Dienstag, 31. August 2010

Die Länge des „Rhythmischen Teils“

Wenn man die Hauptunterrichte von Klassenlehrern beobachtet, dann fällt auf, dass häufig der erste Teil, der Anfang mit dem rhythmischen Teil, viel Zeit beansprucht. Manchmal gibt es dabei sogar eine Phase, wo einzelne Kinder etwas aus ihrem Privatleben erzählen sollen. Dann folgt bei manchen Sprachübung auf Sprachübung, Lied auf Lied, manchmal wird orchesterreif musiziert, dann vielleicht noch ein Spiel, Sinneswahrnehmungsübungen, Geschicklichkeitstraining usw.

Der Anfang des Unterrichts wird ein Schulkosmos für sich, und man fragt sich, wofür gibt es überhaupt auch noch Eurythmie, Turnen, Musik usw. als spezielle Fachunterrichte. Meint der Klassenlehrer, er müsse alles selbst in die Hand nehmen?
Im Extrem habe ich es schon erlebt, dass ein Klassenlehrer mit einer 7.Klasse 15 - 30 Minuten nur Zungenbrecher sprach, immer der ganze Klassenchor. Und die Schüler machten treu und brav mit; was mich am meisten verwunderte.

Im neuen (internen) Lehrerrundbrief Juli 2010 geht Christoph Wiechert auf die Gliederung des Hauptunterrichtes ein. Er stellt dabei die Frage besonders nach der Länge des rhythmischen Teiles. „Auf jeden Fall darf es nicht zu lange gehen mit dieser Einstimmung, denn der Morgen wird noch vieles bringen... Wie wirkt es auf die Kinder, wenn dieser Teil sich über eine halbe Stunde ausdehnt, oft sogar eine Dreiviertelstunde in Anspruch nimmt?...“
Es folgen nun viele weitere wichtige Fragen und Anregungen, Gewohnheiten des Hauptunterrichtes einmal neu zu bedenken:
„Der ‚Rhythmische Teil’ bekommt Ritualcharakter, wenn zum Beispiel die Schüler der sechsten Klasse am Wochentag ihres Geburtstags ihren Zeugnisspruch vor der Klasse aufsagen müssen. (Wir sehen jetzt ab von der Frage ob diese Gewohnheit psychologisch diesem Alter angemessen ist.) An sich ist die Gewohnheit nicht schlecht. (Auch wenn man nach einem halben Jahr doch hoffen muss, dass der Spruch sich erledigt hat: Der Schüler hat sich weiter entwickelt, über den Spruch hinaus.) Ist dieser Vorgang aber nicht gegriffen, sieht man das Ritual: ein möglichst uninteressierter Schüler sagt seinen Spruch vor einer gelangweilten ‚Masse’ Schüler auf. Der Vorgang bringt niemandem etwas, dauert aber, ab einer gewissen Klassenstärke leicht zehn bis fünfzehn Minuten. Zählt man dazu die übrigen Elemente dieses Morgenteiles, ist schnell kostbarste Zeit verflogen.
So wage ich auch zu bezweifeln, ob Flötespielen am Morgen die richtige Aktivität ist. Man schaue einmal einer Gruppe Kinder zu, die am (frühen) Morgen flötet und einer Gruppe Kinder, die das am (späteren) Vormittag im Musikunterricht machen. Ein großer Unterschied ist wahrzunehmen. (Ein Unterschied, den man merkwürdig genug, am Singen nicht so wahrnimmt.) Auch das viel gelobte Stampfen am Morgen, was bewirkt es? Man sieht, dass es die Kinder müde macht statt wach. Stampfen macht müde, nicht wach.
Der wirkliche Rhythmus, den wir immer beachten müssen, ist nicht der zwischen Teilen des Hauptunterrichtes, sondern der, der sich an den Kindern und Schülern offenbart. Wann ermüden sie, wann werden sie wach? Das ist der Gesichtspunkt. Wer nach diesem Prinzip unterrichtet, baut die Hälfte der Disziplinschwierigkeiten schon dadurch ab...."

Sonntag, 29. August 2010

Schreibschrift - Druckschrift

Vereinfachte Ausgangsschrift
In meiner 6.Klasse beobachte ich, dass immer mehr Kinder die Schreibschrift nicht sehr gerne schreiben, sondern die Druckschrift bevorzugen. Dabei gehen sie mit dieser recht geschickt um und auch die Leserlichkeit ist oft besser als bei einer Schreibschrift.

Nun stoße ich in der FAZ auf eine interessante Auseinandersetzung über die Schriftarten, die in der Schule gelernt werden. So hat man ja in der Regelschule neben dem Beginn mit den Druckbuchstaben auch noch die vereinfachte Schreibschrift. Dies alles wird nun in Frage gestellt. Man meint, dass es reiche, die Druckschrift zu lernen, dann könnten die Kinder ihre eigene Schrift selber weiter daraus entwickeln.

Interessant ist an der ganzen Sache, dass nun etwas ähnliches passiert, wie bei der Rechtschreibung: Es wird solange herum-reformiert, bis ein gewisses Chaos entsteht, weil keiner mehr weiß, welche Schrift oder Rechtschreibung nun richtig sein soll.

Wenn man die Vorgänge aber genau betrachtet, dann stellt man fest, dass etwas geschieht, was mit dem Charakter unseres Bewusstseins-Seelen-Zeitalters zu tun hat. Die Kinder bekommen mehr Freiheit in ihrer Entwicklung. Die Zwangssysteme "Rechtschreibung" und exakte "Schönschrift" sind etwas aufgeweicht.

Hier Auszüge aus dem Text der FAZ:

"Buchstaben mit Zukunft
Schreibschrift, ade?
Tastaturen haben das Schreiben von Hand in Nischen verdrängt. Welche Schrift sollen Grundschüler in Zukunft lernen? Während darüber noch gestritten wird, fordern Wissenschaftler und Pädagogen das Ende des Schönschreibens.
Von Georg Rüschemeyer


"... Die Frage ist doch vielmehr: Brauchen wir heute überhaupt noch eine verbundene Ausgangsschrift?“
Damit gehört sie zur wachsenden Zahl von Pädagogen, die den Streit um die richtige Schönschrift beenden wollen, indem sie sie komplett abschaffen.
Unter dem Motto „Schluss mit dem Schriften-Wirrwarr!“ hat im Mai der deutsche Grundschulverband eine Initiative zur Abschaffung der drei gebräuchlichen Ausgangsschriften gestartet. Die Alternative ist simpel: Man solle es einfach bei der handgeschriebenen Druckschrift belassen, in der heute Erstklässler im ganzen Land ohnehin Lesen und Schreiben lernen, bevor sie dann in der zweiten Jahrgangsstufe zu den geschwungeneren Ausgangsschriften angehalten werden.

....Der Grundschulverband propagiert nun die sogenannte Grundschrift, handgeschriebene Druckbuchstaben, die zum Teil für den besseren Anschluss mit einem kleinen Wendebogen enden. Diese Grundschrift soll aber nicht wie gestochen kopiert werden, sondern lediglich als Vorlage zum Entwickeln einer eigenen Handschrift dienen, die, wie es die Lehrpläne fordern, auch durchaus verbunden sein soll. Nur dürfen die Kinder unter Anleitung ihrer Lehrerinnen verstärkt selbst ausprobieren, wo beispielsweise eine Buchstabenverbindung sinnvoll ist und wo man stattdessen eher einen „Luftsprung“ einlegt."

Freitag, 27. August 2010

"Wir erziehen nur Automaten..."

„Wir sind uns eigentlich gar nicht stark genug bewusst, wie wir in der Menschheitsentwickelung zurückgekommen sind; die Menschen waren einmal so weit, dass sie die Kinder mehr oder weniger wild haben aufwachsen lassen; dass sie sie gar nicht besonders haben unterrichten lassen. Da hat man nicht eingegriffen in die Freiheit des Menschen, so in die Freiheit eingegriffen, wie wir das tun. Wir fangen an mit 6 Jahren in die Freiheit des Menschen einzugreifen, und müssen, was wir eben dadurch verbrechen, was wir an Freiheit zerstören, dadurch wieder ausbessern, dass wir in der richtigen Weise erziehen. Wir müssen uns klar darüber sein, dass das Wie des Unterrichtens von uns verbessert werden muss, weil wir sonst einem furchtbaren Zustand entgegengehen. Die Leute mögen noch so stark feststellen, wie hoch die Kultur gekommen ist, wie wenig Analphabeten es gibt und so weiter — sie sind doch bloß Abdrücke, Automaten von dem, was in der Schule zubereitet worden ist.“

Rudolf Steiner, Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung, S.66 - GA 302

Mittwoch, 25. August 2010

Singen und Summen

Viel zu unbekannt und zu wenig erspürt ist das, was mit dem beliebten Summen einer Melodie im Unterricht zusammenhängt.

