-Gesichtspunkt der Kinder neu bedacht werden muss.

"Wurde einer Million amerikanischer Kinder fälschlicherweise eine Aufmerksamkeitsstörung bescheinigt? Eine neue Studie behauptet dies und verweist auf die Bedeutung des Alters für die Bestimmung des rasant wachsenden Krankheitsbildes. 
Von Joachim Müller-Jung FAZ 19. August 2010
Machen es sich unsere Ärzte zu leicht? Handeln sie vielleicht sogar fahrlässig, wenn sie Kinder als gestört abstempeln und zu kleinen Patienten mit einer großen „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“ machen, die anschließend mit Ritalin oder anderen Stimulanzien vollgepumpt werden? Die Fragen sind nicht neu, aber sie müssen jetzt noch mal auf den Tisch. Eine Million amerikanischer Kinder und Jugendlicher (ein Fünftel aller ADHS-Diagnosen) soll in den vergangenen Jahren fälschlicherweise, gewissermaßen versehentlich, als Zappelphilippe diagnostiziert und entsprechend behandelt worden sein. Falsch diagnostiziert aus dem geradezu banalen Grund, dass ihr Geburtstag ein paar Tage vor dem Stichtag für den Kindergarteneintritt liegt. Sie sind die Jüngsten und schlichtweg unreifer als ihre Gruppen- und Klassenkameraden ..."
Quelle: FAZ "Sind wir alle hyperaktiv?" 20.8.2010

Mittwoch, 18. August 2010

Zur Individualisierung des Unterrichts

Zitat von Rudolf Steiner

"Dasjenige, was jetzt auseinander gesetzt wurde, drängt daraufhin: Immer mehr und mehr zu individualisieren, jeden Menschen als ein Wesen für sich zu betrachten. [...] Beginnen, den inneren Seelenblick voll auf die Individualität hinzulenken, das muss im Unterricht des Menschen kommen. In die Lehrerbildung muss die Gesinnung aufgenommen werden: Individualitäten in den Menschen zu finden. [...] Die Erziehungsfrage ist eine Lehrerbildungsfrage." ( Rudolf Steiner in: Die Erziehungsfrage als soziale Fage, 4. Vortrag, GA 296)
(Gefunden bei Thomas Jachmann; Link siehe hier rechts unten in "Meine Blog-Liste")

Montag, 16. August 2010

Unternehmungen gründlich vorbereiten

Bei allen Unternehmungen, wo man mit einer Klasse aus der Schule in die Welt hinaus gehen will, ist die Vorbereitung wichtiger als die jeweilige Unternehmung.
Man wird schnell herausfinden, dass man für einen Ausflug, der vielleicht einen halben Tag dauert, leicht eine Unterrichtswoche an Vorbereitung braucht. Nur so führt man die Schüler in pädagogisch verantwortbarer Weise in die Welt hinein. Sonst verschenkt und vertut man wertvolle Lebenszeit der Schüler und würde besser mit ihnen in der Schule etwas lernen.

Lehrer greifen oft viel zu schnell bei irgendwelchen Tipps und Angeboten von außen zu, weil sie meinen, dass den Schülern etwas Abwechslung gut täte und dass ein Ausflug den Unterrichtsalltag auflockere.

Das sind aber alles keine ernsthaft pädagogischen Gesichtspunkte. Seelische Abwechslung und Auflockerung gehört in jeden Unterricht hinein. Die Kinder sollen immer möglichst erfrischt aus einer Stunde hinaus in die Pause gehen.

Eine "Unternehmung" ist in Wahrheit das anstrengendste und pädagogisch am schwersten zu greifende Thema.
Und immer muss der Lehrer - wenn es irgendwie menschen-möglich ist - das, was er mit den Kindern besuchen will, vorher gründlich selbst kennen gelernt haben.

Ich erinnere mich noch an die Teilnahme an einer Probe eines Orchesters in der Stadthalle, die sehr empfohlen wurde. Aber die Kinder verstanden schließlich von den Erklärungen kaum etwas und die Musik war auch Geschmackssache. Hätte ich vorher gewusst, was da auf uns zukommt, wäre ich nicht hingegangen.

Samstag, 14. August 2010

Führungen immer selber machen

Alle üblichen Führungen in Museen, Betrieben oder bei anderen Sehenswürdigkeiten gehen gewöhnlich nicht von einem wirklich brauchbaren pädagogischen Gesichtspunkt aus. Sie wenden sich fast immer an den "Kopf" der Schüler.

Ganz abgesehen davon, dass Museen sowieso fast immer die reinste Kopf-Kultur sind und gar kein Leben in sich tragen, sondern fast nur Totes, und man sie von daher bei vernünftiger pädagogischer Überlegung möglichst immer mit den Kindern vermeidet.


Überrascht kann man auch sein, wenn man den allerbesten, allerpraktischsten Handwerker mit den Kindern besucht (z.B. in der 3.Klasse) und er macht den Mund auf, um den Kindern etwas zu erklären, dass dann oft das Aller-Abstrakteste aus diesem "Praktiker"-Mund herauskommt...


Die gleiche Beobachtung kann man auch bei guten Künstlern machen. Sobald sie beginnen, über Kunst zu sprechen, wird es ganz und gar professor-mäßig.

Donnerstag, 12. August 2010

Eurythmie als Kulturfaktor

Bei Vorträgen in England am 26.August 1923 (GA 279, S. 38f) sprach Rudolf Steiner über den Waldorfunterricht und die verschiedenen Fächer. Er schildert dabei die positiven Erfahrungen in der ersten Waldorfschule in Stuttgart mit der Wirkung der Eurythmie auf die Entwicklung der Schüler.


„Aber man muss sich klar sein darüber, dass, wenn man einseitig die Eurythmie in die Schule hineinstellen würde, (und) sie nicht als Kunst (in der Öffentlichkeit) würdigen würde, so würde man die Schule missverstehen.

Eurythmie gehört als Kunst zunächst in das Leben hinein wie die anderen Künste.
Und wie wir die anderen Künste lehren, wenn sie draußen blühen, so kann auch Eurythmie in der Schule nur gelehrt werden, wenn sie wirklich als Kunst in der Zivilisation anerkannt und gewürdigt wird.“


Sonntag, 8. August 2010

ADHS

Vor kurzem hörte ich, wie sich zwei kleine Mädchen, noch im Kindergartenalter, unterhielten. Sie sagten so etwa folgendes:
"Hast du ADHS?"
"Was? Aber ich kenne den ADAC! Ich habe schon ein Auto vom ADAC gesehen!"