Beim Summen erzeugt der Mensch einen Ton, den er gewissermaßen in seinem Inneren einsperrt. Dieser Klang darf nicht frei in die Welt hinein strömen. Jeder Ton, den der Mensch in seinem Inneren erzeugt, soll aber ein Geschenk für die Welt sein und frei klingend in sie hineinströmen.

Statt dessen sagte Steiner einmal, möge man lieber zumindest einen Vokal singen oder eine Silbe „la-la-la...“

Auch wies Steiner darauf hin, dass man als Mensch mit den menschlichen Stimmorganen nur sprechende oder singende Töne von sich geben soll. Alles eher Mechanische wie schnalzen, pfeifen oder auch summen sei zu vermeiden.

Man spürt an diesen Angaben, wie hoch die Bedeutung des Menschenwesens ist und welch hohe Mittel und Gesinnungen es braucht, damit der junge Mensch kompromisslos zu seinem wahren Menschentum hingeführt wird.

Montag, 23. August 2010

Puppen und Zwerge immer mit Gesicht

In Waldorfzusammenhängen findet man häufig liebevoll gestaltete Puppen, Zwerge und andere wunderbare Stoff-Geschöpfe. Manchmal haben diese aber gar kein richtiges Gesicht.
Für Kinder ab einem gewissen Alter ist es notwendig, dass die Augen, die Nase und der Mund ein wenig angedeutet sind. Sobald das Kind in seinem Leibe wohnt, weiß es, dass das Innere eines Wesens immer durch die Augen in die Welt hinausblickt und dass auch Mund und Nase für ein Gesicht notwendig sind.


Folgende Äußerung dazu findet man bei Rudolf Steiner:

„Der frei gestaltende Geist des Kindes formt aus einem Stück Holz, das ein paar Punkte und Striche für Augen, Nase und Mund hat, eine menschliche Figur. Wenn das Kind aber eine möglichst schön geformte Puppe bekommt, sie hat etwas, woran es gebunden ist; daher haftet dann die innere Geisteskraft an dem, was schon da ist und wird nicht zur eigenen Tätigkeit herausgefordert – sie ist gebunden - , und damit geht die gestaltende Phantasiekraft für das spätere Leben überhaupt fast verloren.“

Rudolf Steiner: „Erziehungspraxis auf der Grundlage spiritueller Erkenntnis“ Berlin, 14. Mai 1906, GA 96

"Wie die Muskeln der Hand stark und kräftig werden, wenn sie die ihnen gemäße Arbeit verrichten, so wird das Gehirn und werden die anderen Organe des physischen Menschenleibes in die richtigen Bahnen gelenkt, wenn sie die richtigen Eindrücke von ihrer Umgebung erhalten. Ein Beispiel wird am besten anschaulich machen, um was es sich handelt. Man kann einem Kinde eine Puppe machen, indem man eine alte Serviette zusammenwindet, aus zwei Zipfeln Beine, aus zwei anderen Zipfeln Arme fabriziert, aus einem Knoten den Kopf, und dann mit Tintenklecksen Augen und Nase und Mund malt. Oder man kann eine sogenannte "schöne" Puppe mit echten Haaren und bemalten Wangen kaufen und sie dem Kinde geben. Es braucht hier gar nicht einmal davon gesprochen zu werden, daß diese Puppe natürlich doch scheußlich ist und den gesunden ästhetischen Sinn für Lebenszeit zu verderben geeignet ist. Die Haupterziehungsfrage dabei ist eine andere. Wenn das Kind die zusammengewickelte Serviette vor sich hat, so muß es sich aus seiner Phantasie heraus das ergänzen, was das Ding erst als Mensch erscheinen läßt. Diese Arbeit der Phantasie wirkt bildend auf die Formen des Gehirns. Dieses schließt sich auf, wie sich die Muskeln der Hand aufschließen durch die ihnen angemessene Arbeit. Erhält das Kind die sogenannte "schöne Puppe", so hat das Gehirn nichts mehr zu tun. Es verkümmert und verdorrt, statt sich aufzuschließen. Könnten die Menschen wie der Geisteswissenschafter hineinschauen in das sich in seinen Formen aufbauende Gehirn, sie würden sicher ihren Kindern nur solche Spielzeuge geben, welche geeignet sind, die Bildungstätigkeit des Gehirns lebendig anzuregen.

Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft(1907)

Samstag, 21. August 2010

Ein "Ur-Waldorf-Zeugnis-Text"

Man vergleiche einmal die Länge eines heutigen Klassenlehrer-Zeugnisses mit diesem Text der noch zu Rudolf Steiners Zeiten von Alexander Strakosch für ein Kind aus der damaligen 8.Klasse geschrieben wurde:

"Max(Name geändert) hatte in diesem Jahr viel mit sich zu tun. Er sollte immer erst sein eigenes Tun und Lassen prüfen, ehe er Ansprüche an andere stellt, dann wird er mehr von sich los kommen und den Weg zu den Herzen seiner Mitmenschen finden.

Im Rechnen und Algebra ging es gut, in Geometrie hat er mit Verständnis und sauber gearbeitet. Seine Aufsätze zeigen rege Gedanken, er kann sich gewandt ausdrücken, die Rechtschreibung ist gut. In Physik, Chemie, Menschenkunde, Geometrie und Geschichte war nicht immer die richtige, energische Teilnahme vorhanden, daher Lücken in seinen sonst guten Kenntnissen.
Der Klassenlehrer:
Alexander Strakosch"

Literaturhinweis: Neuer Erziehungsratgeber

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Einmal hatte ich einen Schüler, der sinngemäß etwa folgendes sagte: "Oh, nächste Woche wird es zu Hause wieder hart werden. Unsere (alleinerziehende) Mutter fährt am Wochenende auf ein 'Seminar' und da bekommt sie immer viele Erziehungsratschläge..."
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In der FAZ vom 21.August 2010, S.34, findet sich eine Buchbesprechung unter der Rubrik "Neue Sachbücher", die ich hier gerne ungekürzt zitieren möchte, da ich fast jedem Satz zustimmen kann.
(Ausgenommen die eine Stelle: "Denn zum einen haben sich die Kinder ihre Eltern nicht ausgesucht..." - natürlich haben die Kinder sich ihre Eltern ausgesucht!) :

"Man erinnere sich, wie man als Kind Konflikte meisterte oder an ihnen scheiterte
In der Erziehungswelt gelten weltfremde Vollkommenheitsideale: Peter Paulig möchte mit seinem Kinderversteherbuch die Ratgebergläubigkeit vieler Eltern erschüttern.

Ist ein Kind geboren, bekommt es viele mehr oder weniger nützliche Dinge geschenkt. Doch das wichtigste ist nicht dabei, meint der Pädagoge Peter Paulig: ein mitwachsendes, ein Leben lang haltbares T-Shirt mit der Aufschrift: Ich bin einmalig! Paulig hat den schon reichlich vorhandenen Erziehungsratgebern einen weiteren hinzugefügt, aber einen, der auf besondere Art zugleich sehr konkret und sehr grundsätzlich ist. Kritisch dem eigenen Genre gegenüber, hat Paulig dennoch Listen mit Geboten, Verboten und bedenkenswerten Punkten verfasst, an denen der Leser sein Erziehungsverhalten ausrichten und prüfen kann: "Bring deinem Kind beständige, gleichmäßige Liebe und Fürsorge entgegen!", "Sei großzügig mit deiner Zeit!", "Verwöhne mich nicht!".

Die Individualität des Kindes widerstreitet dem üblicherweise auf Typologisches gerichteten Fach der Erziehungsratgeber. Es ist Pauligs Verdienst, die Ratgebergläubigkeit zu erschüttern: Es gibt kein Rezept für die gute, garantiert gelingende und am besten auch noch stressfreie Erziehung. Jedes Kind braucht seine eigene. Sklavisch an bestimmten Regeln festzuhalten kann genauso schädlich sein, wie sich allein auf Gefühle oder die innere Stimme zu verlassen. Ratgeber verfahren aus methodologischen Gründen reduktionistisch, das heißt: Sie isolieren bestimmte Merkmale der Eltern-Kind-Beziehung, trennen sie vom sonstigen sozialen Kontext ab und kommen auf diese Weise zu exakten, aber oft sehr weltfremden Befunden.
Um dieser Ratgeber-Falle zu entgehen, so rät Paulig, sollten Eltern sich öfter an die eigene Kindheit erinnern, sich fragen, was ihnen damals Freude machte, Halt gab, wie sie Konflikte erfuhren und meisterten oder an ihnen scheiterten.Viele Eltern, so hat der Autor beobachtet, bemühen sich zwar um die körperlichen Bedürfnisse ihrer Kinder, vernachlässigen aber die Seelenarbeit. Gesunde Ernährung, Vorsorgeuntersuchungen, im Zweifel der Besuch beim Spezialisten, das ist (glücklicherweise) meist selbstverständlich, doch es hapert nicht selten an der Empathie.
Hier hat es der Autor vor allem auf "Wiederkäuer, Spießer und Miesmacher" abgesehen. Wiederkäuer können nicht vergessen und wollen nicht vergeben. Nachtragend und mit Leidensmiene kauen sie ständig auf den Fehlern des Kindes herum und machen ihm das Leben schwer. Spießer, per definitionem "kleinliche, engstirnige Menschen", sehen immer nur die Defizite ihrer Kinder. Miesmacher fühlen sich von schlechten, dummen Menschen umgeben, die "Jugend von heute" ist ihnen zuwider. Manchmal verfallen auch engagierte Eltern aus Gedankenlosigkeit in die eine oder andere dieser unsympathischen Rollen, so Paulig.
Schlechtes Gewissen und weltfremde Vollkommenheitsideale sorgen dafür, dass man den eigenen Eingebungen nicht traut, kurzerhand Verdikte ausspricht, die Kinder nicht geduldig und entschieden genug fordert oder sie "auslagert", indem man sie von einer Aktivität zur nächsten schickt.Ohnehin ist Paulig mit den Eltern nicht allzu zimperlich: Eltern seien schnell bereit, die Schuld für Erziehungsprobleme dem "schwierigen" Kind in die Schuhe zu schieben. Zu Unrecht, meint der Autor. Denn zum einen haben sich die Kinder ihre Eltern nicht ausgesucht. Zum anderen sind Eltern oft selbst ein schlechtes Vorbild, manchmal sind sie zu bequem, manchmal sind sie feige. Manche lassen das Kind gewähren, weil sie Angst haben, seine Liebe zu verlieren, andere setzen herzlos ihre Erziehungsregeln durch und wundern sich, dass keine vertrauensvolle Beziehung aufkommen will. Wieder andere versuchen sich als guter Kumpel, was ihre Sprösslinge peinlich finden.Da ist die Mutter, die sich über ihren lügenden Sohn beschwert und ihn in Anwesenheit des Autors zum Telefon schickt: Er soll behaupten, sie sei einkaufen. Eine andere beschwert sich, dass ihr Sohn zu Hause nichts erzählt, und ruft seine Freunde an, um ihm nachzuspionieren. Da ist der Vater, der den mit einer Ehrenurkunde freudestrahlend vom Sportfest kommenden Sohn an eine Lüge von letzter Woche erinnert, statt sich mit ihm zu freuen.Läuft die Entwicklung des Kindes dann nicht so wie erwartet, stellt sich Rat- und Hilflosigkeit ein.
Paulig, der einen erzieherischen Beratungsdienst, eine pädagogische Akademie und eine Elternschule gegründet hat, berichtet von den typischen Fragen von Eltern, die mit ihren Erziehungsbemühungen nicht weiterkommen. Paulig plädiert für eine einfühlsame Strenge, die das Kind als Individuum ernst nimmt und Zuwendung und Anerkennung an die erste Stelle stellt.Zugleich warnt er davor, Kinder zu sehr zu behüten, ihnen die Möglichkeit auf eigene Erfahrungen zu nehmen oder sie zu verwöhnen. Aufgaben, die ein Kind bewältigen kann, soll es auch übernehmen. Sonst wird allzu schnell aus dem niedlichen kleinen Schatz, dem man jeden Wunsch erfüllt, ein kleiner Tyrann. Beschließt die geschaffte Mutter dann, dass jetzt auf der Stelle alles anders zu werden habe, ist die große Krise programmiert.
Paulig erläutert den Unterschied zwischen (willkürlichen) Strafen und (einsehbaren) Konsequenzen, betont die Bedeutung von Regeln, Revieren und Ritualen und macht natürlich darauf aufmerksam, dass Gewalt keine zulässige Erziehungsmaßnahme ist. Er erzählt von Erlebnissen mit seinen eigenen sechs Kindern und verweist zur Vertiefung einzelner Themen auf andere Ratgeber. Doch er verspricht keine schnellen Lösungen: Es gibt Probleme, die zu lösen Zeit braucht. So gibt es keinen einfachen Trick, um ein verschüchtertes, verschlossenes Kind aus seiner seelischen Festung zu locken. Und es gibt auch Probleme, die sich gar nicht lösen lassen. Vor allem aber geht es darum, Kinder stark zu machen, so dass sie nicht an Ungerechtigkeiten, Bosheiten oder Trennungsschmerz zerbrechen, mit dem wir sie immer früher konfrontieren.Was die Bewertung religiöser Erziehung angeht, der sich nach Pauli niemand entziehen darf, kann man sicher anderer Meinung sein, doch zweifellos hat Paulig ein weises Buch geschrieben, das in seinen Ratschlägen alltagserprobt und in seiner Grundhaltung zutiefst menschlich ist."
Manuela LenzenPeter Paulig: "Das Kinderversteherbuch". Alles, was Eltern wissen wollen. Pattloch Verlag, München 2009. 352 S., geb., 19,95 [Euro].
Text: F.A.Z., 21.08.2010, Nr. 193 / Seite 34

Freitag, 20. August 2010

Fehldiagnose: ADHS

So lautet ein Bericht über die Fehldiagnose: ADHS. Es wird einmal in nicht ferner Zukunft zu den unbegreiflichsten Vorgängen gehören, dass man unsere Kinder in dieser Weise „behandelt“ hat.

ADHS ist auch eine durch die Erziehung bedingte Störung, für die auch die Eltern eine Mitverantwortung tragen. Wie kann ein Kind, das man ungeschützt den vielen Sinneseindrücken der Welt überlässt, überhaupt noch zur Ruhe kommen. Schon die Kleinkinder werden in „Transportgeräte“ gesetzt, wo die Sinneseindrücke auf sie nur so einprasseln!

Dann sieht man an diesem Artikel auch, dass die Früheinschulung vom Entwicklungs-Gesichtspunkt der Kinder neu bedacht werden muss.

"Wurde einer Million amerikanischer Kinder fälschlicherweise eine Aufmerksamkeitsstörung bescheinigt? Eine neue Studie behauptet dies und verweist auf die Bedeutung des Alters für die Bestimmung des rasant wachsenden Krankheitsbildes. 
Von Joachim Müller-Jung FAZ 19. August 2010
Machen es sich unsere Ärzte zu leicht? Handeln sie vielleicht sogar fahrlässig, wenn sie Kinder als gestört abstempeln und zu kleinen Patienten mit einer großen „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“ machen, die anschließend mit Ritalin oder anderen Stimulanzien vollgepumpt werden? Die Fragen sind nicht neu, aber sie müssen jetzt noch mal auf den Tisch. Eine Million amerikanischer Kinder und Jugendlicher (ein Fünftel aller ADHS-Diagnosen) soll in den vergangenen Jahren fälschlicherweise, gewissermaßen versehentlich, als Zappelphilippe diagnostiziert und entsprechend behandelt worden sein. Falsch diagnostiziert aus dem geradezu banalen Grund, dass ihr Geburtstag ein paar Tage vor dem Stichtag für den Kindergarteneintritt liegt. Sie sind die Jüngsten und schlichtweg unreifer als ihre Gruppen- und Klassenkameraden ..."
Quelle: FAZ "Sind wir alle hyperaktiv?" 20.8.2010

Mittwoch, 18. August 2010

Zur Individualisierung des Unterrichts

Zitat von Rudolf Steiner

"Dasjenige, was jetzt auseinander gesetzt wurde, drängt daraufhin: Immer mehr und mehr zu individualisieren, jeden Menschen als ein Wesen für sich zu betrachten. [...] Beginnen, den inneren Seelenblick voll auf die Individualität hinzulenken, das muss im Unterricht des Menschen kommen. In die Lehrerbildung muss die Gesinnung aufgenommen werden: Individualitäten in den Menschen zu finden. [...] Die Erziehungsfrage ist eine Lehrerbildungsfrage." ( Rudolf Steiner in: Die Erziehungsfrage als soziale Fage, 4. Vortrag, GA 296)
(Gefunden bei Thomas Jachmann; Link siehe hier rechts unten in "Meine Blog-Liste")

Montag, 16. August 2010

Unternehmungen gründlich vorbereiten

Bei allen Unternehmungen, wo man mit einer Klasse aus der Schule in die Welt hinaus gehen will, ist die Vorbereitung wichtiger als die jeweilige Unternehmung.
Man wird schnell herausfinden, dass man für einen Ausflug, der vielleicht einen halben Tag dauert, leicht eine Unterrichtswoche an Vorbereitung braucht. Nur so führt man die Schüler in pädagogisch verantwortbarer Weise in die Welt hinein. Sonst verschenkt und vertut man wertvolle Lebenszeit der Schüler und würde besser mit ihnen in der Schule etwas lernen.

Lehrer greifen oft viel zu schnell bei irgendwelchen Tipps und Angeboten von außen zu, weil sie meinen, dass den Schülern etwas Abwechslung gut täte und dass ein Ausflug den Unterrichtsalltag auflockere.

Das sind aber alles keine ernsthaft pädagogischen Gesichtspunkte. Seelische Abwechslung und Auflockerung gehört in jeden Unterricht hinein. Die Kinder sollen immer möglichst erfrischt aus einer Stunde hinaus in die Pause gehen.

Eine "Unternehmung" ist in Wahrheit das anstrengendste und pädagogisch am schwersten zu greifende Thema.
Und immer muss der Lehrer - wenn es irgendwie menschen-möglich ist - das, was er mit den Kindern besuchen will, vorher gründlich selbst kennen gelernt haben.

Ich erinnere mich noch an die Teilnahme an einer Probe eines Orchesters in der Stadthalle, die sehr empfohlen wurde. Aber die Kinder verstanden schließlich von den Erklärungen kaum etwas und die Musik war auch Geschmackssache. Hätte ich vorher gewusst, was da auf uns zukommt, wäre ich nicht hingegangen.

Samstag, 14. August 2010

Führungen immer selber machen

Alle üblichen Führungen in Museen, Betrieben oder bei anderen Sehenswürdigkeiten gehen gewöhnlich nicht von einem wirklich brauchbaren pädagogischen Gesichtspunkt aus. Sie wenden sich fast immer an den "Kopf" der Schüler.

Ganz abgesehen davon, dass Museen sowieso fast immer die reinste Kopf-Kultur sind und gar kein Leben in sich tragen, sondern fast nur Totes, und man sie von daher bei vernünftiger pädagogischer Überlegung möglichst immer mit den Kindern vermeidet.


Überrascht kann man auch sein, wenn man den allerbesten, allerpraktischsten Handwerker mit den Kindern besucht (z.B. in der 3.Klasse) und er macht den Mund auf, um den Kindern etwas zu erklären, dass dann oft das Aller-Abstrakteste aus diesem "Praktiker"-Mund herauskommt...


Die gleiche Beobachtung kann man auch bei guten Künstlern machen. Sobald sie beginnen, über Kunst zu sprechen, wird es ganz und gar professor-mäßig.

Donnerstag, 12. August 2010

Eurythmie als Kulturfaktor

Bei Vorträgen in England am 26.August 1923 (GA 279, S. 38f) sprach Rudolf Steiner über den Waldorfunterricht und die verschiedenen Fächer. Er schildert dabei die positiven Erfahrungen in der ersten Waldorfschule in Stuttgart mit der Wirkung der Eurythmie auf die Entwicklung der Schüler.


„Aber man muss sich klar sein darüber, dass, wenn man einseitig die Eurythmie in die Schule hineinstellen würde, (und) sie nicht als Kunst (in der Öffentlichkeit) würdigen würde, so würde man die Schule missverstehen.

Eurythmie gehört als Kunst zunächst in das Leben hinein wie die anderen Künste.
Und wie wir die anderen Künste lehren, wenn sie draußen blühen, so kann auch Eurythmie in der Schule nur gelehrt werden, wenn sie wirklich als Kunst in der Zivilisation anerkannt und gewürdigt wird.“


Sonntag, 8. August 2010

ADHS

Vor kurzem hörte ich, wie sich zwei kleine Mädchen, noch im Kindergartenalter, unterhielten. Sie sagten so etwa folgendes:
"Hast du ADHS?"
"Was? Aber ich kenne den ADAC! Ich habe schon ein Auto vom ADAC gesehen!"

Donnerstag, 5. August 2010

Fehler korrigieren

Es gibt noch so unendliche viele Anregungen Rudolf Steiners, die in der Praxis der Waldorfschulen erarbeitet werden müssen.
Ein ganz besonderes Anliegen ist der Umgang mit "Fehlern" und das "Korrigieren". Nicht nur in den öffentlichen Schulen auch bei uns spielt die "Korrektur" eine nicht unerhebliche Rolle. Ganz drastische Ausmaße nimmt sie in der Oberstufe an. Manches ist dort durch die äußeren Forderungen notwendig, vieles aber geschieht freiwillig.

Es gibt nur einen wirklich positiven Umgang mit den sog. Fehlern eines Schülers:

1. Man registriere sie als Lehrer ganz aufmerksam, aber unauffällig, d.h. der Schüler soll nicht bemerken, dass man einen Fehler entdeckt hat..
2. Man denke darüber zu Hause nach und überlege sich, was der sog. Fehler über das Wesen des Schülers aussagt.
3. Man überlege sich pädagogisch geschickte Wege, um dem Schüler an seinen Schwachstellen zu helfen.

Sicher gibt es beim Schreiben und Rechnen Situationen, wo ein Fehler deutlicher sichtbar wird. Da kann man dann alles Erdenkliche unternehmen, um der Sache so wenig Wert und Bedeutung zu geben wie nur möglich.

Ich stieß dazu vor kurzem auf eine Stelle in einem päd. Vortrag Rudolf Steiners, die ich nun zitieren möchte. Leider ist mir die Literaturangabe verloren gegangen:
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„ Es ist leicht, sich vor eine Klasse hinzustellen und in einer Weise herauszubekommen: Der sagt etwas Richtiges, der etwas Falsches! - und dann zu korrigieren das Falsche ins Richtige; aber eine eigentlich erzieherische Tätigkeit wird, dabei nicht ausgeübt. Es ist ganz unwesentlich für die menschliche Entwickelung des Kindes, wenn man das Kind Aufsitze und Schularbeiten machen lässt und sie korrigiert, und das Kind sich überzeugt, dass es Fehler gemacht hat. Das Wesentliche ist, dass man einen feinen Sinn hat
für die Fehler, welche die Kinder machen. Fehler machen die Kinder auf hunderterlei Weise. Jedes Kind macht anders seine Fehler, und wenn man einen feinen Sinn hat dafür, wie verschieden sich die Kinder verhalten mit Bezug auf die Fehler, dann kriegt man heraus, was man zu tun hat, um die Kinder weiter zu bringen.“

Siehe dazu auch Beitrag:
http://joveniden.blogspot.com/2010/01/padagogisch-handeln.html
und
http://joveniden.blogspot.com/2009/12/korrekturen.html

Mittwoch, 4. August 2010

Familienrituale halten gesund

Diesen Artikel halte ich für lesenswert und möchte ihn an Sie weiterreichen:

"Schon ein paar Familienrituale erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder gesund aufwachsen. Wenn Routinen im Alltag eingehalten würden, könnten Kinder Stress besser bewältigen, sagt eine Studie.
Ein geordneter Familienalltag schützt vor psychischen Problemen und Übergewicht. Eine Studie der AOK hat ergeben, dass das bei Kindern sogar in doppelter Hinsicht richtig ist: Familienkultur, Rituale und Vorbildfunktion der Eltern sind demnach für die Gesundheit von Kindern wichtiger als die jeweiligen sozioökonomischen Verhältnisse vor Ort. So könnten beispielsweise Übergewicht und bestimmte psychische Erkrankungen vermieden werden, indem Routinen und Regeln gemeinsam mit den Kindern ausgehandelt und im Alltag eingehalten würden.
Eine zentrale Rolle spielen gemeinsame Mahlzeiten. Vor allem ein ausgewogenes Frühstück jeden Morgen ist die beste Voraussetzung für einen gesunden Start in den Tag. Kinder, die nicht regelmäßig gemeinsam mit ihren Eltern frühstücken, haben demnach ein doppelt so hohes Übergewichtsrisiko. Allerdings sitzen laut Studie nur 64 Prozent der Eltern morgens regelmäßig mit ihren Kindern am Tisch. Doch gerade das gemeinsame Essen morgens gebe Kindern physisch und psychisch Stärke und Sicherheit für den Tag, denn bei dieser Gelegenheit werde in der Regel auch der Tagesablauf besprochen.

Sich Auszeiten gönnen


Auch entspannte Mütter und Väter sind wichtig für die Gesundheit der Kinder: „Eltern sind die Vermittler von Gesundheit“, sagte der Leiter der Untersuchung, Klaus Hurrelmann, deshalb sei es wichtig, dass sich Eltern immer wieder eine Auszeit gönnen. Das fördere ihre Gesundheit und die ihrer Sprösslinge."

Samstag, 12. Juni 2010

Fleisch macht frühreif


"Ernährung

Eine Ernährungsstudie hat gezeigt, dass hoher Fleischkonsum Mädchen jünger geschlechtsreif werden lässt. Die Studienautoren raten dennoch nicht zu einer fleischlosen Diät.....
Für ihre Studie untersuchten sie die Ernährungsgewohnheiten von 3298 Mädchen aus Gemeinden im Südwesten von England. Die Daten stammten aus einer Langzeitstudie, an der Eltern und Kinder seit den 90er-Jahren teilgenommen hatten. Die Eltern notierten den Speiseplan für ihre Kinder, als diese drei Jahre alt waren und abermals, als diese sieben Jahre alt und damit bereits schulpflichtig waren.

Die Wissenschaftler teilten die Teilnehmerinnen in zwei Kategorien ein. In die erste Kategorie kamen alle Mädchen, die bis zum festgelegten Grenzalter von zwölf Jahren und acht Monaten die erste Periode bekommen hatten. In die zweite Kategorie diejenigen, die erst später geschlechtsreif wurden. So konnten die Forscher beobachten, ob die Essgewohnheiten in den Kategorien auffällig verteilt waren. Um das Grenzalter zu bestimmen, hatten sich die Mediziner an jenem Alter orientiert, anhand dessen sich die gesamte Mädchengruppe in zwei gleich stark besetzte Gruppen unterteilen ließ.

Folge extremen Fleischkonsums

Es zeigte sich, dass Mädchen mit dem höchsten Fleischkonsum im Schulkindesalter mit hoher Wahrscheinlichkeit (49 Prozent) ihre erste Periode bis zum Erreichen des Grenzalters bekommen hatten. Die Mädchen mit dem geringsten Fleischkonsum waren seltener in der ersten Kategorie vertreten. Nur 35 Prozent von ihnen hatten ihre erste Regel schon mit zwölf Jahren und acht Monaten bekommen.

Die Studienautorin Imogen Rogers möchte ihre Studie nicht missverstanden wissen: Sie sieht keinen Anlass gegeben, jungen Mädchen eine gänzlich fleischfreie Diät zu verordnen. Moderater Fleischgenuss sei gesundheitsfördernd, denn Fleisch sei ein Zink- und Eisenlieferant. Lediglich extremer Fleischgenuss sei zu vermeiden. Weitere Forschungsarbeiten sollen die Ergebnisse bestätigen. Die Studie ist im Fachjournal „Public Health Nutrition“ erschienen."

wm/University of Brighton/PubMed

Fähigkeiten ausbrüten

Für die Entwicklung kindlicher Fähigkeiten ist das Bild des „Ausbrütens“ geeignet. Die Glucke oder die Vogelmutter sitzt auf den Eiern, wärmt sie und brütet sie aus. Im Inneren des Eies entwickelt sich dadurch das neue Vögelchen. Nie geht die Vogelmutter her und sagt, dass das Kleine da drinnen jetzt das Federbilden üben müsse. Geheimnisvollerweise geht es auf ganz anderem Weg. Es kommt einem so vor, als wüsste das Ei schon selbst, wie und welches Vögelchen in seinem Inneren sich entwickeln müsste. Nie beeinflusst die Mutter oder die Welt direkt den Vorgang im Innern. Es ist dazwischen sogar eine harte Schale, die vor einer direkten Einflussnahme schützt. Nie drängt und zerrt das Äußere an dem Inneren.

So ist es auch mit unseren Kindern. Die ungeheuere Bedeutung dieses Brütevorgangs wird noch immer – trotz aller wissenschaftlichen Bestätigungen - unterschätzt. Rechen- und Lesefähigkeiten müssen ausgebrütet werden. Das eine Vögelchen schlüpft dann einmal schneller, das andere später. Alles geschieht aber in einem verborgenen Innenraum, in einem Nachtraum, von alleine – wenn die Wärme da ist.
Diese Wärme hat beim Menschenwesen vielfältige Gestalt: Mitleid, Verständnis, In-Ruhe-Lassen, seelische Verbindung, Sich-Kümmern, Da-Sein, Zuwendung, mit Freude bereitete Speisen, das rechte Wort zur rechten Zeit, Licht und Klarheit im Umgang, Vertrauen, dass alles gut wird, Entschiedenheit und Beweglichkeit, Gerechtigkeit.
Sonderbarerweise, lernt das Kind rechnen nicht dadurch, dass es das Rechnen übt – höchstens dadurch, dass es dem Rechnen immer wieder einmal in der Welt begegnet. Es lernt es dann dadurch, dass es in irgendeinem Lebensmoment ein Interesse für diese Sache entwickelt. Das Interesse kann man ihm nicht einreden, es erwacht in seinem tiefsten Innern.
Dann wächst und wächst diese Fähigkeit, wie das Flügelchen des Vögleins im Inneren des Vogeleis.

Dienstag, 8. Juni 2010

Klassengröße hat keinen Einfluss auf des Lernen

"Einer weiteren Auswertung der jüngsten IGLU-Studie zufolge haben kleinere Klassen weniger Einfluss auf die Leistung der Schüler als bisher angenommen. Diesen Schluss ziehen Wissenschaftler aus der Analyse der IGLU-Daten von 2006: »Ein Einfluss der Klassengröße ist nicht nachweisbar«, stellten die Forscher nach der Auswertung des statistischen Materials fest. Auch spiele die Schülerzahl beim Stress-Empfinden von Lehrern eine untergeordnete Rolle. Die Ergebnisse stehen damit diametral gegen die Forderung von Eltern und die Versprechen von Politikern, die Klassenstärken zu reduzieren."

Von red. / dpa, Juni 2010

Samstag, 5. Juni 2010

Probezeit – Androhung des Schulverweises

Manchmal werden neue Schüler in eine Klasse aufgenommen, obwohl man skeptisch ist, ob diese in die jeweilige Klasse passen. Im Konferenzgespräch kann jemand äußern, dass es ja eine Probezeit gäbe...
Das ist problematisch. Wenn man ein Kind in eine Schule aufnimmt, dann verbindet man sich völlig mit diesem Kind. Ab diesem Moment ist man für seine gesamte schulische Entwicklung verantwortlich. Man wird dies nur tun können in der vollsten Überzeugung, dass man das will und dass man das kann. Skepsis ertötet jede seelische Entwicklungsmöglichkeit für Lehrer und Kind. Nur Zuversicht kann dabei helfen. Man kann ein Kind, das man in Ehrlichkeit einmal auf- und damit angenommen hat, nie mehr loswerden wollen. So tief ist eine echte Verbindung. 


In der neuen Erziehungskunst, Juni 2010, schreibt Hennig Köhler dazu über
„Schüler auf dem Schleudersitz?“
„Eine angehende Waldorfmutter schreibt mir. „An unserer Schule ist eine 12-monatige Probezeit für alle neu aufgenommenen Kinder vorgesehen. Das irritiert mich sehr.“ ...Die Kinder sind unter Vorbehalt aufgenommen. Sie müssen sich erst bewähren...
Über Kinder und Eltern hängt also während des gesamten ersten Schuljahres das Damoklesschwert der Kündigung. Besagte Mutter schreibt: “Man hat uns einen Auszug aus dem Schulgesetz mitgeschickt: Ordnungsmaßnahmen, Ausschluss aus dem Unterricht, schriftlicher Verweis, Schulverweis...das volle Programm.“
Reine Formsache? Leider nein. In meiner Sprechstunde wurden allein im laufenden Schuljahr mehrere Familien vorstellig, denen man mitgeteilt hatte, ihre Kinder – Erstklässler an Waldorfschulen - seien voraussichtlich nicht mehr lange tragbar...
Die Gepflogenheit, illusorisch kurzfristige Ultimaten zu stellen – oft ohne Vorwarnung-, ist sehr verbreitet und setzt sich bis in die Oberstufe fort...
Prinzipiell gilt: Unter dem Druck ultimativer Fristen verschlechtern sich die Aussichten der betroffenen Schüler. Nicht immer aber meistens...“
Link: KOLUMNE K. -
http://www.erziehungskunst.de/inhaltsverzeichnis/#c510

Freitag, 4. Juni 2010

Der Eingriff in die Freiheit

Auch die Waldorfpädagogik ist in gewisser Weise ein Kind dieser Zeit. Das Hineinpressen in ein schulisches Zwangssystem bleibt bei uns eben keinem Kind erspart. Auch bei uns denken Eltern und Lehrer, wenn auch mit großer Leidenschaft und großem Engagement, immerzu daran, wie sie den Kindern zu ihrem Glück verhelfen können. Auch bei uns scheut man nicht davor zurück, leichtere Zwänge auszuüben, auch wenn die Notenpeitsche fehlt, weil man meint, dass das Kind in eine gewisse, sozial übliche Norm gebracht werden muss.

Die Individualisierung ist noch lange nicht voll begriffen und ergriffen. Hier gilt es noch viel radikalere Änderungen durchzuführen. Das Abschaffen der Hausaufgaben wäre nur ein erster, kleiner Schritt.

Dazu folgendes Zitat von Rudolf Steiner:

„Wir sind uns eigentlich gar nicht stark genug bewusst, wie wir in der Menschheitsentwickelung zurückgekommen sind; die Menschen waren einmal so weit, dass sie die Kinder mehr oder weniger wild haben aufwachsen lassen; dass sie sie gar nicht besonders haben unterrichten lassen. Da hat man nicht eingegriffen in die Freiheit des Menschen, so in die Freiheit eingegriffen, wie wir das tun. Wir fangen an mit 6 Jahren in die Freiheit des Menschen einzugreifen, und müssen, was wir eben dadurch verbrechen, was wir an Freiheit zerstören, dadurch wieder ausbessern, dass wir in der richtigen Weise erziehen. Wir müssen uns klar darüber sein, dass das Wie des Unterrichtens von uns verbessert werden muss, weil wir sonst einem furchtbaren Zustand entgegengehen. Die Leute mögen noch so stark feststellen, wie hoch die Kultur gekommen ist, wie wenig Analphabeten es gibt und so weiter — sie sind doch bloß Abdrücke, Automaten von dem, was in der Schule zubereitet worden ist.“

Sonntag, 30. Mai 2010

Allzu viel ist ungesund:

Mir fiel auf, dass es immer wieder Eltern gibt, die geradezu euphorisch über die Waldorfschule reden. Sie loben laut Schule und Lehrer bei jeder Gelegenheit. Sie tragen dieses Lob in die Welt - fast ein wenig missionarisch.
Manchmal sind es auch Eltern, die zunächst ihre Kinder auf einer Regelschule hatten, und dann besonders beeindruckt von den neuen Erfahrungen in der Waldorfschule sind.
Doch nach einiger Zeit sind sie schon wieder verschwunden...

Freitag, 28. Mai 2010

Die Macht der Dogmen

Mit aller Macht arbeitet heute die materialistische Wissenschaft daran, den Erziehungsprozess in ihre Hand zu bekommen. Sie breitet Dogmen über die Welt hinweg aus, an fast denen nicht mehr vorbeizukommen ist. Menschliche Phänomene werden zu Krankheiten erklärt, die man durch bestimmte Methoden oder gar chemische Mittel zu bekämpfen habe.

So ist heute an einen vernünftigen, individuellen Umgang mit dem Phänomen der Linkshändigkeit gar nicht mehr zu denken. Alle "wissenschaftlichen" Forschungen arbeiten dem entgegen.

Ebenso wird das langsamere Sich-Verbinden einer vielleicht gar sensiblen Menschenseele mit den furchtbar abstrakten, intellektuellen, schwarzen Wesen, den Buchstaben, als Lese-Rechtschreib-Schwäche deklariert, der unbedingt und sofort wiederum mit gewissen "wissenschaftlichen" Methoden beizukommen ist. Die Eltern werden dadurch ständig in Angst versetzt, etwas zu versäumen.

In der Waldorfschule wissen wir durch die Menschenkunde, dass man den Kindern viel, viel Zeit lassen soll beim Erlernen dieser Kulturtechniken. Dennoch erlebe ich jetzt auch schon bei Waldorflehrern, wie sie unter diesem Druck in die Knie gehen und bereitwillig sich nun auch Leseprogrammen und Lesetrainings-Methoden unterwerfen.

Zu diesen Fragen ein Auszug aus einem Text von Thomas Jachmann (siehe rechts der entsprechende Link):

"Vertieft man sich in solche von der Anthroposophie gegebene pädagogische Gesichtspunkte, so erweitert sich die eigene Fragestellung zur Aufgabenstellung des Klassenlehrers. Man spürt aber auch sehr deutlich, dass die vermeintlichen Zwänge und Vorstellungen des Alltags immer wieder diese Weite angreifen und nicht aufkommen lassen wollen. Sogenannte wissenschaftliche Erkenntnisse postulieren Schwächen und Krankheiten des Schülers, wo vielleicht nur unterschiedliche Entwicklungsverläufe vorliegen, die über die tolerierte Norm hinausgehen und staatliche Erziehungsverordnungen legen einheitlich fest, was zu einem bestimmten Lebenszeitpunkt gewusst und gekonnt werden muss. (Eine sehr gute und fundierte Darstellung über unterschiedliche Entwicklungsverläufe und zeitliche Bandbreiten in der kindlichen Entwicklung gibt Remo H. Largo in seinem Buch „Kinderjahre“ , München 2000)
Aus vielen Gründen fällt es deshalb dem einzelnen Lehrer immer schwerer, vor Kollegen oder Eltern diesen Glaubenssätzen, dass es Legasthenie oder Rechenschwäche als wissenschaftlich erwiesenes Krankheitsbild gibt oder dass ein Kind bis zum 4.Schuljahr unbedingt Sicherheit in der Rechtschreibung erlangt haben muss, energisch zu widersprechen.
Und doch mehren sich die Beispiele von ... Menschen ,die... erst mit 14 Jahren Schreiben und Lesen gelernt haben und trotzdem ein gutes Abitur machten oder als sogenannte Legastheniker zu weltberühmten Schriftstellern geworden sind. Um die notwendige innere Kraft und Sicherheit gegenüber allen Angriffen auf eine Pädagogik aufzubringen, die nicht der Leistung und der einseitigen Ausbildung von staatlich gewünschten Fähigkeiten, sondern der Ausbildung eines für das ganze Leben gesunden Menschen die Priorität gibt, muss der Erzieher sich eine innere Haltung erwerben, die meiner Erfahrung nach vor allem aus einer Arbeit an der Menschenkunde und deren gemüthafter Vertiefung entstehen kann. Neben dem Studium der Vorträge über Erziehung und Kunst empfehlen sich, wie ich es erlebe, dabei ganz besonders die Vorträge GA 205 bis GA 208."
Quelle:
http://www.thomasjachmann.de/artikel/11-die-ausbildung-des-gemuets-im-2-jahrsiebt.html

Zeugnis-Blüten

Beim Korrektur-Lesen von Zeugnissen kann man auf nette Verschreiber stoßen:
"Alles bringt sie im Garten zu einem guten Abschuss."
"Ich wünsche dir den Mut alle Aufgaben zu einem guten Ende zu führen" - dann fehlte aber der Punkt!
Nach der neuen Rechtschreibung muss man "im Großen und Ganzen" leider groß schreiben.
Nun der Lehrer:
"Die Rechtschreibung ist im großen und ganzen recht gut, nur die Groß- und Kleinschreibung bereitete ernste Schwierigkeiten." (wem denn nun?)

Donnerstag, 27. Mai 2010

Heutiger Entwicklungsstand der Kinder

"Die körperliche Entwicklung schreitet immer schneller voran."
"Die seelische Entwicklung bleibt zurück."

Diese beiden Aussagen hört man oft.
Generell kann ich nach dreißigjähriger Berufserfahrung die beiden Feststellungen nicht unbedingt bestätigen.
Es könnte sein, dass ich bei einzelnen Mädchen eine deutlich frühe körperliche Reife beobachte oder davon höre. Allerdings sprach man früher nicht so offen über alles, wie heute.

Nach meiner Empfindung gilt alles, was wir aus der Menschenkunde über die Entwicklung der verschiedenen Leiber wissen und wie wir im Unterricht mit ihnen arbeiten und umgehen sollen, nach wie vor. Die Nachahmungskräfte z.B. sind noch immer wunderbar in den ersten Schuljahren für das Lernen einsetzbar.

Aber dennoch durchzieht alles bei den Kindern eine größere Reife, Bewusstheit, Wachheit, Wissensbegierde. Auch ihr soziales Bewusstsein ist weiter entwickelt.
Das alles ist Ausdruck der Bewusstseins-Seele, die die Kinder in sich tragen.

Diese muss heute immer schon angesprochen werden- vom ersten Schultag an. Das wird in der Waldorflehrerausbildung noch gar nicht ausreichend studiert.
Der Lehrer hätte die Kinder lieber so, als trügen sie nur die Gemütsseele in sich. Daraus ergibt eine Diskrepanz.
Man klagt dann über die ungünstigen Zeitverhältnisse und gibt ihnen die Schuld.

Mittwoch, 26. Mai 2010

Die Dinge miteinander verschmelzen

Immer häufiger beobachte ich, dass in Hauptunterrichten "Spielerisches" eingefügt wird.
Daneben sieht man aber auch, dass im Unterricht intellektuelle Elemente vorkommen: Immer wieder vorgefertigte, kopierte Blätter; Rechnungen, wie aus der staatlichen Regelschule; für die Sprachlehre Blätter zum Lücken ausfüllen usw.
In der Waldorfpädagogik werden die beiden Dinge miteinander verbunden. Sprachlehre wird zur Kunst. Die Rechenaufgaben verbinden das Kind selbst mit dem Lebendigen. Es braucht keine auflockernden Spiele, wenn der Unterricht lebendig ist.
Aufgelockert muss nur werden, wenn man zur sehr verhärtend gewirkt hat. Soweit soll man es nie kommen lassen.

Samstag, 22. Mai 2010

Mit Taktgefühl und Güte


Äußerungen Rudolf Steiners in den "Konferenzen" zum Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen.

Manche der folgenden Äußerungen Steiners mögen durch die Zeitverhältnisse heute anders zu beurteilen sein (Kino, Schundliteratur), vieles ist noch gültig. Korrigiert werden muss das Urteil, dass "früher alles einfacher" war. Vieles ist heute sogar einfacher und doch gibt es auch heute vieles, wo man pädagogisch handeln sollte.

Bei den Zitaten wird meist leider auch nicht deutlich, wie der Gesprächsverlauf war, auf welche Ereignisse sich Steiners Worte beziehen.

Immer wieder betont Steiner, dass man die "Kinder aufmerksam macht". Dabei meint er, wenn ich es für nötig halte, über Unarten zu sprechen, dass ich dann die Aufmerksamkeit der Kinder erst besonders auf diese Unart richte. Sie finden dann diese Unart interessant und wollen sie erst recht begehen. Kinder handeln zunächst immer eher unbewusst. Je mehr der Erwachsene dann über diese Dinge redet, desto bewusster werden sie, desto mehr reizen sie den jungen Menschen, sie zu tun. Es ist ein Irrtum, dass der Mensch Dinge nicht tut, bloss weil er verstandesmäßig weiß, dass er sie nicht tun soll.

Viel wichtiger als die Beurteilung einzelner Aussagen oder Probleme, erscheint es mir, den Geist zu erspüren, der hinter Rudolf Steiners Äußerungen steckt, und selber zu versuchen, aus diesem Geist heraus - auch in ganz anderen Situationen - zu handeln:

"Es ist ungeheuer wichtig bei dieser Frage, dass man da wirklich erst dann, wenn es gar nicht zu umgehen ist, irgendwie eingreift, während man möglichst wenig die Kinder verführen soll dadurch, dass man jeden solchen Fall mit den Kindern selbst behandelt. Dadurch macht man sie erst ungezogen. Nehmen sie einen solchen Fall, der vorgekommen ist. Ein Mädchen setzt sich einem großen Knaben auf den Schoß: Sie können ganz sicher sein, solange es möglich ist, muss eine solche Sache ignoriert werden. Man muss versuchen, das zu verhindern. Ja nicht so weit gehen, die Kinder auszuzanken. Dann macht man sie sicher aufmerksam. Diese Sache ist außerordentlich vorsichtig zu behandeln. Sonst können sie es gar nicht wagen, Knaben und Mädchen untereinander zu unterrichten, wenn Sie nicht vermeiden, direkt vorzugehen. ...

Es kommt hier wirklich auf ein Taktgefühl an. Es kann zuweilen etwas sein, was scharf bekämpft werden muss. Bei diesem Punkt sollte man viel mehr indirekt als direkt vorgehen, sonst macht man die Kinder aufmerksam." (Konferenzen II, S.48)

"Eine Sache, die natürlich besprochen werden muss - ich meine wirklich bloß darum, dass nicht von dieser Seite jede mögliche Gegnerschaft kommt - , das ist das Benehmen zwischen den Geschlechtern. Ich will es nicht auffassen, als ob es etwas Furchtbares wäre. Es dürfte nur nicht allzu starke Dimensionen annehmen.

Ich nehme es nicht schlimm...Die Mädchen sagen, die Jungen hätten es von Büchern oder vom Kino. Es ist die Hauptsache, dass man sich darum kümmert. Ich will nichts anderes sagen, als dass man die Dinge kennen muss und versuchen muss, in aller Güte damit fertig zu werden.

Ich meine, dass man ein Auge darauf haben soll, damit es nicht zu stark einreißt. Viel machen lässt sich nicht, weil man dadurch Öl ins Feuer gießt. Im Ganzen, werden es nur ein paar sein. Ich würde die Schundliteratur ausmerzen. Vom Kino würde ich die Jungen abbringen, weil es den Geschmack verdirbt, weil es mit der Geschmacksentwicklung zusammenhängt. (Konferenzen II, 91 f)

Mittwoch, 19. Mai 2010

Verwaltungsfragen

Muss man es ernst nehmen, wenn man eine Entscheidung delegiert hat, und es gefällt einem diese Entscheidung eines delegierten Komitees nicht?

In sozialen Gestaltungsfragen nahm Rudolf Steiner alles sehr bewusst, ja pedantisch genau.

Nachdem es im ersten Kollegium der ersten Waldorfschule in Stuttgart Schwierigkeiten bei der Schulverwaltung gab, wurde eine Gruppe, ein "Komittee", von den Kollegen gewählt, dieses Komittee sollte wiederum drei Kollegen bestimmen, die sie für die Schulverwaltung für geeignet hielten. Das Kollegium sollte dann dieser Auswahl zustimmen.
Als die Dreiergruppe vorgestellt wurde, meldete sich ein Mitglied des Kollegiums und schlug wohlmeinend zur Ergänzung dieses Dreiergremiums einen vierten Kollegen vor.

Damit wurde der ganze, gründlich vorbereitete Weg über den Haufen geworfen, da die Arbeit der Vorbereitungsgruppe quasi negiert wurde. Rudolf Steiner reagierte empört wie selten. Er betrachtete diesen ergänzenden Vorschlag als ein Misstrauensvotum. Für ihn ist es selbstverständlich, dass das Komittee sofort zurücktritt :

Dr. Steiner:

Das würde doch das vollste Misstrauen bedeuten. Dieses vorbereitende Komitee legt seine Funktionen nieder mit der heutigen Lehrerkonferenz. Selbstverständlich ist es so, dass dieser Gegenvorschlag gemacht werden kann. Das Misstrauen würde darin bestehen, dass man einfach, ohne weiter sich aufzuregen, nun um abzustimmen, nicht per Block, sondern per Akklamation, für vier stimmt. Selbstverständlich ist es an sich kein Misstrauens­votum für das Komitee, wenn die vier Herren gewählt werden. Aber so, wie die Behandlungsweise projektiert worden ist, wäre es ein Misstrauensvotum, weil man den Vorschlag des Komitees ohne Dis­kussion in den Wind schlägt. Das Misstrauen liegt darin, dass man ein

Komitee einsetzt, von dem man voraussetzt, dass es mit Prüfung der Tatsachen unter voller Verantwortlichkeit seine Vorschläge macht.

Dann wird ein Gegenvorschlag gemacht. Nun wählen wir sie alle vier. Das heißt, dass man einen Akt, den man selbst gemacht hat, so wenig ernst nimmt. Um die Sache loszukriegen, stimmt man für alle vier.

Das bedeutet ein Misstrauen für das Komitee. Die Sache so behan­deln, dass wir bloß die Illusion erwecken wollen, dass wir harmonisch und einig sind, das bedeutet das Misstrauen gegen das Komitee.

Wir müssen ehrlich uns aussprechen. Darauf kommt es an, dass jeder seine festbegründete, innere Meinung hat. Wie wir hier die Waldorfschule gegründet haben, haben wir aus dem Herzblut heraus die Sache begründet, und jetzt geht so viel von dem schrecklichen System, von dem Unernst, dem nicht Seriösnehmen der Sache, auch ins Kollegium herein. Es bedeutet doch etwas anderes, wenn das Kollegium einig ist, dass der Vorschlag angenommen wird oder nicht. Das ist doch eine Sache, die einem ans Herz geht. Das möchte ich betont haben, dass wir die Sachen nicht oberflächlich nehmen dürfen. Unter‑ und Hintergründe bestehen, ich gebe mich keiner Illusion hin. Wenn ein solcher Vorschlag gemacht wird, so bestehen Untergründe. Auf dem Felde der Anthroposophie muss Ehrlichkeit und nicht Verwutzeltheit herrschen. Das ist, um was ich Sie bitte, einmal ernsthaft anzufangen, wenigstens hier, an der Stätte der Waldorfschule wenigstens aufrechtzuhalten, dass wir nicht über Disharmonien einfach in eine Atmosphäre von Augenzudrücken übergehen, dass wir uns ehrlich aussprechen.

Ist es denn unmöglich, dass sich die Leute sagen, ich habe dies und jenes auf dem Herzen gegen dich, und man leidet sich deshalb nicht weniger gern, und arbeitet deshalb nicht weniger gern zusammen? Warum soll man sich nicht die Wahrheit unter die Augen sagen und trotzdem sich schätzen und achten?


Konferenzen II, S.246

Dienstag, 18. Mai 2010

Interesse der Kinder

Als Argument für manche Dinge, die heute im Unterricht gemacht werden, die aber nicht aus der Menschenkunde entwickelt wurden, wird oft genannt, dass es die Kinder aber sehr interessiert habe, sie seien mit Freude und Begeisterung bei der Sache gewesen.

Die positive Reaktion der Kinder reicht aber nicht allein aus, um einen Inhalt oder eine Methode zu rechtfertigen. Aller Unterricht muss auch im menschenkundlich-wissenschaftlichen Sinne begründbar und abgesichert sein.
Dazu eine Stelle aus den Konferenzen mit Rudolf Steiner:

Eine Eurythmielehrerin berichtete:"Ich hatte die Wirkung, dass die Klasse sehr interessiert war."

Rudolf Steiner:
"Vielleicht ist sie noch mehr interessiert, wenn Sie einen kleinen Film vorführen.
Wir dürfen nie darauf gehen, wie die Kinder interessiert sind durch irgendetwas. ...Es kommt nicht darauf an, dass sie interessiert sind, das wäre eine furchtbar phantastische Pädagogik. Wenn das einreißen würde, dann würde der Unterricht leiden... Entweder ist es im Prinzip richtig, dann müsste es gemacht werden, oder es ist falsch...Das ist jedenfalls etwas, das nicht gehen kann."

Konferenzen I, S.258

Donnerstag, 13. Mai 2010

Zu schwere Aufgaben stellen

In Fortsetzung des Eintrages vom Dienstag, 11. Mai 2010

(http://joveniden.blogspot.com/2010/05/lob-nicht-fur-den-einzelnen-sondern-fur.html)

nun folgendes Zitat aus den "Seminarbesprechungen":

"Hat man solche richtige hervorragende Schülerbegabung abgesondert, und hat man die wirklichen Brävlinge, die immer existieren, ausgesondert, dann kennt man sie, und man wird sie fast immer durch Vereinigung von zwei Methoden zu behandeln haben. Das erste wird sein, daß man mit ihnen, nicht vor der Klasse selber, sondern unter vier Augen reden wird. So dass sie einsehen, sie sind durchschaut.
Man redet mit ihnen sehr eindringlich: « Ihr macht dieses, ihr macht das», und man charakterisiert auch diese Eigenschaften und legt nachher in diesem Falle die Sache auf die persönliche Note. «Ihr könnt das immer machen, ihr könnt das immer wieder und wieder machen. Ihr glaubt, das sei mir angenehm, ihr tut mir damit einen Gefallen? Nein, ich will das gar nicht haben. Es ist mir unangenehm!» Nicht vor der Klasse, aber unter vier Augen spricht man so zu ihnen. Das ist das eine. Man macht dem Schüler ganz klar, daß man ihn durchschaut.
Das andere ist dieses: Man stellt ihm Aufgaben, die ihm zu groß sind, und versucht, ihm klarzumachen, wenn er diese übergroßen Aufgaben lösen muß, so ist es deshalb, weil er sich hervortun will. Es ist schwerer für ihn, diese Eigenschaften zu bekämpfen, als übergroße Aufgaben zu lösen. Aber unangenehmer ist es für ihn, diese Aufgaben zu machen. Deshalb wird er sich bemühen. Wir müssen ihm sagen, daß er solche Aufgaben deshalb bekommt, weil er sich hervordrängt. Aber wenn er diese Eigenschaften bekämpft, wird er keine anderen Aufgaben machen müssen als die übrige Klasse.
Man kann aber namentlich die beiden Dinge für einen Schüler oder eine Schülerin zusammenkoppeln und wird dadurch, daß man ihm sagt, daß man ihn durchschaut, und ihm sagt, daß er solche Aufgaben deshalb bekommt, weil er sich vordrängt, durch das Zusammenkoppeln dieser beiden Sachen sicher viel erreichen. Sie werden sehen, daß Sie den Schüler nach einiger Zeit kuriert haben werden, wenn Sie diese Methoden anwenden."

Dienstag, 11. Mai 2010

Lob nicht für den Einzelnen, sondern für die Klasse

Waldorfpädagogik ist Bewusstseins-Seelen-Pädagogik, nicht Gemüts-Seelen-Pädagogik. Letzteres ist noch immer die verbreitete Überzeugung und Praxis: Es soll alles nett sein, gemüthaft, künstlerisch und schön. Viele Menschen flüchten sich geradezu deshalb in den Waldorflehrer-Beruf, weil sie wirklich diese Insel suchen.
Das ist ein großer Irrtum. So kann die Waldorfschule nie ihren Auftrag erfüllen.

Die Angaben Steiners bedeuten harte, unerquickliche Arbeit für die Lehrer und manchmal auch für die Schüler.
Gerade stieß ich wieder in den "Seminarbesprechungen" (gegen Ende der 6.Besprechung) auf solche unangenehmen Stellen.
Machen Sie das so, wie es da steht? Trauen Sie sich das? Oder denken Sie gar: Wie unmöglich, was Steienr da sagt; das arme Kind!

Es geht um die Behandlung von "Frömmlingen", "Brävlingen" und "Strebern":

"Das erste wird sein, daß man versucht, sorgfältig festzustellen, ob es sich handelt um ein berechtigtes Hervortun der begabteren Schüler, die mehr leisten können. Bei diesen wird man darauf sehen, daß nicht die größere Begabung in ehrgeizigen Egoismus übergehe. Man wird versuchen, das, was sie mehr können, für die anderen fruchtbar zu machen. Einen solchen Brävling wird man im Sinne seines größeren Könnens etwas machen lassen, was den anderen zugute kommt, so dass er nicht nur für sich, sondern auch für die anderen mitarbeitet. Kann er besser rechnen, so läßt man ihn den anderen vorrechnen und die anderen sich an ihm hinaufranken. Wenn er dann vom Lehrer die Folge seiner Gesinnung erfährt, die sich so ausdrücken kann: «Der Müller ist ein guter Junge. Seht, der Müller, der kann ja recht viel. Solche Menschen können den anderen viel nützen. Und ich lobe euch nun alle dafür, daß ihr von dem Müller so viel gelernt habt.» - Also überleiten das Lob auf den einen in das Lob für alle!

Sonntag, 9. Mai 2010

Die Inspiration kommt im Schlaf:

In folgendem Interview in der WELT vom 8.Mai 2010:

"Es war wie im Paradies"
VON ULRICH WICKERT 8. Mai 2010, 04:00 Uhr
(Ingo Schulze war Stipendiat der Villa Massimo. Im Gespräch mit Ulrich Wickert zieht er ein Resümee seiner Erlebnisse in Italien und gibt Einblicke in sein neues Buch, das in Rom entstand.)

finden Sie, wenn Sie genau lesen, wieder einen deutlichen Hinweis auf die Bedeutung der Nacht und des Schlafes:

....
Ulrich Wickert:
Eugène Ionesco hatte in seiner absurden Schreibstube eigentlich nur eine Couch und sagte sich: Da lege ich mich drauf, und irgendwann kommen mir die Ideen, und die diktiere ich dann meiner Sekretärin. Wie verhält sich das bei Ihnen mit der Inspiration?

Schulze:
Bei mir funktioniert das nicht ganz so. Bei mir passiert das Meiste, wenn ich versuche, Sätze aufs Papier zu bringen. Natürlich muss man irgendeinen Ansatzpunkt haben. Einen Anfang, einen Satz. Ich mache aber auch oft die Erfahrung, dass in dem Moment, wo man die Arbeit beendet, plötzlich noch etwas passiert, dann, wenn man sich nicht mehr in der Phase der Hochkonzentration befindet, sondern eher in einem Zwischenreich. Das hat dann durchaus etwas von Ionescos Dämmerzustand. Und plötzlich merkt man am nächsten Morgen: "Es" hat für einen gedacht. Es ist etwas passiert. Dann fragt man sich ganz verwundert: Nanu, wieso weiß ich das denn jetzt?....